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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Five Fingers Strand

© Volker Krauleidis


Auf Inishowen findet man den "Five-Fingers-Strand", bei meinen zahlreichen Reisen nach Irland hatte ich eine Vorliebe für die Inishowen-Halbinsel gewonnen. Sie ist touristisch gesehen eher unspektakulär, sie bietet einfach nur die typische irische Landschaft. Und da es das ist, was ich suchte, fühlte ich mich hier am wohlsten. Außerdem war die Anzahl der Touristen in der Spätsaison (ich fuhr immer in der Spätsaison) unerheblich. Und da war er nun wieder, der Five-Fingers-Strand, jedes Jahr suchte ich ihn auf. Heute war es ungewöhnlich warm, dennoch war niemand sonst da, denn ein Schild warnt vor den gefährlichen Strömungen und in der Tat, am Five-Fingers-Strand ist der Atlantik kein Touristenfreund...In der Vergangenheit hat er dort viele Menschen verärgert und einige getötet...
Und wer ihn heute sieht, glaubt gar nicht wie garstig er sonst gewöhnlich ist, wenn es regnet, stürmt und die Sonne nicht mehr zu sehen ist. So liebe ich ihn, ich liebe ihn, wenn er sich nicht verstellt. Ich mag es, wenn er sich von den Menschen angewidert abwendet und dann mit gewaltigem Grollen zurückkommt. Ich liebe es, wie die unzähligen Steine am Strand durch eine Welle emporgedroschen werden und beim Rückzug des Wassers mit einem unvergleichlichen Geräusch zurückrollen. Dieser Vorgang bedeutet mir unser Leben, so sehr wir uns an was auch immer klammern, eine Welle treibt uns empor, und ebenso gewiss geht es wieder bergab...Ich liebe es, wie er listig jede Welle anders dosiert, niemals habe ich ihn überlistet, immer gelang es ihm, zumindest meine Schuhe zu durchnässen. Und ich liebe selbst sein grollendes Lachen über mich, das Lachen dieses uralten Kindes...
Schönes Wetter und entsprechendes Wohlbetragen kann er nur wenige Tage im Jahr ertragen, und das Wetter sorgt hier stets dafür, dass es auch wenige Tage bleiben. So schien er mir seelenverwandt, auch ich konnte mein Wohlbetragen nur auf wenige Tage im Jahr beschränken und kamen mir meine Mitmenschen zu nahe, regte sich der Wunsch, sie in einer gewaltigen Welle von Bösartigkeit zu ertränken.
Ich konnte nicht so sein wie sie, mein innerpersönliches Wetterempfinden ließ dies nicht zu. Ich saß lieber hier, als mich unter Menschen zu begeben. Ich empfand ihre Gegenwart nicht durchweg unangenehm, kamen sie mir aber zu nah, war meine Empfindung fast wie körperlicher Schmerz. Ich frage ich mich oft, woran es lag, dass ich in der Herberge die Ankunft von Touristen fürchtete. Diesmal war ich zwar auch nur Reisender, indessen war ich nicht Tourist. Standen sie in der Küche, war es mir unangenehm, versuchten sie ein Gespräch zu beginnen, boykottierte ich es mit Ignoranz. Ich benötigte die Einsamkeit, was nicht bedeute, völlig allein sein zu können.
War ich in Gesellschaft unterwegs, wurde ich auf mein Verhalten angesprochen, ändern konnte ich es nicht. Ich stieß selbst nette Leute vor den Kopf, wirkte finster, aber ich entschied, dass es besser sei, sie über meine eigenartige Krankheit nicht zu belügen. Die Gegenwart von Menschen gleicht in der Tat dem Klang einer Glocke, ihren Ton genießt man besser mit etwas Abstand...
Ich setzte mich auf einen Felsbrocken und öffnete eine Dose Guiness. Es ist so anders als deutsches Bier, deutsches Bier schmeckt mir nach Fußballspiel, Verein und oberflächiger Fröhlichkeit. Guinness schmeckt mir nach Bitterkeit, Schwermut und Tollheit. Die ersten Schlucke bedeuten Bitterkeit und Schwermut, die weiteren Schlucke ermöglichen Tollheit, die Tollheit, die ermöglicht aus der Schwermut ein Glücksgefühl zu gebären. Weit waren die Städte, ich mochte sie nicht. Ní bhíonn an t-am daoine anseo. Bíonn obair nó gnaithí eicínt ag ´chuile dhuine. *
Ich machte mir keine Illusionen, wie der größte Teil meiner Mitmenschen diese Empfindung in psychologischer Hinsicht deuten würde. Mich amüsierte der Gedanke, welche Kontroversen diese wenigen Worte auslösen könnten, würden sie denn in Buchform vorliegen. Ich war mir aber sicher, dass mich der kleinere Teil meiner Mitmenschen und speziell die Menschen des Landes, das den Hintergrund meiner Grübeleien bildet, verstehen würden.
Ich lief weiter am Strand entlang, es wurde zunehmend dunkler, Sprühregen bildete einen Vorhang. Es war ein Wohlgefühl, hier zu sein, der Strand schien mir als eine Welt für sich. Gerne wäre ich auf unbestimmte Zeit geblieben, doch ich musste ja zurück. Der Druck der Bierdose in meiner Hand erinnerte mich an meine Abhängigkeit, sie erinnerte mich, dass ich Teil der Welt außerhalb des Strandes war, wie sie selbst. Ich empfand mich als künstliches, mittels zivilisatorischer Sozialisation erstelltes Produkt, künstlich, wie meine Dose. Auf Dauer konnten wir beide hier nicht bestehen. Für die verbliebene Zeit meines Aufenhaltes würde ich diese Abhängigkeit gewisse Teile des Tages ignorieren können. Doch dann würde sich zum Druck der Dose in meiner Hand unweigerlich der Druck der Arbeit, der Verpflichtungen und unsinnigen Rituale hinzugesellen.
So gerne hätte ich dieser Geschichte einen weisen Abschluss verpasst, doch ich war so niedergeschlagen, dass ich in meine Jugendherberge fuhr. Ich beschloss hier abzubrechen, und dem Leser den weisen Abschluss zu überlassen......
* gälisch. sinngemäß: Die Leute hier haben keine Zeit. Jeder hat irgendwie Arbeit oder Geschäfte am Laufen.

Eingereicht am 25. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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