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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Aurora; doch nur ein Moment

© Max Hirsch


Wir lernen uns kennen. Seit einem halben Jahr.
Sie, gebürtig und wohnhaft in Bremen. Ich, gebürtig in Münster, wohnhaft in Augsburg. Unsere erste Begegnung hatten wir in Stuttgart.
Auf der Suche nach einer Mitarbeiterin lief ich den Gang runter, öffnete eine Tür und grinste in zwei Gesichter, die mich fragend ansahen. Ich schoss in den Raum, ob jemand die nächsten zwei Monate mit mir zusammenarbeiten würde. Sie sagte spontan ja. Ich sagte gut. Während dieser acht Wochen ergab sich wenig. Daran war nicht mal im Traum zu denken. Ich mochte ihren Geruch.
Sie, wie sie später zugab, meine Unterarme. Das Projekt wurde abgeschlossen, wir gingen weiter zusammen essen, tranken weiter Kaffee, besuchten Filme und Aufführungen. Es war mehr als bloßes Verständnis, bloße Anziehung, bloße Begierde. Es war Wellenreiten. Zu zweit auf einem Brett. Geteilter Meinung zu sein, bedeutete sich anzuhören, die andere Seite zu respektieren und es nicht zu vergessen. Das war neu für mich.
Zwei extrem sexuelle Menschen, die sich noch kein einziges Mal angefasst hatten. Das sollte sich ändern. Der Pfeil traf. Wer weiß, wie oft der schon daneben ging. Vielleicht hatten wir uns zuvor zu schnell bewegt. Wir fuhren in meinem Wagen durch die leere Stadt. Kauften uns Bier, legten die besten Kassetten ein, unterhielten uns, tauschten Gedanken aus, genossen schlicht unser Dasein. Wir brachen in einen abgesperrten Park ein und lauschten in dem Pavillon dem Streichquartett des vergangenen Tages. Sahen dem Mond beim Zunehmen zu, pflückten verbotene Blumen und liefen über den nicht zu betretenen Rasen. Wir lagen uns irgendwann in den Armen. Aber es fiel nicht auf. Daneben geschossen. Wir waren gewohnt die Nächte durchzumachen, nur ein, zwei Stunden zu schlafen, tagsüber wieder Unmengen Kaffee zu konsumieren, nur um uns am Abend, wacher als in irgendeinem anderen Moment des Tages, ´hallo´ sagen zu können. Also beschlossen wir noch an ein Schiffswehr zu fahren. Dort sah ich sie das erste Mal in einem anderen Licht. Mag weniger an den Lampen gelegen haben, mehr, weil sie sich so auf die Mauer gesetzt hat, wie sie es tat. Ich stand neben ihr und wir sahen auf das schäumende Wasser. An der Böschung links von uns waren immer wieder Lichtpunkte zu sehen. Ich vermutete Glühwürmchen. Sie sagte, zu weiß und sie bewegen sich nicht. Ich sah genauer hin. Es waren so an die zwanzig kleine, weiße Punkte, deren Ursprung ich zu erkennen nicht in der Lage war. Die Neugierde trieb mich hin. Sie schien sich damit abzufinden, dass es nun mal kleine, helle Punkte waren. Umso näher ich kam, umso weniger wurden es. Als ich schließlich an dem vermuteten Platz auf der Böschung stand, war kein einziges auch nur noch so kleines Lichtchen zu sehen. Ich stand da und kam mir vor wie ein Mensch, der aufgrund einer zeigenden Hand in die gezeigte Richtung sieht und feststellen muss, dass da nichts war, außer der lachenden Mäuler aus denen die Schadenfreude schallt. Ich rief ihr zu, dass hier nichts ist. Sie meinte, es sei so wie vorher. Ich bat sie, mich zu dirigieren, mich nah an die Lichtpunkte zu führen und tapse langsam durch das Gras. Sie rief Stopp, weiter, Stopp, und ich bückte mich und musste Lächeln. Ich ging zurück. Sie sah mich an, mit ihrer besonderen Art, mit angewinkeltem Kopf und einem leicht schrägen Lächeln, ein Auge ein wenig zugekniffen. Sie sah so wundervoll aus. Was, nun? Glasscherben, sagte ich. Glasscherben, in denen sich die Sterne spiegeln. Oh, sagte sie. In diesem Moment war ich ihr zu nahe, und wir küssten uns. Lange. Wie lange weiß ich nicht. In solchen Momenten bleibt die Welt stehen. Sie dreht sich kein Grad weiter. Sie ruht.
Man wird schwerelos und treibt durch einen See der Gefühle. Wir sahen uns an, standen immer noch auf dem Wehr, die Erde musste sich wieder drehen, denn wir fühlten den Boden unter den Füßen. Ich hielt den Blick für einen wahr gewordenen Teil der Ewigkeit. Das sollte er auch sein. Er wird für immer in meinem Gedächtnis bleiben. Sie hatte unlängst mit ihrem Freund Schluss gemacht, der ihr aber immer noch ergebend nachlief. Ich hatte eine sieben Jahre währende Beziehung, die ich nicht beendete. Wir sahen uns auch nachdem unsere Tätigkeiten in Stuttgart beendet waren, verabredeten uns in Köln zu einem Hotelwochenende, oder in Berlin zu Geburtstagen, zu Feiern aller Art. Es entwickelte sich eine Art Routine und jedes Mal stülpte sich eine Glasglocke über uns und wir waren der Realität enthoben. Es konnte Regen geben, wir wurden nicht nass, Trauer den Raum beherrschen, wir haben gelacht, es war außerhalb dieser unüberwindbaren Mauer zum Schreien komisch, wir trösteten uns die Tränen von den Wangen. Nichts schien wie es sein sollte. Hatte ich doch endlich die Liebe gerochen und war bereit alles dafür zu geben. Sie fraß mich auf und ich hoffte dem Rachen wohl zu schmecken.
Eines Morgens, wieder nach einer himmlischen Nacht, ritt mich ein besessener Reiter.
Wir lernen uns kennen, seit einem halben Jahr.
Sie, gebürtig und wohnhaft in Bremen. Ich, gebürtig in Münster, wohnhaft in Augsburg.
Die Augen öffnen sich. Dieses Zimmer, weiß, so wahnsinnig weiß, so mit feinem Geruch, so frisch, wie immer und immer wieder schön. Weißer Teppich, weiße Vorgänge, nur eine Matratze, die auf dem Boden liegt und mit weißem Leinen bezogen ist, die Bettwäsche leicht, luftig, weiß, die kleinen Kissen weich und weiß. Einzig der fast schwarze Holzschrank lehnt wie ein beobachtendes Monument an der Wand. Die Tür ist offen, ich sehe dem Vorhang an, dass der Tag keinen Regen bringt, und Bohnengeruch strömt von der Küche an meine Nase. Ich schleiche mich nackt in die Küche und umarmte einen ebenso nackten Körper, der meine Sinne betäubt und mich an nicht anderes als die Besitzerin denken lässt. Sie dreht sich um, gib mir einen Kuss und flüstert irgendwas von einem wunderschönen guten Morgen in mein Ohr. Von Bademänteln verhüllt, trinken wir auf dem Balkon den Kaffee und blicken auf die Stadt. Sehen die Strassen, die ihrer gewohnten Hektik nachlaufen und lassen weder den Gestank noch den Lärm an uns ran. Irgendwann steht sie auf, und setzt sich rücklings auf meinen Schoß. Wir haben Sex. Sie duscht, ich dusche. Wir wollen in einen Schallplattenladen gehen, vielleicht ein Buch kaufen. Uns unter das Leben mischen. Der Reiter gibt mir die Sporen, und ich will aus der lockeren Beziehung eine festere machen. Irgendwas von wegen, wie das jetzt mit uns denn eigentlich wäre, kommt aus meinem Mund. Ich will eine Leine anlegen. Oder Gewissheit haben, ich will es anders nennen können.
Sie sieht mich an. Ich springe weiter durch die Feuerkreise, die sich da am Himmel auftun. Ich will gerne mit Dir fest zusammen sein, Du und ich. Es muss meinen Mund verlassen. Sie sieht mich an, und sagt nichts. Es ist so, als würde man mit einem Wagen zu schnell in eine Kurve fahren, man merkt das, kann aber nicht mehr viel tun. Bremsen wäre das am Meisten zu vermeidende, also versuche ich Gas zu geben, aber ich fürchte ich bin zu schwach.
Verstehst Du was ich meine? Ich will, dass Du meine Frau wirst. Ich liebe Dich. Und ihre Augen fingen an. Sie waren wie die Luft, die vor der Explosion zusammengedrückt wird. Mit dieser Druckwelle, die sich mir bietet, glasige, von roten Rändern untermalte Augen, kommt der große Knall. Meine Ohren verschließen sich schneller. Ich glaube es nicht zu hören. Ihre Lippen formen sich zu einem ´Nein. Ich kann nicht´. Kein Mensch kann von einem anderen verlangen, dass er das, mir nichts dir nichts, versteht. Ich hätte die Frage ja nie gestellt, wenn ich mir nicht eines gewissen Prozentsatzes gewiss gewesen wäre, eine positive Antwort zu bekommen. Schlicht, ich bin von einem ´ja´ ausgegangen. Für mich war alles perfekt. Ausnahmslos. Ich glaube noch ein ´wie bitte´ nachwerfen zu müssen. Dann machen meine Augen annäherungsweise dasselbe wie ihre. Die Lawine, knappe hundert Meter über mir, hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Ferngesteuert suche ich meine Sachen zusammen. Es sind nicht viele. Bei ihr wurde ich zum Asketen. Schnell musst Du rennen, so schnell Du kannst, huscht durch das, was mich noch bewegen lässt. Gerne wäre ich, wie vor einem Zug, einfach stehen geblieben, gelähmt, unfähig mich zu bewegen. Sie wirft mir ein ´geh nicht´ hin. Um mich von Tonnen überrollen zu lassen. Mir kommt aber kein Grund hier zu bleiben in den Sinn. Es wäre zwingend nötig einen zu haben. Ich gehe. Ohne große Diskussion. Zu meinem Wagen. Steige ein und fahre weg. Zweimal um eine Kurve auf einen großen Kiesparkplatz, mache meine Tür auf, lasse den Motor laufen und schlage auf das Lenkrad. Oft. Sehr oft. Die Sonne scheint mir nie wieder in ihrer schönsten Farbe aufzugehen. Unrettbar suche ich nach der Röte. Viel Zeit muss ich hier sitzen. Verbissen mit diesem Moment der mein Leben verändert.

Eingereicht am 13. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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