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Brief an die tote Rote

© Karin Reddemann


Ich vermisse Dich, meine eitle Schöne. Wolltest nie Mama genannt werden, warst "La Roja", für jedes Deiner schrillen Haustiere, denen Du die Wangen hinhieltest, um von ihnen besabbert zu werden. Künstlerfreunde. Leider auch für mich. Feuerrotes Haar, markant kurz geschnitten, wie ein starker Flieger es trägt, Designerteller an den Ohrläppchen, violett gesprenkeltes Brillengestell. Bunter Poncho über dem schwarzen Catsuit. Absätze, die länger als die besten aller Schwänze waren, die Du in Deiner Wut durch Augen hättest bohren können, um am Hinterkopf dumme Hirnmasse rausspritzen zu lassen. Gib's zu, manchmal hast Du davon geträumt. Deine Sehnsucht war viel zu streng, um Mittelmäßigkeit dulden zu können. Weißt Du, wovon ich träume? Wieder und wieder? Sehe Dich und mich und Sergio in warmem mexikanischen Sand liegen, wir bauen Miniatursandburgen auf unseren Bäuchen und kippen Salzwasser drauf, damit sie herrlich matschig werden. Wir kichern vorsichtig, die Sonne küsst unsere Lippenbläschen, die schmerzen, wenn wir den Mund weit aufreißen, um richtig zu lachen. Atmen den heißen Wind, singen mit den Wellen, die an mein Herz klatschen und sich im süßen Nichts verlieren. Und alles ist gut.

Jetzt bist Du tot. Verbrannt. Dein Wunsch. Hast Dich gottlob nicht zu lange quälen lassen von dem grausamen Ding, das sich in Deinem klugen Kopf wie eine anschwellende Faust breit gemacht hat. Kann ihn schwer bei seinem Namen nennen, Deinen Tumor, Du hast ihn "faules Ei" getauft. Ich habe mit gelacht, wenn Du ihn beschimpft hast. "Verfluchte Hühnerscheiße im Hirn." Tatsächlich fand ich es nicht komisch, heulte still auf dem Toilettendeckel, wenn Du Deinen tiefgrauen Humor in die Meute gebrüllt hast. Sie haben Dich angebetet. Trotteten hinter Dir her, als Du nicht mehr warst, trugen Batik und Pailletten auf Seide, um anders auszusehen als die üblichen Trauernden, lästige Bande, deren dunkle Tränen verriet, dass sie es tatsächlich ehrlich meinte. Das Geheul der Normalen. Sie wollten es nicht teilen, es war ihnen zu lautlos, damit wussten sie nichts anzufangen. Schielten trotzdem hin. Violetta hatte ihren zitronengelben Strohhut auf, verziert mit dunkelblauen Stoffrosen. Du hast ihn "tüddeltantig" genannt, weißt Du noch? Hast die Augen verdreht, wenn sie ihre Aphorismen in ausgesuchter Runde las, Wodka im Perrier, die Fingernägel schwarz mit Karnevalsflitter. "Lach mich aus, leck mich aus, lass uns lachend Leben lecken." Weißt Du noch? "Violetta, das macht mich fast betroffen nass." Hast Du gesagt und um Beifall heischend in die gierige Meute geglotzt, innerlich tobend vor Lust auf Deine schaurig kluge Überlegenheit. Du dekadente Zicke. Todernst bist Du dabei geblieben, hast Dir eine von Deinen Salzstangen angezündet, - so hast Du sie genannt, diese dünnen Zigaretten, zu versnobt, um Lungen mit Teer zu besudeln … Deine ewig geliebten Worte, auch wenn sie blödsinnig waren. Johnjohn "Isi" W. Siepmann kam in brandneuen Nadelstreifen. Knallrote Lackschuhe, Nelke im Knopfloch. Sein Auftritt. Hat ein Bild für Dich gemalt, Dein Gesicht mit den hellblauen Puppenaugen, das Haar mit Straußenfedern gespickt, der Hals mit Gänseblümchen im Stacheldraht umhüllt wie ein Kragen aus viktorianischer Zeit. Hätte Dir vielleicht gefallen, Lucalita. Den Namen hast Du Dir ausgedacht, erst nur für mich, weil ich Mama sagen wollte, was Du nicht mochtest, dann auch für die anderen. Lucalita Stalka. So verflucht extrovertiert, so oft so verdammt introvertiert.

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