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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ich wäre gerne stärker

© Magnus Lebemann


Heute kommt Stefan vorbei. Wir wollen noch ein bisschen was trinken und dann los Richtung City. Er kommt bekifft, sieht abwesend aus und lächelt, wie ein erfahrener Kiffer eben lächelt. Na ja, das kann ja heiter werden ...
Im Taxi verbreiten wir unsere Rum-Fahnen und mäkeln am Radiosender herum.
Der Fahrer versteht uns eh nicht. Wo wir hin wollen, ist uns nicht so ganz klar. Es gibt in der Innenstadt zu viele Läden. Die meisten sind Mist, die Oasen der Synapsenmassage wollen nach und nach entdeckt werden. In einen solchen Schuppen lassen wir uns bringen. "Ray's Box" ist für die nächsten Stunden unsere Heimat. Jemand aus England legt auf und es ist voll. Reicht schon, wenn auf den Flyern was von DJ AUS LONDON steht und die Leute strömen hin. Aber der Mann ist wirklich gut! Wir drängen zum Tresen, man möchte schließlich gelockert durchstarten. Heiner bedient heute und die ersten Drinks kosten nichts. Dafür schwallert er uns mit seinen Homo-Geschichten zu. Ich hatte mir hundertfach vorgenommen, ihn zu fragen, wann er mal vorhabe, sein durchsichtiges Perlonhemdchen zu entsorgen. Man ist aber nicht unhöflich ...
Viele Schnecken sind hier, die meisten tragen Klamotten im Used-Look und hoffen alle, dass aus ihrem verkackten Leben mal was wird. Volontariate in "renommierten" Werbeagenturen, einhergehend mit beschissenen Arbeitszeiten und wenig Geld, aber man ist ja in der Medienbranche ...
Stefan schleppt ne Braut an, deren Lebenslauf vorgezeichnet scheint. Bis 37 gut aussehen, dann nachlassen, weil die Kinder an die Substanz gehen.
Ihr Mann arbeitet auffällig viel und alle Welt weiß, dass er seine Bediensteten durchbürstet. Dieser Mann wird nie Stefan B. heißen, denn einen Beamten wollen solche Frauen nicht. Er stellt mir "Katrin" vor und man spult seine Höflichkeitsfloskeln herunter. Sie scheint doch was in der Birne zu haben, weiß ganz gut über Musik bescheid. Das Gespräch beginnt interessant zu werden, da pfeift Heiner rüber: "Hey, komm mal her! Ich hab geile News." Was der wohl wieder will? Soll ich ihm seine Schweißflecken trocknen? Hat er nen leprakranken Freund? Nee: "Das Weib, mit dem ihr euch da unterhaltet, is ne Transe. Weiß hier jeder und ihr Deppen merkt das nich' ... könnt ihr ja mal ausprobieren. Aber ich glaube, darauf steht ihr nicht." Oh.
"Stefan, komm mal mit, ich muss dir was sagen." "Warte mal, is gerade interessant."
Ok, er wollte es nicht anders. Soll er sie ruhig mitnehmen und beim Auspacken auf ein männliches Geschlechtsorgan stoßen.
Mein Kumpel Mike, der soeben eingetroffen ist, erzählt was von nem Auflegejob in einem House-Laden. 200 Flocken pro Nacht und ein bisschen Plattengeld obendrauf. Klingt gut, Kohle benötigt man immer. Ich soll ne Demo an die und die Adresse schicken. Dann kann's schnell losgehen. Ein ruhiger Track läuft gerade und ich schwelge in Erinnerungen an damals, als es gerade losging mit der Elektro-Welle. Kleine, feine Clubs, ein erlesenes Publikum und viel gute Musik. So wie ich müssen sich die Hippies gefühlt haben, die Rocker und die Jazzer, denen irgendwann bewusst wird, das aus guter Musik schnell Mainstream wird; und spätestens beim Erscheinen der ersten Klingelton-Remixe sollte man sich einen neuen Musikgeschmack zulegen oder seine ganz alten Scheiben hören, bis man in die Kiste hüpft. Die Inflation beschränkt sich eben nicht nur auf den Geldmarkt.
Genug geträumt, in der "Bar Extar" sollte es jetzt gut abgehen. Stefan bleibt zurück, will sein Ü-Ei später mitnehmen. Mike kommt überall umsonst rein. Auch hier kennt man ihn. Die Räumlichkeit ist gerammelt voll. Ich ziehe mir einen Havanna Club auf Eis rein und beobachte die Leute.
Angenehme Atmosphäre. Gemischtes Volk, von allem etwas dabei.
Mich rempelt einer an. Guckt blöd und murmelt was von 'Tothauen'. Und schon hab ich seine Faust in der Fresse. Ich gehe zu Boden und merke nicht mehr viel. Nur, dass der Macker auf mich eintritt und meine Visage warm wird. Kollege Mike greift ein und das ist nicht gut. Vorbestraft, äußerst gewalttätig und stets auf Drogen ... aber für Freunde ist er da. Ich richte mich auf und will zum Tresen flüchten, aber Mike bearbeitet den Irren mit einem Bushammer oder so was und wird von einer Menschentraube bedrängt, die ihn scheinbar von einem Mord abzuhalten versucht. Mir wird schlecht, dennoch schreie ich auf Mike ein. "Hör auf, du Penner! Der hat genug, Mann!" Aus mehreren Platzwunden am Kopf seines "Opfers" strömt Blut und sein Gesicht dürfte mittlerweile meine Entstellung bei weitem übertreffen.
Mike haut ab. Die Bullen werden jeden Moment hier aufschlagen. Ein Mensch liegt regungslos auf dem Boden und allen Anwesenden wird klar, dass soeben jemand das Zeitliche gesegnet hat. Ich kotze spontan. Zuviel für mich. Der DJ hat scheinbar nicht bemerkt, dass eine nicht alltägliche Situation herrscht. Es läuft gerade irgendeine Scheibe, die ich auch zuhause habe ...
Nach und nach leert sich der Laden; mit der Polizei haben sie's hier nicht so. Ich bleibe da, nehme die Sache auf meine Kappe. Mike wäre gleich für Jahre in den Knast abgewandert. Die nehmen mich mit und bringen mich direkt in das örtliche Marien-Krankenhaus. Da war ich das letzte Mal zur Blinddarm-OP. Und das war mit 13. Ich soll am nächsten Tag meine Aussage machen, wenn sie mich dann aus dem Krankenhaus lassen sollten. Ok.
Eine Selbstentlassung ist nicht weiter kompliziert. Unterschrift und zack - raus ist man. Ich sehe aus wie ne Mumie, jedenfalls um die Kopfpartie.
Nasenbeinbruch, Jochbeinbruch, Schädelfraktur. Schöne Sache...
Erstmal auspennen. Nächster Morgen: Der Typ auf der Wache schickt mich zu irgend so nem Psychoarzt. Dort angekommen blubbert der was von Kennenlernen und fragt mich aus. Schließlich behauptet der Penner, Mike gäbe es nicht und ich hätte ein Problem. Hat wohl nicht alle Nadeln an der Tanne ...

Eingereicht am 11. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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