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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Verletzungen

© Claudia Buchmüller


Umgeben von hohen Mauern aus roten Ziegelsteinen. Der graue Mörtel, der sie verbindet, ist an einigen Stellen schon brüchig. Ich verliere mich in der Betrachtung der Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die staubige Luft bahnen und Kringel auf dem rissigen Betonboden hinterlassen. Abermillionen von winzigen Staubkörnchen kämpfen um einen Platz im Licht.
Ein zartes Stimmchen dringt an mein Ohr: "Wie kommst Du nur darauf, dass wir kämpfen?" - Plötzlich ist der ganze Raum erfüllt von geheimnisvollem Wispern: "Hörst Du es denn nicht? Den dumpfen Schlag der Trommeln, der uns den Takt angibt? Das hohe C der Flöten? Die sanfte Melodie der Geige?" "Reihe Dich ein in den Tanz des Lebens! Spüre die zärtliche Berührung! Lass' Dich fallen!"
Mich fallen lassen? Allein schon der Gedanke nimmt mir die Luft zum Atmen, lässt mich den Aufprall erahnen. Ich sehe meine Illusionen zerbrechen wie Glas. Das Klirren in meinen Ohren und die Bilder der unzähligen Glassplitter fügen sich zu Buchstaben, Wörtern, Sätzen: A N G S T, Ablehnung, Bedrohung. Nicht geliebt werden …
Meine Augen gleiten entlang der Ziegelsteine, suchen nach einer dunklen Stelle im Mauerwerk durch die kein Licht dringt, einer Stelle, die durch ihre Unversehrtheit Geborgenheit und Schutz gibt. Schutz vor der Bedrohung der Außenwelt. Schutz vor dem kalten Licht der Wirklichkeit.
Die Luft ist erfüllt von Raunen: "Wir wissen um diese Ängste der Menschenkinder, aber wir können sie nicht verstehen!" "Bitte hilf uns dabei." "Warum habt ihr, die ihr doch um so vieles größer seid als wir, kein Vertrauen zueinander. Ihr seid doch auch Viele. Warum fühlt ihr euch nicht geborgen in eurer Gemeinschaft, so wie wir?"
Das kommt von den Verletzungen die die Menschen einander zufügen. "Verletzungen? Was meinst Du damit?"
Menschen tun einander oft weh, mit Worten, mit Gesten, mit Tätlichkeiten; es gibt unendlich viele Möglichkeiten, anderen weh zu tun.
"Das passiert bei uns auch. Erst gestern beim Morgentanz sind viele von uns vom Sonnenstrahl ins Dunkel abgestürzt. Wir waren zu ungestüm und unachtsam, das geschieht manchmal, im Eifer des Gefechts. Aber sollen wir uns deshalb nicht mehr auf den Tanz in der Abendsonne freuen? Dann könnten wir ja keine neuen Schritte mehr lernen."
Das sagt ihr, die ihr noch im Sonnenlicht seid. Was sagen diejenigen, die abgestürzt sind ins Dunkel?
"Ich, ich, ich möchte Dir das erklären. Ich auch, Ich auch … Ich bin beim Morgentanz ins Dunkel geschubst worden. Es war schrecklich dort unten auf dem kalten Betonboden, aber ich war ja nicht alleine dort. Wir haben uns gegenseitig getröstet, uns Geschichten aus unserem Leben erzählt und darauf gewartet, dass die Abendsonne ihr Licht schickt. Und nun sind wir wieder hier!"
Seid ihr nicht böse auf die, die euch geschubst haben? "Aber nein, wie könnten wir? Nächstes Mal sind wir vielleicht bei denen, die schubsen, dann müssten wir ja auf uns selbst böse sein." Und wirklich keiner von euch war ein klein wenig sauer? Ein zartes, hauchdünnes Stimmchen dringt an mein Ohr: "Doch, ich, aber ich bin noch ganz neu hier und muss noch vieles lernen"

Eingereicht am 26. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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