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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der schwarze Blueser

© Helmut Ebinger


Louisiana 1930
Traurig und einsam sitzt Jim auf der Veranda seiner kleinen, kurz vor dem Verfall stehenden Blockhütte und denkt daran, sein altes Leben, lieber heute als morgen über Bord zu werfen, um ein Neues zu beginnen. Möchte aus dem Sumpf der Einsamkeit ausbrechen, die ihn Tag für Tag heimsucht. Möchte dorthin, wo es seine schwarzen Brüder hin verschlagen hatte. Die es schafften, dem Delta zu entfliehen, um etwas aus sich zu machen. Die ihre Heimat verließen, für ein reiches Leben im Norden. Die es satt hatten, sich von den Weißen schikanieren und sich als "Nigger" beschimpfen zu lassen. Die es verstanden, sich zu befreien. Alle gingen fort und niemand kam zurück. Dies war für Jim ein deutliches Zeichen, dass sie den Weg in die Unabhängigkeit schafften.
Jims trüber Blick galt dem Mississippi, der sich vor ihm durch das Land des Mississippi Delta schlängelt. Durch das Land, das er stolz seine Heimat nennen kann. Das Land, in dem er geboren wurde. Seine Eltern lebten hier, so wie seine Großeltern. Oft musste er an seine Großeltern denken, die noch die Sklavenzeit miterleben mussten. Sein Vater - der ihn 1917 verließ, weil er nach Deutschland in den Krieg zog und nie wieder von dort zurückkam - hatte ihm oft von Opa erzählt, da war er gerade mal dreizehn Jahre. Wie Opa ohne Bezahlung Baumwolle pflücken musste und die Weißen auf dem Feld mit der Peitsche hinter ihm standen und ihn schlugen, wenn er nicht mehr konnte. Wie er dann den ganzen Tag unter Schmerzen weiterarbeiten musste, nur um sein armes und qualvolles Leben leben zu dürfen.
Viele von Opas Freunden mussten sterben, erzählte sein Vater. Weil sie vor Erschöpfung auf dem Feld zusammenbrachen und sich nicht mehr von alleine aufraffen konnten. Weil sie die schwere Arbeit der Weißen nicht mehr erfüllen konnten, deswegen wurden sie solange geschlagen, bis sie starben.
"Wenn ein Sklave seine Arbeit nicht mehr vollbringen kann, dann braucht er nicht mehr zu leben. Er kostet nur unnötig viel Geld, für Nahrung und Obdach."
Diese zwei Sätze hallen heute noch durch Jims Gedächtnis und lassen ihn nicht mehr los.
Einerseits ist Jim schon froh, nicht mehr in dieser Zeit zu leben. Aber andererseits; was hat sich groß verändert, denn er war und ist immer noch der "Nigger", der sich von den Weißen erniedrigen lässt. Er ist schwarz, der laut den Weißen, zu nichts anderem fähig ist, als auf dem Baumwollfeld für wenig Geld zu arbeiten.
Es erging ihm aber nicht anders, als andere Schicksale auch, die nicht von ihrer Heimat loslassen konnten und sich deshalb den Weißen unterwarfen. Ihre Hautfarbe war ihr Schicksal.
Trotzdem, es ist seine Heimat. Egal, wie Schlecht es ihm geht, er liebt sie, und kann sie nicht einfach verlassen, obwohl sie ihn manchmal traurig stimmt. Aber immer wenn er traurig ist, und nach getaner Arbeit, sich bei Sonnenuntergang auf die Veranda setzt und auf den Mississippi blickt, nimmt er seine alte Gitarre zur Hand und spielt auf ihr. Er spielt den Blues, wie ihn sein Vater spielte und ihm lehrte. Mit dem Blues kann er Worte formulieren und sich ausdrücken. Kann singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Seine Texte, die er selbst schreibt, handeln ausschließlich von Trauer, Armut, Schicksal und Einsamkeit. Wenn er die Gitarre in den Händen hält, fühlt er sich wie einer von Denen; wie ein Blueser, der in einer alten Welt alleine zurückgelassen wurde. Dann stülpt er sich einen abgebrochenen Flaschenhals um seinen linken Mittelfinger, stimmt die Saiten auf ein offenes "E" und versinkt in eine andere Welt. In die Welt, in die alle gingen, und er sich nicht wagte.
Er träumt oft von Chicago, New York oder St. Louis. Sieht vor seinem geistigen Auge die gewaltigen Hochhäuser, die hoch in den Himmel ragen. Er sieht die vielen Weißen, die mit Anzügen, fein säuberlich gebügelten Hemden und mit Krawatten bekleidet über die Straßen schlendern. Und er sieht seine schwarzen Brüder, wohlgenährt im Rampenlicht stehen, die ihren Blues zum Besten geben. Die es schafften ihrem Schicksal zu entkommen. Er sieht, wie die Weißen mit den Schwarzen gleichberechtigt nebeneinander hergehen, und alles seine Ordnung hat, nicht so wie hier im Mississippi Delta.
Immer wenn er davon träumt, könnte er sofort alles liegen und stehen lassen und sich auf den Weg machen. Er wäre imstande, seine Heimat die er liebt, zu verraten, nur um Teil dieses prächtigen Lebens zu sein.
Dann wiederum suchen ihm Träume heim, die ihm ein anderes Leben zeigen. Ein Leben am Abgrund. Der südliche Teil Chicagos, East St. Louis oder auch Harlem, das Elendsviertel von New York. Teile, die ausschließlich von Schwarzen bevölkert werden. Die aus ihrer Heimat auswanderten um reich zu werden, es aber nicht schafften, sich von ihrem Elend zu lösen. Die sich nicht befreien und sich nicht unter den Weißen integrieren konnten. Die immer die armen des Mississippi Delta bleiben.
Dann weiß Jim, dass er es richtig gemacht hat und in seiner Heimat geblieben ist. Wenn er dann seine Gitarre zur Seite legt, die letzten Züge des Abendrotes in sich aufnimmt, das Rauschen des Mississippi genießt und auf den nächsten Tag wartet, um auf dem Baumwollfeld seine Arbeit für die Weißen zu verrichten, dann vergisst er seine Träume und sein Verlangen nach Reichtum und Popularität. Dann genießt er sein armes Leben im Mississippi Delta, das Gott für ihn bestimmte, und ist glücklich, ein armer einsamer Schwarzer Blueser zu sein.

Eingereicht am 30. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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