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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tir na nog

© Volker Krauleidis


Kurz vor dem Jahrtausendwechsel besuchten wir erneut Achill Island, zum letzten Male waren wir 1996 hier gewesen. ls wir die Brücke bei Achill Sound überfuhren, schien alles unverändert. Die Veränderung war jedoch schon in Sweeny`s Supermarket zu erleben, in jeder Ecke sah man Jugendliche mit Mobiltelephonen, vor dem Ausgang stand ein Internetapparat. Ich fragte mich, wie so oft auf dieser Reise, wie weit diese Entwicklung noch gehen sollte.
Am Abend, im Pub in Dooagh hatte ich Gelegenheit mit einigen älteren Leuten über die Entwicklung der letzten Jahre reden zu können. Sie zeigten sich ebenso besorgt wie ich, das extreme wirtschaftliche Wachstum der letzten Jahre trug bereits die ersten bitteren Früchte. Sie beklagten die langsame Auflösung der Familienstrukturen, die Errichtung von Einheits-Bungalows und die deutlicher werdende Trennung von Habenden und Nichthabenden.
Als wir umherfuhren, bemerkte ich noch eine andere Veränderung. Auch 1996 noch war zu vermuten gewesen, dass die zahlreichen verbliebenen, verfallenen Rohbauten in der Tat kein Richtfest mehr erleben würden. Doch was so lange galt, fand nun ein Ende. Bei Cloghmore war das uralte Cottage, dass ich alle Jahre wieder in Frieden ruhen sah, schon teilweise abgerissen, am Rande zur Straße lagerten bereits die Steine für den zeitgemäßen Neubau. "Eine menschliche Siedlung, die man nach ihrem Tode in Frieden gelassen hat". So hatte es der, der vor über 40 Jahren hier war*, ausgedrückt. Immer wenn ich hier war, dachte ich auch an ihn, es war erhebend, dass seine Aussage mehr als 40 Jahre Bestand hatte. Hier reichten sich, so schien es, Vergangenheit und Zukunft friedlich die Hand. Die Zukunft kam hier nicht mit Planierraupen, Presslufthämmern und Schaufeln daher, die ungeliebte Ahne zu morden. Ich hatte in den letzten Jahren meine Gastgeber immer dafür bewundert, dass sie alte Häuser nicht ausschlachteten und dem Erdboden gleichmachten (wie es in meiner Heimat üblich ist).
So viele Häuser hatte ich hier gesehen, sie standen leer, die Veränderung über die Jahre war minimal. Auch nach Jahrzehnten waren sie als Behausung von Menschen zu erkennen und betrat man sie, erzählten sie wortlose Geschichten. Hunderte Geschichten haben sie mir erzählt, verteilt über ganz Irland, seit wenigen Jahren oder seit Jahrzehnten unbewohnt. Sie waren kleine Museen, jedes für sich, auch wenn ihnen es ihnen dieser ehrfurchtheischenden Bezeichnung ermangelte.
Ich fragte mich, wie viele Jahre eigentlich die Begriffe "Abrisshaus", "Ruine" und "National Monument" zu trennen vermögen. Fast immer standen noch die Möbel darin, selbst Zeitungen waren zu finden, wo sonst hätte man so viel Einblick für so wenig Mühe bekommen. Die 20er Jahre, die 50er, die 70er , Cottages ohne Toilette, aber schon elektrifiziert - wer Augen hat, der sehe - eine ganz landesspezifische Entwicklung offenbarte sich dem Seher. Waren sie den Einheimischen auch nicht nur Abrisshäuser (wie man dies bei uns empfindet)? Wären sie sonst so lange erhalten geblieben? Mar sin féin, is bocht an rud é tithe mar sin a leagan.
Doch nun war ihre Ruhezeit abgelaufen. An der durchfeuchten Wand klebte schon der hierzulande übliche Zettel, es wurde um Erlaubnis für den Abriss (demolish) und eine Neuerrichtung ersucht. Das in englischer Sprache verfasste Abrissersuchen erklang in meinem Innern nach der Art unser deutschen Verwendung des Wortes, nämlich etwas niederträchtiger Weise kaputtmachen, es demolieren. Dieses landestypische Bauersuchen erinnerte mich an die traurigen Zettel, die man bei uns in Deutschland auf Friedhöfen findet: "Ruhezeit abgelaufen!" Auch die letzte Heimstätte ist nur gemietet, zahlt keiner mehr, wird zwangsgeräumt. Klein sind sie meist, die Gräber auf den Friedhöfen meines Heimatlandes, noch kleiner der Grabstein, klein wie die Mietwohnung, die die ehemals Lebenden bewohnten. Nicht einmal diese letzte Örtlichkeit wird man ihnen lassen. Wird den ehemals Lebenden auf dem Friedhof, der hier eine kurze Strecke weiter an den Atlantik grenzt, das gleiche Schicksal zuteil werden?
Am nächsten Morgen durchfuhren wir Achill Sound, den Hauptort der Insel. Kurz vor der Kirche erlebte ich etwas, dass hier eigentlich nicht vorkommt, ich geriet in einen Stau. Ich sah zahlreiche Leute aus der Kirche kommen, ein Dutzend Wagen fuhr von der Kirche weg. Ich nutze die nächste Lücke und ordnete mich ein, eigentlich wollte ich zum Supermarkt. Als ich eine zeitlang in der Schlange mitgefahren war, eröffnete mir die nun gerade Strecke, was meinem Auge aufgrund der Kurven bisher verborgen geblieben war. An der Spitze der Schlange fuhr ein schwarzer Wagen - ein Leichenwagen! Auch hinter uns befanden sich mehrere Wagen, ich wollte vor dem Supermarkt blinken und abbiegen. Aus einem unerfindlichen Grund tat ich es nicht, so fuhr ich mit der Kolonne weiter, bis zum Friedhof. Auf dem Wege passierten wir ungezählte Skelette menschlicher Siedlung, sie waren tot, tot wie der Unbekannte dem ich nachgefahren war.
Die 90er Jahre, die 70er, die 30er, die Häuser der Vorfahren des Unbekannten glitten vorbei, er wurde zurückgefahren. Sean, Conor, Brian oder wie auch immer dein Name war, ich fuhr mit, für dich und für Tir na nog*.
Am Friedhof jedoch fuhr ich geradeaus weiter, denn es war nicht mein Ort und nicht meine Zeit....
* gälisch, sinngemäß: Jedenfalls ist es eine Dummheit, solche Häuser abzureißen
* Tir na nog ist eine keltische, vorchristliche Bezeichnung für das Paradies und für die irischen Inseln...
* der vor über 40 Jahren hier war: Heinrich Böll, geschildert im "Irischen Tagebuch"

Eingereicht am 25. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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