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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Alltägliche, monotone Routine

© Ruth Götzinger


Ja, ja, ich weiß, jetzt stöhnen die ersten schon wieder. Nicht schon wieder eine graue, negative Geschichte über alltägliches, Routine, Einförmigkeit, Langeweile. Nicht schon wieder!
Aber, und schon erscheint mein Lieblingswort, ABER, heute wird das nicht so.
Heute wird es keine graue, negative Geschichte über die Gemeinheit des Aufstehenmüssens, des alltäglichen Kampfes gegen Müdigkeit, Frust und Langeweile - nein, heute wird es eine positive Geschichte. P O S I T I V - positiv.
Wenn man es nämlich genau bedenkt, ist der Alltag zwar eigentlich nicht der tollste, aber mit Abstand der beständigste Part unserer Existenz.
Egal in welchem Alter: Alltag ist Ruhe, Alltag ist bekannt, Alltag verläuft störungsfrei und ohne Überraschungen. Man gewöhnt sich sogar irgendwie an den Alltag.
In dem Moment in dem wir auf die Welt kommen beginnt die Lebensroutine. Wir beginnen mit dem Kreislauf des Babys (essen, schlafen, schreien, lernen, Windeln wechseln) und hören mit dem Kreislauf des erwachsenen, normalen Arbeitnehmers auf (aufstehen, in die Arbeit fahren, arbeiten, nach Hause fahren, essen, fernsehen, schlafen).
Wir können, ob es uns gefällt oder nicht, unser Leben tatsächlich auf diese wenigen Grundpfeiler reduzieren.
Aber ist das wirklich so schlimm? Die spontane Antwort muss jetzt natürlich "JA" lauten. Ja! Ja! Ja! Es ist schlimm, es ist gemein, es ist total fies und ungerecht.
Jeden Morgen klingelt mein Wecker um 06:00h. Ich habe Schlaf in den Augen, zerknautschte Haare und miese Laune. Ein Druck auf die Fernbedienung erweckt mein Radio zum Leben. Ich wanke ins Bad; wenigstens meine Socken sind noch kuschelig warm. Deo und geputzte Zähne machen mich etwas menschlicher.
Angemerkt sei hier, dass ich vorher genannte Tätigkeiten im Dunkeln tue, weil ich Licht um diese Uhrzeit unerträglich finde. In meinem Schlafzimmer angekommen ziehe ich die Jalousien hoch, gähne und recke mich zu meiner vollen Größe (oder besser Kleinheit) von 1,70m auf. Jetzt, erst jetzt, inzwischen sind nämlich sechs Minuten seit meinem Aufstehen vergangen, schalte ich meine winzige Nachttischlampe an.
Unglaublich wird da jetzt mancher schreien! "Völlig unglaubwürdig" wird jetzt jeder Ottonormalmann meine Aussage zu sechs Minuten im Bad finden.
Aber ich lüge nicht. Auch wenn ich weiblichen Geschlechts bin, schaffe ich es in sechs Minuten aus dem Bad zu verschwinden. Ganz ehrlich.
Die Kontaktlinsen finden ihren Weg in meine Augen, Lidschatten, Lidstrich, Mascara und Lippenstift geben mir mein normales Gesicht zurück.
Dann ab in die Klamotten. Ich lege sie mir bereits am Abend vorher raus und damit zeige ich hoffentlich, dass ich tatsächlich weiblich bin. Ich kann mich morgens einfach nie entscheiden, was ich anziehen soll. Dafür reicht mein halbwegs hochgefahrenes Denkzentrum noch nicht aus. Schuhe, Schal, Handschuhe und Mantel geben mir den letzten Schliff, damit ich das Haus verlassen kann.
Und jetzt? Jetzt hab ich gerade meinen normalen Morgen geschildert. Den durchschnittlichen, normalen, monotonen Alltagsmorgen, den wahrscheinlich jeder, wenigstens ähnlich, kennt. Und höchstwahrscheinlich hasst ihn auch jeder genau aus diesem Grund.
Aber anhand dieses Morgens kann man doch ganz klar sehen, dass Routine etwas ist, dass zu unserem Leben gehört und nichts satanisch Böses. Ganz im Gegenteil, manchmal ist es gerade zu traurig die Monotonie zu verlieren und diese Aussage kann ich beweisen.
Ich habe ein kleines rotes Auto - nicht mal 50PS, keine Servolenkung, keine Zentralverriegelung, eine winzige Heizung und einen noch winzigeren Kofferraum. Kurz, es war eine echte Zumutung mit dem Auto zu fahren. Was habe ich nicht geschimpft und gezetert, gemotzt und gemosert. Aber, und schon erscheint das schöne Wort, jetzt verkaufen wir ihn. Heute Nachmittag wird er nicht mehr mein kleines rotes Auto sein. Und wissen Sie was? Ich habe wirklich ein paar Tränchen vergossen bei der Vorstellung MEIN kleines Auto zu verkaufen. Denn jetzt gehört er nicht mehr mir, jetzt weiß ich nicht mehr in welchem Zustand er morgen sein wird. Es ist fast so als verliert man einen alten, heiß geliebten Teddybär. Dieses Auto war mein Auto, es war nervig, es war zickig und außerdem auch noch alt und klapprig, aber ich musste niemanden nach dem Schlüssel fragen, ich konnte immer losfahren - er war ein kleines Stück persönliche Freiheit. Er war ein Stück Routine, ein Stück Alltag. Dieses Stück Alltag zu verlieren heißt sich an ein neues Auto zu gewöhnen, seine Macken nicht mehr zu kennen und etwas Altvertrautes aufzugeben. Etwas das zu mir gehört hat, wie mein zerknautschtes Gesicht um sechs Uhr früh.
Stellen Sie sich vor, Sie würden jeden Morgen nicht mehr am gleichen Ort oder immer mit anderen Menschen im Zimmer aufwachen! Vielleicht wäre das ein oder zwei Mal ganz reizvoll, aber doch nicht permanent. Sie müssten abends Angst haben morgens nicht pünktlich zur Arbeit zu kommen, weil Sie vielleicht 100km von der Arbeit entfernt aufwachen würden. Oder vielleicht hätten Sie morgen mal gar keine Arbeit, oder völlig neue Kollegen... Die Liste lässt sich beliebig lange fortsetzen.
Routine gehört zum Leben wie man eben Luft zum Atmen braucht. Es ist ganz und gar unmöglich jeden Tag etwas anderes zu erleben. Routine ist die Konsequenz davon lebendig zu sein. Es ist nur die Frage, was man aus Routine macht.
Sicherlich wird es immer einen Tag geben wo einem wirklich alles auf die Nerven geht und man sich am liebsten in die Karibik wünscht - aber vielleicht sollten wir einfach lernen, dass wir die Abwechslung von Routine gar nicht zu schätzen wüssten, gäbe es keine, und dass wir der Schmied unseres Glückes sind.
Akzeptieren wir also Routine als Teil unseres Lebens und begrüßen sie als bekannte, freundliche Konstante, dann werden die Schweinehundtage immer seltener auftreten.

Eingereicht am 17. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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