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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Stau

© Magnus Lebemann


Sie gebar mir Zwillinge, die ich nun durchzufüttern hatte. Ihre kurz geschorene Tänzerfrisur mit diesen beschissenen Spitzen vor den Ohren hatte ich schon lange satt. Und nun die doppelte Vater-Rolle.
Wenn sie wüsste, dass mein Geld nahezu täglich in den Schlund irgendeiner Spielmaschine wandern würde, hätte sie die Beziehung wahrscheinlich längst gekündigt. Oder noch schlimmer: sie wäre geblieben ...
Tanja hingegen melkt mich regelmäßig ab und ich stelle mir jedes Mal vor, wie ein Leben mit ihr wäre. Sie ist eine Partymaus, wirft sich jedem an den Hals und versucht, allen zu gefallen. Zu stressig wäre das. Wo ist sie nun wieder? Wer fickt sie vielleicht gerade auf der Toilette einer miesen Diskothek? Kann ich sie halten? Sollte mal Gummis mitnehmen, beim nächsten Mal ...
Nichts wird sich ändern. Wohl nie. Meine Freundin wiegt an die 90 Kilogramm und hat optisch nichts zu bieten. Bin da irgendwie reingeraten.
Meine Optik hat sich auch nicht gerade zum Guten entwickelt. Besseres als die Alte bekommt man aber allemal.
Auf der Arbeit heißt es: Stempeln, kurze Telefonate, Leute abwimmeln. Bin Kundenbetreuer in einem großen Telekommunikationsunternehmen und sehe zu, dass die Kohle mehr oder minder regelmäßig auf das gemeinsame Konto huscht. Tanja ist derzeit die einzige Ausnahme des Lebens, das ich nie wollte.
"Hallo Justus, du, ich muss mit dir reden. Kommst mal rum?" "Klar, acht Uhr?" Bei Tanja angekommen, erfahre ich von einem weiteren Kind (von einer inoffiziellen Frau) und langsam wird es mir zu bunt. Ihr warmes Blut ist das Letzte, was Tanja mir gab und auf der Heimfahrt schmecke ich es und frage mich erneut, wie es mit ihr gewesen wäre.
Ich werde von meiner Familie empfangen. Die Kinder sind noch nicht im Bett. Meine Presswurst freut sich, ihren Ehemann zum Fernsehabend bitten zu dürfen. Sie bemerkt meine rot-gefärbte Kleidung und macht sich in die Hose, weil wohl was Schlimmes passiert war. Nein, auf der Arbeit war soviel Sauce auf dem Hot Dog. Ist irgendwie überall draufgespritzt. Sie klaubt den Mist und stopft die Wäsche in die Trommel, bevor ich dem ganzen Gesocks die Kehle durchschneide.

Eingereicht am 27. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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