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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Reflexion am Strand

© Selita Telli


Susanna spazierte am Strand entlang, wie sie es so oft in den letzten Tagen getan hatte. Die ausgedehnten Spaziergänge taten ihr gut, halfen ihr, sich aus dem Alltag zu befreien und eine gewisse Distanz zu ihrem Leben zu schaffen.
Eigentlich hätte sie ja mit allem zufrieden sein können - Eigentlich. Und dennoch kam es ihr manchmal so vor, als wäre sie von einem undurchdringbaren Nebel umhüllt, der ihr die Sicht auf die Umwelt zu trüben schien.
Susanna spürte den klebrigen Sand unter ihren nackten Füßen. Was war nur los mit ihr? Sie konnte sich selbst nicht erklären, was es war. Sie fühlte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie war matt und ausgelaugt. Nichts machte ihr mehr Freude. Ob sie wohl krank war? Oder ob sie sich das alles nur einbildete? Ständig blieben ihre Gedanken an den gleichen Fragen hängen.
Ihre Außenwelt nahm sie nur noch begrenzt wahr. Sie bemerkte weder den Gruß des alten Ehepaares, noch hörte sie das laute Weinen des Kindes, welches gerade einige Meter vor ihr hingefallen war. Früher wären ihr diese kleinen Alltagsgeschehnisse nicht entgangen. Ja früher.
In ihren Gedanken lief sie weiter und weiter, bis sie auf dem vom Meer benetzten Sand eine Muschel fand. Sie sah aus wie jede andere, wie die tausend und abertausend Muscheln, die man für gewöhnlich am Strand finden konnte. Nur war diese hier noch nicht aufgebrochen.
Susanna hob sie auf und betrachtete sie eingehend. Eine kleine weiße Muschel, die einen Spalt weit offen stand. Kleine Furchen bildeten ein gleichmäßiges Muster und verfärbten sich immer mehr ins Grau-Blaue gegen den Rand hin. Sie ließ die Muschel in ihren Fingern kreisen. Woher sie wohl gekommen war? Was sie wohl alles schon "gesehen" haben mochte?
Plötzlich wurde sie von einer Neugierde ergriffen, die sie einst als Kind verspürt hatte, als sie ihr Geburtstagsgeschenk schon einige Tage vor ihrem Geburtstag entdeckt hatte. Sie wollte unbedingt wissen, was in der Muschel war. Wahrscheinlich war sie sowieso leer, aber wer konnte das schon genau sagen?
Susanna öffnete die Muschel und es schien ihr, als ob sie an Größe zunäme. Immer größer und größer wurde sie, bis Susanna vollständig von der Muschel umhüllt war. Die Perlmuttfarben ihrer Innenseiten reflektierten das Sonnenlicht und es war, als trüge die Muschel das gesamte Glitzern der Meeresoberfläche in sich.
Völlig verzaubert ließ sich Susanna immer weiter ins Innere der Muschel treiben. Sie war nun ein Teil der Muschel und die Muschel sprach in einer sehr alten Sprache zu ihr. Es war ein Flüstern, das dem Rauschen des Meeres glich. Die Muschel flüsterte ihr die Geheimnisse des Meeres zu, ihre Seele flog in die Tiefen des Wassers und ihr Herz öffnete sich. Sie verspürte eine überwältigende Liebe, die sie völlig ausfüllte.
Und dann erwachte Susanne. Wie lange sie in der Muschel gewesen war konnte sie nicht sagen. War sie gealtert? War sie immer noch sie selbst? Sie sah sich nach der Muschel um, aber sie konnte sie nicht mehr entdecken. Vielleicht war sie an den Ort zurückgekehrt, aus welchem sie gekommen war - zurück ins Meer.
An diesem Tag hatte sich Susanna verändert. Sie hatte einen Teil der Muschel in sich aufgenommen, den sie nie wieder ablegen konnte. Die stille Melancholie, von der sie früher jederzeit umgeben gewesen war, hatte sie in der perlmuttschimmernden Welt der Muschel zurückgelassen.

Eingereicht am 06. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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