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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Mit Edelweiß und Galgenstrick

© Hilke Effinghausen


Undurchdringliche Nebelschwaden waberten auf den zerbombten Straßen des Kölner Stadtteils Ehrenfeld, umschlossen alles in ihrem unheimlichen, morgendlichen Grau wie ein Geheimnis, das sie nicht preisgeben wollten. Nur hie und da stieß schemenhaft eine Figur aus dem Dunst, grüßte knapp mit einem Kopfneigen und ging sogleich erneut seines Weges. Stets war man darauf bedacht, so wenig wie möglich in den rauchigen Gassen zu verweilen, nebst eingefallener, ruinengleicher Gemäuer oder gänzlich zerstörten Häuser, die nunmehr als einzige Berge von Schutt, Steinen und Geröll zurückgeblieben waren. Aus den Gesichtern der Menschen, welche nur noch wenig auf den Straßen anzutreffen waren, war jede Freundlichkeit gewichen. Freilich bemühte man sich um ein aufmunterndes, tapferes Lächeln sofern man Freunde oder Bekannte traf, in der Tat aber blickte man in kalte, ausdruckslose Mienen, starre Augen, jeglichen Schimmers der Freude und der Hoffnung beraubt. Das einzige Gefühl, das jenen Gesichtern abzulesen war, war Angst. Angst, die nun, da kein Luftangriff herrschte, ruhte, nicht aber verschwunden war. Diese Angst, die jederzeit wieder erbarmungslos ausbrechen konnte, beobachtete Lotte vor allem bei Kindern, und auch von ihr hatte sie Besitz ergriffen. Allerdings gab es da auch andere Gesichter, in denen das mit einer guten Beobachtungsgabe gesegnete Mädchen nichts dergleichen entdecken konnte. Die Besitzer jener Gesichter waren, so hatte es Lotte die Erfahrung gelehrt, meist von der Richtigkeit der schrecklichen Kriegsvorgänge im Land überzeugt, gaben sich unerschrocken, vielleicht stolz? Diese Gesichter machten allerdings nur eine sehr geringe Minderheit der Ehrenfelder Bewohner aus. Lottes Herz, wenngleich unschuldig und rein, fühlte nichts als blanken Hass für diese Menschen. Wieso verstanden sie denn nicht, wo sie doch das Leid des Volkes jeden Tag mit ansahen? Der Großteil der Menschen jedoch betete für das Ende ihrer Angst und Hoffnungslosigkeit, denen war der Krieg, das elende Morden verhasst, doch was konnten sie schon tun? Bekennende Pazifisten endeten nicht selten mit einer Kugel in der Brust, und so schwieg man. Es gab nur wenige, die sich der Obrigkeit widersetzen. Der Druck, der auf den Schultern der Bürger lastete, machte sich in eben den angsterfüllten, vorsichtigen Gesichtern bemerkbar, und so mancher zerbrach daran.
Die umgreifende Furcht sah man auch der Frau mit schmalen, geschürzten Lippen und von kleiner Statur an, mit welcher Lottes Mutter gerade in ein Tauschgeschäft vertieft war; Brot und Milch waren knapp geworden in der Stadt. Tiefe Furchen zogen sich durch das Antlitz der Schmallippigen, Sorgenfalten säumten die Stirn. Man mochte sie auf vierzig Jahre geschätzt haben, wie sie dort am Straßenrand mit leiser, vorsichtiger Stimme mit Lottes Mutter handelte, in der Tat aber zählte sie nicht viel mehr als dreißig Jahre. Dessen war sich Lotte sicher, da sie die Frau sie war Krämerin von Beruf kannte, seit ihre Mutter sie alleine auf die Straße lassen konnte. Als Besitzerin des Kaufmannsladens an der Ecke hatte Lotte bei ihr oft alles Notwendige besorgen können; nun jedoch existierte das kleine Geschäft seit einem besonders heftigen Bombenangriff nicht mehr und der Handel wurde auf der Straße fortgesetzt. Allerdings jedoch hatte sich das Lebensmittelsortiment auf das Minimalistischste reduziert. Nun jedoch hatten beide Frauen ihr Geschäft abgeschlossen und Lottes Mutter, die einen kleinen Laib Brot erworben hatte, zog ihre etwa dreizehnjährige Tochter mit sich, welche währenddessen das übliche Treiben um sich herum beobachtet hatte. Gemeinsam wollten sie in die Schösteinstraße einbiegen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Plötzlich jedoch blieb Lotte stehen, immer noch an der Hand der Mutter, die eben noch eiligen Schrittes geradeaus gestrebt hatte und nun auch überrascht neben ihr zum Stehen kam. An der Ecke der Venloerstraße und der Schösteinstraße hatte sich eine immense Menschentraube gebildet, höchst ungewöhnlich zu diesen Zeiten. So viele Menschen auf einmal hatte die Vierzehnjährige lange nicht zu Gesicht bekommen; gespannt standen sie um ein großes hölzernes Podest mit fünf langen Pfeilern herum versammelt. Das gesamte Gelände wurde schwer bewacht, überall erblickte Lotte SS oder Gestapo mit Maschinengewehren im Anschlag. Sie fröstelte, das Herz begann ihr zu rasen. Waren an jener Stelle nicht vor einigen Wochen die Fremdarbeiter gehängt worden? Jetzt betraten weitere bewaffnete Soldaten das Podest, jeder einen von fünf Jungen im Griff, die allesamt in alten, zerschundenen Kleidern steckten und sich verzweifelt und in Todesangst unter den Händen der Männer wanden. Nur einer, der größte unter ihnen, wehrte sich nicht; er schritt mit erhobenem Gesicht voran und drehte sein feinzügiges Gesicht der angespannten Menge zu. Jeder spürte, was kommen würde. Entsetzen stand in den Gesichtern geschrieben. Lottes Hände begannen zu zittern, fassungslos starrte sie zu dem Jungen hinauf. Dieser schrie nun, an die Menschen gewand: "Warum lässt ihr euch so unterdrücken? Tut etwas, oder ihr werdet alle...". Sogleich wurde er für seine ungeheuerliche Widrigkeit mit einem festen Schlag ins mitten ins Gesicht bestraft; er schrie auf und die Leute hielten hörbar den Atem an. Das Mädchen, gebannt das Geschehen verfolgend, schluchzte auf. Nein, wie konnte das passieren, wie kam Peter dort oben auf das Podest. Er hatte ihr doch versprochen, aufzupassen, er hatte gesagt, er würde sich nicht erwischen lassen. Peter war ein Edelweißpirat. Der Sohn einer armen Arbeiterfamilie hatte sich vor einiger Zeit der rebellischen Autonomiebewegung angeschlossen, die durch die Einschränkung ihrer Freiheit, den zunehmenden militärischen Drill in der Hitlerjugend und dem jugendlichen Wunsch nach Selbstbestimmung jedwede nationalsozialistische Jugendorganisation ablehnte. Zunächst lehnten sie die Teilnahme am Hitlerjugend Dienst ab oder provozierten einen Ausschluss, organisierten verbotene Fahrten und träumten zusammen von einem friedlichen, kriegsfreien Deutschland. Mit der Zeit jedoch äußerten sie ihren zunehmenden Hass auf die Nationalsozialisten mit Anschlägen und Prügeleien, sogar Morden. Sie bildeten sich zu einzelnen bewaffneten Banden zusammen, die im gesamten Reichsgebiet existierten und wurden somit vom Staat als kriminelle, degenerierte Jugendliche diffamiert. Ein Edelweiß unter dem linken Rockaufschlag oder eine gleichfarbige Anstecknadel stellte ihr Erkennungszeichen dar, und ihr unnachgiebiger Widerstand trotz allem Druck sollte nicht ungeahndet bleiben.
Peter, Lottes Freund, war sich stets dessen bewusst gewesen, dass man ihn und die anderen Edelweißpiraten bei Verdacht bespitzelte und sofort zu denunzieren hatte. Lotte jedoch hatte ihn nie verraten, vielmehr bewunderte sie den jungen Rebellen für seinen Mut. Das Naziregime war ihr um alles verhasst, doch stets überwiegte ihre Angst. Auch Lottes Mutter zog es vor, nicht zu reden, sondern fügsam zu schweigen.
Jetzt wurde Peter samt seinen Kumpanen zu je einem der Pfeiler geführt. Man wies sie an, sich jeweils auf einen Stuhl zu stellen und legte ihnen feste Stricke um den Hals. Lotte verfolgte das Geschehen wie in Trance, vergaß ihre Mutter, vergaß die Menge, alles, was sie erreichte, waren die schrecklichen Bilder, die sich vor ihr abspielten. Sie wollte schreien, wollte hinauflaufen auf das Podest, doch sie stand wie gelähmt. Sie sah sie wie in einem engen Raum stehen, aus dem sie nicht ausbrechen konnte. Kein Ton entwich ihrem Mund. Sie wusste, würde sie das Unvermeidliche verhindern wollen, stünde auch sie dort droben vor ihrem eigenen Galgen. Bestimmt fünfzig Menschen standen um die Verzweifelte herum, und auch sie waren von selbem Grauen gepackt, doch die Angst, die verdammte, sie war zu groß.
Ein großer, stämmige Soldat verlas nun die Anklage. Er verkündete trocken, dass es sich bei den jammernden Kreaturen um gefährlichste Verbrecher handele, die man zum Schutze der Öffentlichkeit hängen müsse. Mit dem dumpfen Geräusch von Tritten wurden nun alle fünf Stühle entfernt, dann erfüllten letzte gellende Schreie und ein heiseres, japsendes Gurgeln den Platz. Von einem stillen Weinkrampf geschüttelt vergrub Lotte ihr Gesicht in den Mantel ihrer Mutter. Dann war es still. Nicht ein einziger Mensch hatte gewagt, etwas zu unternehmen.
Bei Dunkelheit war es leer geworden um den Platz. Totenstille. Leise schaukelten die erkalteten Leichen an ihren Stricken im jaulenden Wind. Erst bei dem gellenden Alarmsignal, welches einen erneuten Luftangriff hervorsagte, nahm man die armen Seelen ab. Keiner von ihnen hatte mehr als das sechzehnte Lebensjahr erreicht.

Eingereicht am 22. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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