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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Rote Beeren

© Günter J. Matthia


Der heiße Wind peitschte mir den Sand ins Gesicht. Ich versuchte, so schnell wie irgend möglich zu gehen, rannte, so lange ich genug Atem schöpfen konnte, die Angst trieb mich voran. Hannah konnte jeden Augenblick sterben.
Sie konnte schon tot sein. Ihre flackernden Augen in dem bleichen Gesicht für immer erloschen...
Vor wie vielen Tagen war sie nach Hause gekommen und hatte über Übelkeit geklagt? Waren es drei oder schon vier Tage? Es waren erst drei. Sie verfiel so schnell, viel zu schnell, man konnte fast zusehen, wie der Tod seine grausame Decke über sie legte. Heute Morgen hatten ihre Augen angefangen zu bluten ...
Sie hatte mit ihren Freundinnen gespielt, am Mittag war sie froh und gesund hinausgegangen, abends lag sie schon vom Fieber geschüttelt auf ihrem Lager.
Wenige Stunden nur dazwischen, wenige Stunden, die alles veränderten.
Endgültig veränderten.
Viel gesprochen hatte sie nicht mehr, als sie mit schlimmen Magenkrämpfen nach Hause kam. Ihre Freundinnen hatten zitternd und verängstigt damit herausgerückt, dass meine Tochter von den roten Beeren gegessen hatte, die am Bach wuchsen. Nicht eine oder zwei, sondern mehrere Hände voll. Auch die Freundinnen hatten hinein gebissen, aber die Früchte schnell wieder ausgespuckt, die Mutprobe nicht bestanden. Nur Hannah hatte so viel Mut bewiesen - tödlichen Mut?
Meine Tochter. Warum ausgerechnet sie? War ich selbst schuld? Hatte ich sie nicht immer zum Mut angestachelt, vielleicht, weil ich eigentlich gerne einen Sohn gehabt hätte? Ich liebte sie, mit meinem ganzen Herzen, aber hatte sie unbewusst gespürt, dass ich an männlichem Verhalten Freude hatte?
Warum hatte sie nicht erbrochen? Der Arzt hatte traurig den Kopf geschüttelt und erklärt, dass das Gift bereits im ganzen Körper sei, es hätte nichts mehr genützt, den Magen zu leeren. Sie würde sterben.
Ich stolperte über einen hervorstehenden Stein und stieß mir heftig den Arm beim Fall. Geschieht mir recht, dachte ich, warum habe ich ihr beigebracht, Schmerz zu unterdrücken? Geschieht mir recht, wenn ich jetzt selbst Schmerzen habe. Leb sie noch? Leidet sie noch unter der Qual? Werde ich sie noch einmal sehen?
Wie weit war es noch? Ich blickte mich um und erkannte, dass ich die Stelle fast erreicht hatte. Ich würde ihm erzählen, was geschehen war, ich würde ihn bitten, mit zu meiner Tochter zu kommen, um - ja, warum eigentlich?
Konnte er wirklich helfen, wo keine Hilfe mehr möglich schien?
"Jairus, renne so schnell du kannst! Jesus von Nazareth ist in der Stadt."
Viel mehr hatte mein Freund Gemael mir nicht sagen müssen, sofort hatte ich mich auf den Weg gemacht. Hastig hatte ich mich nach der Stelle erkundigt, wo er sein sollte, weinend hatte ich meine Tochter geküsst, die glühend heiße Wange gestreichelt, vielleicht zum letzten Mal, und war aus dem Haus gestürzt. Jesus von Nazareth war in der Stadt.
Der Lehrer. Der Heiler. Der - nun, vielleicht - der Messias. Es gab viele, die dieser Meinung waren. Gemael war überzeugt davon. Er hatte mit Menschen gesprochen, die von diesem Jesus geheilt worden waren, er hatte gesehen, dass diese Menschen nicht nur körperlich gesund sondern auch voll Glauben und Zuversicht waren. Ihr ganzes Leben schien durch die Begegnung mit diesem Mann verändert worden zu sein. Jetzt war er in der Stadt. Und meine Tochter starb.
Ich bog um eine Ecke und sah die Masse von Menschen. Sie füllten den Platz, ein Mann saß etwas erhöht, und alle Augen hingen an ihm. Alle lauschten, um keines von seinen Worten zu verpassen.
Unhöflich, aber das war mir in diesem Moment gleichgültig, drängte ich die Menschen beiseite und arbeitete mich durch die Menge. Man murrte und schimpfte, als Leiter der Synagoge konnte ich mir ein solches Verhalten eigentlich nicht leisten, das war mir klar. Aber was zählte das, wenn Hannah starb? Wenn ihre rissig gewordene Haut sich über den fiebernden Körper spannte, wenn eingesunkene, trübe Augen suchend durch den verdunkelten Raum irrten, sie keine Kraft mehr hatte, mit uns zu sprechen?
Ich hatte es geschafft und warf mich vor ihn nieder. Sicher hatte ich ihn mitten in einem Satz unterbrochen, aber ich hörte nichts als das rasselnde Atmen meines Kindes auf seinem Lager.
"Meine Tochter! Sie liegt im Sterben, sie ist schon tot, ich weiß es nicht!
Habe Erbarmen, komm in mein Haus und heile sie! Jesus, Sohn Davids, komm mit mir, bevor es zu spät ist. Hilf uns!"
Er blickte mich an, nicht vorwurfsvoll, nicht aufgebracht, weil ich ihn unterbrochen hatte. Es war ein Blick voller Mitleid, voller Zuneigung und Verständnis. Es war ein Blick, der mich für kurze Zeit vergessen ließ, warum ich hier war, ein Blick, bei dem ich mich einerseits vollständig durchschaut und wie nackt fühlte, als könne er bis in meine tiefste Seele schauen, andererseits angenommen, geliebt, getragen, nicht mehr allein mit meinem Schmerz.
Seine Jünger, die um ihn herum saßen und mich anschauten, als hätte ich die schlimmsten Schimpfwörter losgelassen, blickten entgeistert ihren Meister an, der ohne weiteres aufstand und ihnen ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Das schienen sie nicht erwartet zu haben, dass ihr Rabbi auf eine solch unverschämte Unterbrechung des Vortrages reagierte, indem er aufstand, um dem Störenfried zu folgen. Aber sie sagten nichts, sondern schlossen sich uns an.
Mein Herz schlug bis zum Hals. Er kam mit mir. Er kam zu meiner Tochter.
Vielleicht war es noch nicht zu spät, vielleicht konnte er ihr noch helfen.
Ich war so beschäftigt mit meinen Hoffnungen, dass ich zunächst nicht bemerkte, was hinter mir vor sich ging. Wir waren eine aufgeregte Menschenmenge, die meinem Haus zustrebte, alle redeten durcheinander, wollten wissen, wohin es ginge, wer der Mann sei, der in die Ansprache des Meisters geplatzt war, was mit seiner Tochter geschehen sei, und vieles mehr. Ich schwieg, hörte, wie andere alle möglichen und unmöglichen Antworten auf die vielen Fragen gaben. Dann blieb der Zug plötzlich stecken, und meine Ungeduld, meine Angst um mein Kind, das jeden Moment vom Leben in den Tod hinüber gleiten konnte, schlug wieder über mir zusammen. "Was ist denn, warum bleibt er denn stehen?" fragte ich einen der Jünger Jesu, der neben mir an der Spitze der Menge ging.
Er blickte sich um, hielt ebenfalls an und ging dann langsam einige Schritte zurück. Jesus stand da, und unterhielt sich mit einer Frau. Was konnte er wichtiges mit ihr zu reden haben, wo es doch in meinem Fall auf Leben und Tod ging? Konnte diese Frau nicht zu ihm kommen, wenn er aus meinem Haus wieder fort ging? Sie sah krank und leidend aus, das entging auch mir nicht, aber immerhin schien sie nicht jeden Augenblick mit dem Tod rechnen zu müssen.
In der Absicht, Jesus an die Dringlichkeit meiner Bitte zu erinnern, ging ich ebenfalls einige Schritte auf die Gruppe zu, die sich um ihn und die Frau gebildet hatte.
"Ich habe dein Gewand berührt, Herr, weil ich gesund werden wollte. Ich wagte es nicht, dich anzusprechen, ich wollte nur den Zipfel deines Mantels berühren, ich wusste, dass ich geheilt werden könnte."
Die Stimme der Frau, ja, die ganze Frau zitterte und sah vollkommen verstört und verängstigt aus. Auf einmal schien es mir, als spräche auch aus ihren Augen Todesangst.
Jesus sah sie an, wiederum so voller Mitleid und Trost, dass selbst meine Panik sich etwas beruhigte. Hier stand ein Mann, das sah ich, der sich nicht von Situationen treiben ließ, sondern der jederzeit Herr der Lage war.
"Warum bist du von hinten an mich herangetreten, versteckt, heimlich?", fragte er sie.
Es klang kein Vorwurf mit in seiner Frage, es war eher eine Ermutigung, sich eine Last von der Seele zu reden, anstatt sie weiter mit sich herumzutragen.
Und dann erzählte die Frau, stockend, zitternd, wohl wissend, dass sie nach den Reinheitsgeboten niemals hätte jemanden berühren, niemals sich durch die Menschenmenge hätte drängen dürfen. Zwölf Jahre lang hatte sie an unaufhörlichen Blutungen gelitten, zwölf Jahre lang Geld und Vertrauen zu den Ärzten getragen, zwölf Jahre lang gelitten unter ihrer Krankheit, die in unserer Gesellschaft wie ein Fluch war. Zwölf Jahre lang...
En Weinkrampf überfiel mich. Zwölf Jahre alt war meine Tochter, und sie würde den nächsten Geburtstag nicht mehr erleben, denn Jesus sprach noch immer mit den Jüngern und der Frau, erklärte, wie eine Kraft von ihm ausgegangen sei, wie er gefühlt hatte, dass jemand eine Berührung durch den Allmächtigen erlebt hatte.
Ich wollte das alles nicht mehr hören. Ich sah wieder mein Kind auf seinem Lager, glühend, die aufgesprungenen Lippen, die verkrampften Hände, die glasigen Augen, das Zucken der Beine, wenn ein neuer Krampf sie schüttelte.
Sie hatte keine Kraft mehr, gegen die Krankheit zu kämpfen, seit gestern schon, der Arzt hatte bereits am Morgen dieses Tages mit ihrem Tod gerechnet. Sicher war Hannah inzwischen tatsächlich nicht mehr am Leben.
Denn Jesus redete noch immer mit der Frau, mit den Jüngern, schien mich reinweg vergessen zu haben. Geduldig hörte er zu, gab Antworten, ermutigte die verstörte Frau.
Wie zur Bestätigung meiner Angst und Verzweiflung kam in diesem Moment mein Freund Gemael auf mich zu. Ich konnte seinem Gesicht ansehen, welche Nachricht er brachte. Tränen strömten über seine Wangen, leise sagte er: "Es ist vorbei. Hannah ist eingeschlafen, ganz ruhig und im Frieden, und dann blieb ihr Herz stehen. Jairus, es tut uns allen so weh, aber sie ist tot."
Ich starrte ihn an und versuchte, mit meinen Gedanken zurechtzukommen, ohne den Verstand und die Fassung zu verlieren. Hatte ich den größten Fehler gemacht, indem ich zu Jesus von Nazareth rannte, anstatt am Sterbebett meines Kindes zu bleiben und ihre Hand zu halten? Hatte Jesus mich nicht angesehen, als wisse er, dass das Kind gesund würde? Hätte ich ihn von der Frau fortreißen sollen, schließlich hatte sie ja ihre Heilung empfangen und war gesund, gesund, gesund - und mein Kind tot!
In meiner Qual blickte ich um mich, wo Jesus sei. Ich wollte Rat von ihm, ich brauchte Trost von ihm, von irgendjemandem wollte ich Antworten auf meine quälenden Fragen haben.
Ich sah ihn, umringt von seinen Jüngern und einer begeisterten Menschenmenge, die sich über das Wunder an der Frau freute. Ich ging auf ihn zu, aber mein Freund hielt meinen Arm fest.
"Warum den Meister noch belästigen, Jairus? Du siehst, er ist beschäftigt.
Lass ihn, und komm, deine Frau braucht jetzt deinen Trost."
Einige Umstehende mussten unsere leise Unterhaltung mitgehört haben, oder sie hatten aus unseren Gesichtern die schreckliche Wahrheit gelesen.
"Das Kind ist tot." "Seine Tochter ist gestorben." hörte ich von verschiedenen Seiten.
Langsam, mit gesenktem Blick, ging ich am Arm meines Freundes den Weg zurück zum Haus. Noch immer rannen die Tränen aus unseren Augen. Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter.
"Jairus, hab keine Angst. Glaube einfach, was du vorher geglaubt hast, dann wir es deiner Tochter gut gehen."
Ich fuhr herum, starrte Jesus ins Gesicht. Trieb er einen irrwitzigen Scherz mit mir? Hatte er nicht verstanden, dass mein Kind tot war?
Seine Mine war ernst, er strahlte Ruhe aus und wieder spürte ich die Gewissheit, dass er Herr über jede Situation war. Er hatte verstanden. Er wusste, dass der Tod gesiegt hatte. Er sprach sicher vom Paradies, in dem es dem Kind gut gehen würde. Er wollte mich damit trösten, er...
Nein. Das war es nicht. Ich sollte weiter glauben, hatte er mich aufgefordert. Glauben, dass sie gesund sein würde. Glauben, dass sie ihren nächsten Geburtstag erleben würde. Glauben, dass er, Jesus, die Antwort Gottes auf unsere unzähligen Gebete war.
Gaffend umdrängte uns die Menge, stieß und schubste von allen Seiten. Jeder wollte die Sensation miterleben, wollte später erzählen können, wie die Geschichte mit dem Synagogenvorsteher ausgegangen war.
"Simon Petrus, Jakobus, Johannes! Ihr kommt mit mir. Die anderen bleiben zurück. Alle!" ordnete Jesus mit fester Stimme an.
Es gab Gemurre und kaum eine Reaktion, keiner wollte etwas verpassen.
"Ich dulde es nicht, dass sonst jemand folgt." wiederholte Jesus seine Aufforderung, und diesmal ließ der Ton die Leute zögern. Das klang nicht mehr nach Güte und Erbarmen, hier sprach ein König, und hier duldete ein König keine Widerrede.
Se blieben tatsächlich stehen. Nur die drei Jünger, Jesus selbst, mein Freund und ich bogen schließlich in den Torweg ein, der zu unserem Haus führte.
Die Nachbarn waren ins Haus geströmt, einige Freundinnen meiner Frau, Hannahs Spielgefährtinnen und deren Eltern, meine Freunde, alle waren da und alle weinten und trauerten laut um den Verlust. Meine Frau sah ich nicht, ich vermutete, dass sie sich vor all dem Lärm mit ihrem tiefen Schmerz in eine ruhige Kammer geflüchtet hatte.
Einige erkannten Jesus von Nazareth und schauten ihn neugierig an. Andere fragten, wer die Männer seien, die ich mitgebracht hatte, so wussten binnen kurzer Zeit alle, dass der Rabbi, der Heiler, der, von dem so viel Unglaubliches berichtet wurde, herbeigerufen worden war, um meine Tochter zu heilen. Aber er war zu spät gekommen. Warum war er jetzt überhaupt noch gekommen?
Er sah die vielen Menschen an und sagte laut und deutlich: "Weint doch nicht, sie ist nicht tot. Sie schläft."
Höhnisches, bitteres Gelächter antwortete ihm. Und auch in mir stieg wieder etwas von der bitteren Enttäuschung empor. Wie konnte er sagen, sie schliefe? Hatte er es doch nicht begriffen?
Unser Arzt schüttelte den Kopf. "Verzeih, Rabbuni, aber das Kind ist tot.
Das Herz schlägt seit einer halben Stunde nicht mehr, die Lunge atmet nicht, nein, sie ist wirklich tot."
Tröstend nahm mich der Arzt in den Arm.
"Es tut mir so leid, Jairus. Aber ich konnte ihr nicht mehr helfen, das weißt du."
"Ich weiß. Ich danke dir für alle Mühe, die du dir gegeben hast."
"Kommt mit mir, " forderte Jesus seine drei Jünger auf. "Du auch, Jairus, und die Mutter des Kindes. Und versuche, Glauben zu haben." sagte er zu mir.
Irgendjemand holte meine Frau und zu sechst gingen wir in das Sterbezimmer.
Obwohl ich wusste, was mich dort erwartete, traf es mich doch wie ein Schlag in den Magen, meine tote Tochter dort liegen zu sehen. Die Farbe war endgültig aus Hannahs schon vorher bleichem Gesicht gewichen, kalt und wie Wachs war ihre Haut. Ich hielt meine Frau im Arm, wir weinten. Auch den drei Jüngern liefen Tränen aus den Augen, als sie das Kind dort liegen sahen.
"Siehst du es, Herr?" fragte ich Jesus, "sie ist tot."
Meine Stimme brach und ich versuchte, eine einigermaßen männliche Haltung zu bewahren. Aber es gelang mir wohl nicht allzu gut.
Wieder blickte ich in diese liebevollen, mitleidenden Augen des Meisters.
"Habt doch Glauben an Gott." sagte er leise.
In meinem Kopf drehte sich alles. Glauben haben. Wie denn, wenn ich vor der Leiche meines einzigen Kindes stand? Glauben - woran? Glauben - wofür jetzt noch? Konnte er wirklich auch jetzt noch helfen? Hatte er denn wirklich noch mehr Macht, als mir möglich schien? Sollte es ihm möglich sein, meine Tochter aus den Klauen des Todes zu reißen? Wenn ich auf den leblosen Körper blickte, schien es mir unmöglich. Aber wenn ich ihn, Jesus, ansah, dann war da doch wieder ein Funke Hoffnung. Meine Frau flüsterte: "Ich glaube, Jesus, Sohn Davids, dass Du uns helfen kannst."
Ich schob verzweifelt alles beiseite, was in mir gegen die Hoffnung stritt und sagte: "Ja, wenn uns unser Schöpfer gnädig ist, dann kannst Du sie - heilen."
Er blickte uns beide prüfend an, sah stumm seinen drei Jüngern in die Augen, dann wandte er sich dem Lager zu. Er nahm behutsam die Hand meines Kindes und sagte ruhig, aber bestimmt: "Mädchen, steh auf."
Fassungslos stand ich daneben und beobachtete, was geschah. Ich hatte lange Gebete, vielleicht gar Beschwörungen, Kämpfe mit den Mächten des Todes erwartet. Aber er sagte nur diesen einzigen kurzen Satz, befahl ihr, aufzustehen, und nach einem winzigen Zittern, das auf Hannahs Gesicht erkennbar wurde, öffnete sie die Augen und richtete sich zum Sitzen auf.
Ich konnte zunächst nicht reagieren, auch meine Frau stand wie versteinert.
Waren wir Opfer einer Sinnestäuschung? Hatte mich mein Verstand jetzt endgültig verlassen?
Unser Kind blickte mit wachen, klaren Augen den Mann an, der noch immer ihre Hand hielt und sie beruhigend anlächelte. Dann ließ er sie los, und sie sah uns.
Nun fiel die Lähmung endlich von uns ab und wir nahmen sie in die Arme, als wollten wir sie nie mehr loslassen. Es war unfassbar, aber das Wunder war geschehen, fast beiläufig. Keine Zeremonie, kein Geschrei, lediglich ein einziger Satz aus dem Mund dieses Mannes aus Nazareth. Hannah lebte, und sie zeigte keinerlei Anzeichen der Krankheit mehr. Als sei sie an einem normalen Morgen erwacht, saß sie in ihrem Bett.
Wir drückten sie so, dass sie schließlich stöhnte: "Wollt ihr mich ersticken?"
Ich lachte erleichtert und ließ sie los. Keine Sinnestäuschung, kein Traum, sondern Hanna war am Leben.
Ich kniete vor Jesus nieder und fand keine Worte des Dankes. Stumm sah ich ihn an, aus tränenden Augen. Ich konnte einfach kein Wort herausbringen.
Aber sicher las er aus meinen Blicken, wie mir zumute war. Sanft zog er mich empor und sagte: "Gebt ihr etwas zu essen, sie muss zu Kräften kommen."
Er hatte ja Recht, drei Tage und Nächte hatte sie nichts zu sich genommen, der Kampf gegen das tödliche Fieber hatte sie vollends entkräftet. Natürlich hatte sie Hunger. Natürlich sollte sie so viel zu essen bekommen, wie sie nur schaffen konnte.

Eingereicht am 28. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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