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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Dämmerung in Shanghai

© Max Hirsch


Ein kalter Hauch weht durch das Zimmer.
Das Fenster ist wohl ein klein wenig geöffnet. Der vorne-Stoff-hinten-Silberfolie-Vorhang schlägt leicht und immer wieder gegen meinen Kopf. Das Bett, von dem ich gerade in den Tag geschmissen werde, steht direkt neben dem Fenster, das ich in der Nacht offensichtlich aufgemacht haben muss. Mir ist schlecht und ich glaube zu wissen warum ich das tat. Ich schiebe den Vorhang zur Seite und erwarte einen hellen Tag. Heller zumindest als das was ich da sehe. Die graue Mauer gegenüber lächelt mich mit rötlichem Schimmer an. Zu lange bin ich schon hier einquartiert um bei diesem Anblick an das Rot eines Morgens zu glauben. Das billigste Zimmer der ganzen Stadt. Vielleicht.
Ein Raum mit zwei Betten, einem Stuhl, einem Schreibtisch, keinen Gemälden an den braunen Wänden und einem grauen Teppich, der mich Mal mehr an ein Tankerunglück erinnert. Über den Betten sind dimmbare Messinglampen angebracht, die schönes Licht aus klaren Niederwattglühlampen zaubern. Auch jetzt. Sicher war das mal ein schönes Zimmer. Vor zwanzig, vielleicht dreißig Jahren. Ich fühle mich wohl. Ich mag die Dimmer. Sie sind im Nachtkasten eingebaut, wie eine Reihe anderer Schalter auch. Keiner dieser hat eine Funktion, lediglich jene zwei Drehräder. In der Mitte, ebenfalls in Messing eingefasst, sitzen rote Digitalzahlen, die mir die Zeit sagen wollen. Ich höre nicht zu und glaube auf dem zweiten Bett, das parallel zu meinem mitten im Raum steht, eine Katze sitzen zu sehen. Liegen. Mein Kopf tut weh. Ich suche den Raum ab und sehe auf dem Schreibtisch eine Flasche Eistee stehen. Langsam, für meinen Kopf immer noch zu schnell, stehe ich auf. Der Raum ist bitter kalt. Die Decke soll mich wärmen. Ich schlage sie um mich. Ein ziemlich erbärmliches Gefühl überkommt mich. Ich schließe das Fenster und sehe Spuren, die mich daran erinnern könnten mich in der Nacht übergeben zu haben. Sachen, die ich nicht wissen will. Ich schließe das Fenster und habe den Eistee vergessen.
Auf dem Bett liegt eine Katze. Eine ganz echte, lebendige, rote, frierende und kleine Katze. Ihre Augen sind geschlossen. Ich blicke zur Tür. Nicht dass ich denken würde, sie wäre offen. Ich bin deswegen verblüfft und sehe eine dünne Plastiktüte durch die eine Bierdose durchschimmert. Der Eistee mitsamt der Tür bleibt vergessen. Beim Öffnen der Dose schreckt die Katze hoch und steht wie ein Tiger auf dem Feld. Geweckt von einer Dose. Ich denke na ja und leere die Dose, weil ich Durst habe. Die Katze hat die Gefahr und das Nichtvorhandensein des Mauselochs erkannt und scheint zwischen mir, der mit einer Decke über dem Körper auf ihrem Bett sitzt, und ihrem Laken keinen Unterschied zu machen. Sie schnurrt, was ich fast nicht glauben kann und dreht sich wieder in ein kleines Knäuel ein, so wie sie vorher auch dalag, mit dem Unterschied, dass sie jetzt ihre Augen geöffnet hält. Sie beobachtet mich. In der Plastiktüte liegt noch eine weitere Dose Budweiser. Meine Gedanken reichen nicht sehr viel weiter, als genau diese Dose auch noch in mich reinzuschütten.
Ich versuche die letzte Nacht zu erkennen und sehe nichts. Irgendein Lied schwirrt in mir, aber es kann auch die Melodie der Straßenfahrzeuge sein, die mit Wasser den Dreck wegspülen. Während ich die perfekt temperierte Dose langsam in mich hineinlaufen lasse, wandern meine Augen von der Katze zum Nachttisch, zum Schreibtisch, auf den Fußboden, über den Klamottenstapel zurück zur Katze. Es wäre schlimm in diesem Zustand keine Zigaretten zu haben. Der Gedanke lähmt mich. Ich habe keine Lust viel Energie aufzuwenden um festzustellen jetzt nicht rauchen zu können. Trotzdem gehe ich zum Schreibtisch. Überall Blätter, weiße, graue Blätter, mit Buchstaben, die keinen Sinn ergeben. Das kann ja was werden, denke ich und höre einen Song von Sherryl Crow, "Sweet Rosaline". Ich muss lächeln, weil ich eine Bar vor Augen habe in der ich gestern gewesen sein muss. Klar, es kann auch vor einer Woche gewesen sein, was würde das schon für eine Rolle spielen. Ich finde ein Feuerzeug und einen Stift. Mit dem Stift stochere ich im Aschenbecher und entschließe kurzerhand den längsten Kippenstummel in meinen Mund zu stecken und anzuzünden.
Ich bekomme Lust auf John Lee Hooker, einen Whisky und den Anblick schöner Frauen. Auf dem Weg zum Bad. Ich muss es nicht beschreiben. Kacheln mit schwarzen Fugen, eine Badewanne, in die ich mich nicht reinlegen will, einem Spiegel der mir nicht zeigt was ich sehen will. Ich trete näher, und muss lächeln. Schöne Frauen. Ja ja. Sicher, dass. Ich mache die Dusche an. Stelle mich darunter und genieße wie das Wasser für fast alle Menschen unerträglich heiß wird. Das ist genau die Temperatur, die ich liebe. Das Bad verwandelt sich in einen Dampfraum, ich werde krebsrot, und es ist bestimmt der schönste Moment des Tages. Meine Haut brennt unter knisterndem Wasser und ich tauche in die Vorhölle ein, wo ich so ziemlich allen Menschen guten Tag sagen kann, die ich mag. Fliegend, durch den roten Dampf, lasse ich den Kippenstummel fallen und beobachte ihn, wie er sich dreht und im Abguss verschwindet. Ob ich mich auch so drehen werde, wenn ich verschwinde? Kleine Fragen zum Morgen. Nach einer Weile drehe ich den Hahn zu, steige aus der Badewanne und taste mich zu Handtuch und Tür. Irgendwann habe ich mir angewöhnt mich im Zimmer abzutrocknen. Frauen halten das für einen Trennungsgrund, Gott weiß warum sie dann die richtigen sind. Der Boden ist nass und ich finde es wunderbar im Raum zu dampfen. Die Flamme brennt. Langsam reibe ich die Haare trocken, sehe Aspirin Tabletten, die ich schon abgeschrieben hatte, auf dem Boden liegen, öffne den Eistee und freue mich schon auf den Moment in dem dieses Drücken ein Ende hat. Zur Sicherheit nehme ich zwei.
Die Katze beobachtet mich immer noch. Kurz schießt der Gedanke in den Kopf, dass ich so seltsam aussehen könnte, wie ich mich fühle. Kann das eine Katze beurteilen. Trocken, aber immer noch knallrot, ziehe ich mich an. Ich fürchte das gleiche und selbe der letzten Tage. Es riecht so. Das Hemd auf jeden Fall. Weiß, Bauwolle ungestärkt, verhältnismäßig sauber. Der alte, dunkelblaue Anzug, man sagt Gabardine, schön. Ich binde mir die Schuhe ohne genau zu wissen wo ich eigentlich hin will. Ich weiß, dass ich eigentlich an diesem Schreibtisch sitzen müßte. Ich weiß aber auch, dass ich Zigaretten brauche, und bestimmt noch ein Bier. Ich finde eine Nylonstrumpfhose. Ich rieche daran. Nicht schlecht. Lasse sie wieder fallen. Die Tür ist nicht verriegelt. Eigentlich komisch, weil ich das immer mache, hier. Das YingYang Hotel. Eben eine billige Absteige. Jetzt, in einem Viertel, das es nicht mehr lange geben wird. Die Häuser nicht höher als zwei Stockwerke, alles schief und krumm. Jeder scheint sich zu kennen, einige wenige höhere Gebäude, darunter auch das Hotel. Früher, schöne Eingangshalle. Viele Glühlampen, Spiegel, falscher Marmor, Messing, grüner Boden. Alles lange nicht mehr geputzt. So wie der Mann, der mir im Spiegel entgegenkommt. Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein. Die ersten Merkmale könnten auf einen der vielen westlichen Geschäftsmänner schließen lassen. Die Schuhe ungeputzt, der Anzug zu alt, keine Krawatte, dafür einen warmen Schal, der Mantel zu verwegen, der Bart wie auch die Haare zu lang. Ich bin zufrieden. Meine Augen gefallen mir nicht. Ich werde alt und bin glücklich eine große Sonnenbrille zu haben die mich unsichtbar macht. Fast. An der Rezeption werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich Geld zu zahlen habe. Ich würde gerne noch bleiben, sage ich, und hoffe dass mir eine Zigarette angeboten wird. Ich schiebe die Sonnenbrille hoch, bedanke mich und sage einen Monat. Sie versucht meine Karte zu belasten, was zu meinem Erstaunen funktioniert. Die Karte wechselt wieder die Hände, die Blicke nicht.
Ich trete auf die Strasse. Es ist dunkel geworden. Dämmerung in Shanghai. Mehrere Menschen essen irgendwo auf dem Bürgersteig, in kleinen offenen Zimmern, über offenen Feuern. Immer eine gute Zeit ein Taxi zu bekommen. Fahrend bemerke ich, dass ich wieder vergessen habe Zigaretten zu kaufen. Ich frage den Fahrer, der die widerlichste Marke raucht. Egal. Die Strasse gefällt mir. Bitte anhalten, stößt manchmal auf Unverständnis, weil wir noch nicht am Ziel seien. Meine Zielangaben haben mit dem Ziel nur die Richtung gemeinsam, versuche ich zu erklären, gebe es auf und beharre einfach darauf aussteigen zu wollen. Eine zweispurige, nicht allzu belebte Straße. Sofort werden mir CDs und DVDs angeboten. Ich lehne ab und schlendere an Schuhläden und einigen Bars vorbei. Von nicht allzu weit schallt ACDCs Jailbreak an mein Ohr. Ich weiß, dass das der Laden meines ersten Biers sein wird. Ich fange zu oft bei Null an, ich weiß.
Die Bar wie man sich eine vorstellt. Ein zentraler Billardtisch, eine Zeile, ein paar Frauen, eine Gruppe Australier, zumindest möchte ich, dass es keine Amerikaner sind. Sie kiffen. Immer wenn ich das rieche bekomme ich Hunger, weil ich mir das Kiffen doch abgewöhnt habe. Eine Barmutti, die gar nicht erst fragt was ich will, sondern mich nur ansieht. Ich bestelle eine Cola, erschrecke selber, nehme die Brille ab und versuche es noch mal. Sie dreht sich ohne meinen Wunsch zu bestätigen um, schenkt eine Cola ein und stellt mir einen Whisky mit dazu. Der soll aufs Haus gehen. Ich komme mir vor wie eine Katze, die wohl immer wieder kommen soll. Kurz muss ich an die Rote auf dem Bett denken, der ich noch angeboten habe mit aus dem Zimmer zu kommen, sie aber nicht wollte. Sie wird wissen was sie braucht, also, sei's drum. Ich schmecke den Alkohol und werde ruhig, endlich innerlich ruhig. Hoffentlich spielen sie hier nur ACDC. Ich glaube mich auf keine andere Musik einlassen zu können, heute. Ich bestelle ein weiteres Glas, als ich von der Seite angestupst werde. Ich mag das nicht und drehe mich unverhältnismäßig schnell zur Seite. Ein wirklich nettes Gesicht hält mir einen Flyer vor. Ich muss mich fast entschuldigen, weil ich so energisch war, nehme den Zettel und lese von einer Vernissage, ganz in der Nähe. Das müssen tolle Photographien sein, denke ich, und beschließe hinzugehen. Eine Viertelstunde noch bis zur Eröffnung, reicht bestimmt noch für ein Bierchen. Also. Mein Bedürfnis etwas Schönes zu sehen steigt, ich stelle mir Bilder von Landschaften vor, vom Meer, Unterwasseraufnahmen, Kompositionen von Menschen in der Natur. Harmonie mit Baukunst. Wahre und echte Schönheit. Unhektisch und wie Samt fürs Gemüt. Das Bier füllt meinen knurrenden Magen aus. Ich zahle, gehe aufs Klo, und suche den Ausstellungsraum auf.
Irgendjemand scheint ein Sponsoring für ein schreckliches, martiniähnliches Getränk ergattert zu haben, das mit Orangensaft angeboten wird. Ich lasse mir getrennt zwei Gläser geben und wandere durch aufgestylte und affektierte Menschen, die sich mit alten Männern unterhalten, die vielleicht etwas zu sagen haben. Gezeigt werden ein gutes Duzend großformatiger Bilder von vier oder fünf Künstlern, die es mit ihrem Anhang so auf vierzig Leutchen bringen, die hier rumstehen und über die Exponate lamentieren. Die Photographien zeigen ausschließlich Portraits von Männern und Frauen. Helle, Konturlose Bilder, die kein Leben zeigen, sondern eine geglättete Vorstellung von Jugend und Unerfahrenheit. Gebannte Zeit. Angepasst und unkritisch wie ein Eisball im Fluss. Sicher hätte ich jetzt keine Kriegsreportage mit zerfetzten Körpern vertagen, aber dem Hang zu Opportunismus kann ich nur mit einer oppositioneller Haltung entgegentreten. Ein paar, genauer drei sehr künstlerisch gestaltete Bilder eines Mädchenpaares mit Obst und Rosenblättern kann nicht über meine Enttäuschung hinwegtragen. Im Gegenteil. Jeder findet einen jungen Hund süß, ein junges Reh himmlisch, faltenlose Gesichter zum Anbeten und vergessen dabei, dass diese Schönheit schneller vergeht als sie ihren Film entwickeln können. Mein Dialog mit einem der Photographen, zerläuft im Sand, weil er nicht weiß wovon ich rede. Ich fürchte, dass mir dieses Gespräch zu viel Kraft rauben wird und lobe seine Arbeit. Gute Werbeaufnahmen, blabla. Er sieht mich komisch an, weil er ja nicht dumm ist, ich trinke aus.
Für mich liegt die Schönheit des Lebens auf der Strasse, die ich wieder betrete. Wahllos biege ich ab und streife durch diese glitzernde und aufregende Stadt, wie man sagt. Ich bin froh, dass diese Stadt nichts von mir will, und ich nicht von ihr. Es ist richtig, dass sie glitzert, es ist auch richtig, dass sie sehr modern ist. Ich versuche im Kopf zu überschlagen, wie viele Menschen wohl daran beteiligt sind, wie viele am Hamsterrad drehen und wie viele ihren Nutzen daraus ziehen und schätze auf einen einstelligen Prozentsatz. Die anderen arbeiten an der Fassade und tun ihr Bestes, die Lampen leuchten zu lassen. Ich laufe auf der Fahrbahn, nicht absichtlich, ich bemerke es nicht, hinter mir hupt es. Zwei Deutsche sitzen in einem Santana, so könnte ein Witz anfangen, aber sie fragen mich, ob sie mich irgendwohin mitnehmen sollen. Ich frage wohin sie fahren. An den Bund in eine Bar mit dem Namen Rouge.
Ich kenne die Bar und könnte ihren Ausblick vertragen. Sie liegt im siebten Stock, direkt an der Promenade. Die Drinks sind teuer, die Frauen schön, die Musik extrem clubbig, manchmal brennt der Tresen, und die Terrasse ist wundervoll. Perfekt um mit seiner Frau die Sterne zu benennen, oder die Lichter in den Wolkenkratzern zu zählen, wenn man nicht so mit Klischees kann. Die Zwei reißen mich aus projizierter Zweisamkeit und fragen mich was ich hier mache. Die erste Frage. Immer. Ich antworte, ich sei auf eine Sandbank gelaufen, warte bis mich die Flut wieder hochhebt, hoffe kein Leck geschlagen zu haben, dann wird man sehen ob ich untergehen muss, oder nicht. Momentan nicht, weil mich die Bank ja hält. Sie lachen, und haken nach. Ich sage es sei wahr und ob nicht jemand einen Gezeitenkalender im Kopf hat, damit ich mich darauf einstellen kann. Beide arbeiten für den Tüv. Lehrreich, denke ich und hake auch nach. Sie verteilen die Zulassung für den Europäischen Vertrieb von Toastern und Lampen. O.K., denke ich, das muss schließlich auch jemand machen. Klar. Ich bestelle mir meinen weiß nicht wievielten Wodkaredbull und fange an zu tanzen. Gar nicht mal um mich nicht mehr zu unterhalten, nein, die Musik ist gut. Sehr gut. Irgendjemand auf dem Klo bietet mir einen e an. Heroin wäre mir lieber. Sie lacht und meint, es wären eh nur Placebos, die sie unter den freundlichen Expatriierten zu gutem Geld macht. Ich nehme eine. Die Tanzfläche, wenn man das so beschreiben kann, es gibt eigentlich keine, sie ist überall, ist voll geworden. Ich rieche noch ihren Lippenstift. Die Musik lässt mich das was ich noch weiß ebenfalls vergessen. Viele Momente vergehen. Andere Leute stellen sich aufs Laufband, ich tanze.
Mir ist heiß und ich steure auf die Terrasse zu. Die Nacht ist nass, feucht, diesig, kalt. Die Lampen der unten verlaufenden Strasse spiegeln sich nicht im Fluss. Der Tower und der Fernsehturm gegenüber sind nur Schemenhaft zu erkennen. Alles verschwimmt. Diese Suppe schmeckt nur Industriemelancholikern. Neben mir, ohne dass ich es mir gemerkt hätte, Chris. Eine zwanzigjährige Chinesin, aus Shanghai. Ich denke, wenn man sie fragt, kommen alle aus Shanghai. Ihr Englisch ist erstaunlich gut. Sie studiert es ja auch. Sie sieht knabenhaft aus, kurze Haare, definierte Brüste, wahrscheinlich einen wundervollen, oder gar keinen Arsch. Sie hat was. Die erste Person seit gut zwei, drei Wochen. Sie strahlt und trifft mich an einer empfindlichen Stelle, oberhalb des Bauchnabels. Irgendetwas scheint sie auch an mir gefressen zu haben. Ich sage ihr, dass ich keinerlei Geld habe, und auch keinen BMW fahre. Sie lacht und will Billard spielen gehen. Der Dj hat gewechselt und der Moment könnte nicht besser sein.
Sie stößt definitiv besser als ich und lässt mich gewinnen. Ich mag so was nicht. Aber sie ist wundervoll. Ich lade sie ein, und trinke selber mehr als mir lieb ist. Wir unterhalten uns gut, über Sprache, die Stadt, die Unterschiede, über ihren Freund, über meine Freundin, wir zeigen uns gegenseitig die Photos. Lachen. Spielen vier gewinnt und weil mein Auffassungsvermögen getrübt und abgelenkt ist, kostet es mich vier Anläufe ein Spiel zu gewinnen. Mittlerweile glaube ich keinen einzigen Schluck mehr trinken zu können. Chris möchte aber noch was. Ich bestelle zwei. Zwei irgendwas. Das wird zu einem Problem, denke ich als der Tequila meine Nase streichelt. Ich trinke, dreh mich um und versuche einigermaßen gefasst aufs Klo zu gehen. Irgendwann stand ich mal auf einer Toilette und hab einfach so im Stehen gekotzt, dass ich meinen Pullover in dem Waschbecken waschen musste, der Klomann mehr als sauer war, dass es doch nicht sein muss. Ich hatte das Klo bis oben hin voll gekotzt. Daraus, so scheint es, habe ich gelernt. Minuten später trete ich wieder zu Chris. Sie tut so, als ob sie nichts merkt. Ich hab Bock auf sie. Schließlich ist sie clever und wirklich anziehend. Ich versuche ihr das klar zu machen. Sie versucht mir dann schonend beizubringen, dass sie hier arbeitet. Mich zwar attraktiv findet, aber ihren Freund über alles liebt. Ich muss an meine Freundin denken, das hält kurz an. Ich mache weiter, bin zuvorkommend, lade sie noch mal auf ein Getränk ein, und möchte sie nach Hause bringen. Sie erzählt, dass sie hier angestellt sei loszuziehen, potentielle Kunden aus anderen Gastronomiestätten rauszulocken, so dass sie sich hier vollaufen lassen. Ich werde traurig. Ein Marketinggirl, eine Messeschlampe, eine Gastronomieprostituierte. Ich schließe damit schneller Frieden als ich diesen Gedanken fixieren kann und zahle einen nicht unerheblichen Betrag und gehe mehr oder weniger verstört aus der Kneipe auf die Strasse, auf der schon mehrere offensichtliche Huren auf einen willkommenen gute Nachtplatz warten. Die Gedanken mögen frei sein. Nicht zu denken mag doch ebenfalls eine Art von Freiheit sein. Wieder treffen sich vier Augen. Wieder gibt es ein Rumgelaufe, Stehengebleibe, Abgetaste, Abgetaue und schließlich die Frage nach dem wie viel. Wie viel Körper für wie viel Geld. Sie redet sehr leise etwas von Opium und die ganze Nacht, Kondome sollte ich haben, für 400.
Ich verneine, genau, weil ich das immer mache und sage 200. Sie kommt mit. Sie mag so an die vierzig Jahre alt sein. Erstaunliche Brüste, wie sich herausstellt. Wir halten noch an einem Nachtkauf, der gerade überfallen wurde, Polizisten stehen sich neben ihren Motorrädern und dem schimpfenden Kassierer die Beine in den Kopf, ich kaufe ein kleines rotes Päckchen und sechs Bier. Tage später kommen wir ins Hotel.
Die Rezeption scheint besetzt, gewissenhaft versunken im Wetterbericht, das Zimmer ungefähr so wie abends. Freudentaumel setzt ein. Einen frischeren Fisch gibt es nicht. Gelbweiße Brocken knirschen unter dem Druck meiner Finger. Sie duscht. Finde ich auch gut. Ihre Frage ob ich nicht auch duschen will muss ich Pfeife stopfend verneinen. Als sie abgetrocknet, nackt und wirklich atemberaubend gebaut wieder aus dem Bad kommt, frisst sich die Flamme schon in meinen Kopf. Ihre schwarzen Haare streicheln über mein Gesicht, ihre Haut ist glatt, wie immer, und ihre Schambehaarung wischt über meinen Bauch. Diamantperlen in den kleinen Poren spiegeln die Lampen an der Wand. Das Muskelspiel unter der straffen Haut betäubt meine Sinne. Ich lasse mich verwöhnen. Bewege mich keinen Millimeter. Ich will mehr. Lege mir eine Line auf das Bettlacken, während sie mir einen bläst und tauche ab. Sie hat den Pariser aus der Packung über meinen Schwanz gezaubert und spielt Turnierreiten. Ich bin fasziniert. Ich rieche das Gras, spüre den Wind der Holzbalken unter meinen Füßen, sehe Wasserseen und ihr Gesicht, das ekstatisch zu nicht vorhandener Musik zittert. Mir ist kalt. Sie merkt das, weiß aber nicht was sie dagegen machen soll. Sie dreht sich um und zeigt mir ihre klaffende, beschnittene Vagina. Über meinem Gesicht fliegt nicht anderes als das wohl schönste Körperteil der Frau. Meine, mitsamt ihrer, Hand bewegen meinen Schwanz. Ich denke, dass ich ejakuliert habe. Die Zeit, die ich gebraucht haben will, war eine Woche. Es war wie der Zucker über Pflaumenkuchen.
Sie sieht mich an, meint, ich hätte halt auch viel getrunken, aber ob ich nun zufrieden und müde sei. Ich kann das nicht beantworten und fühle ausschließlich mich. Müde mag dabei sein, aber schlafen? Ich hätte Lust zu kuscheln und lade sie ein. Sie wiegelt ab und steuert ihre Klamotten an. Entsetzlich desillusionierend der Moment in dem sie den Preis neu verhandelt. Sie bekommt mehr, wie viel weiß ich nicht. Mir ist schlecht. Bevor sie geht möchte sie mir noch eine Dose Bier reichen. Sie macht sie auf und gibt sie mir. Ich sehe Goldborten, Teppiche an den Wänden, rieche Myrre und versuche noch einen Moment an der Realität festzuhalten, zumindest bis sie weggegangen ist. Sie wartet bis ich die Dose geleert habe, deren Sicherheitsstift ich zieh und über die Böschung werfe. Ich gebe ihr die Dose und muss lachen, bis Tränen fließen. Ich bringe sie zur Tür und bleibe einen Moment nackt auf dem Gang stehen und genieße die Bewegung der Äste, den frischen Bergwind und das Rauschen der Grashalme. Sie sieht, dass ich verloren bin und schiebt mich ins Zimmer zurück. Die Tür schließt. Endlich. Ich höre eine Explosion. Die ersehnte. Sie hat nichts hier gelassen. Schade. Sie hätte alles mitnehmen können und sich hierlassen, denke ich. Das Bett ist mir wie Wasser. Ich versinke und schnappe nach Luft. Irgendein Segel auf meinem Bauch zieht mich in die Windrichtung. Ich werde keine Inseln bemerken, das ist schlecht. Ich höre ein Tier miauen. Da ich noch soweit weiß, dass es nur eine Katze sein kann schrecke ich hoch und muss an die Tage denken, an denen ich es nicht schaffe die Türe zu öffnen. Möglichst aufmerksam, soweit das die Dunkelheit im Zimmer zulässt, versuche ich herauszubekommen woher die Tierstimme kommt. Weit weg, denke ich, vielleicht im Nachbarraum. Kurzes Lachen, weil ich mir vorstelle sie habe sich verlaufen, steht im Nachbarzimmer und will zu mir. Wer will denn schon zu mir. Die Heiterkeit schlägt um in ein grünes und tiefes Meer. Ich sehe meine Einsamkeit wie ein unbearbeitetes Feld vor mir, auf der ein kleiner Traktor seine Furchen zieht. Was er durch sein Beackern zum Vorschein bringt, ist wieder nichts Weiteres als gähnende Leere. Mir wird erbärmlich schlecht und öffne das Fenster einen Kopfspalt. Mir schlägt neben der ersten grauen Stimmung da draußen, der Geruch von Magensäure entgegen, der mein Vorhaben noch beschleunigt. Fast unbemerkt schleicht sich blitzschnell ein kleines rotes Knäuel an meiner Schläfe vorbei.
Ich glaube, diese wieder auf dem Nachbarbett schlafenden Katze hat es zu verantworten, dass ich meine Seele nicht ausgekotzt habe. Ich würde ihr danken, könnte ich mich verständlich machen, aber ich unternehme nichts weiter als sie kurz anzusehen. Und ich glaube sie ist deswegen hier, weil ich nichts weiter mache, nicht mit ihr, und auch sonst nicht. Wir gönnen uns in Ruhe.
Sie schnurrt. Ich weine und schlafe mit Django Reinhardt ein.

Eingereicht am 06. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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