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Das Geburtstagsgeschenk

© Beate Appel


Geburtstage im Leben einer Frau um die 40 sind nicht unbedingt das, was man als Special Event oder Highlight des Jahres bezeichnen könnte. Und wenn dieser Tag sich gar gefährlich dem nächsten Jahrzehnt nähert, ist das sensible Wesen Frau äußerst angespannt und nicht ganz objektiv in ihrer Wahrnehmung. Alle Antennen sind ausgefahren und stehen auf Alarmbereitschaft.
So ein Tag ist heute. Schon das morgendliche Erwachen zu den Klängen des Radioweckers: "Lebt denn der alte Holzmichel (die alte ...) noch?", macht mürbe. Ja, sie lebt noch!
Ich unterstelle dem Moderator Absicht. Der Mann müsste eigentlich gekündigt werden. Bevor mich aber der jährlich datierte Alterungsprozess in Depressionen verfallen lässt, stehe ich auf. Ich stehe auf, wohlgemerkt. Ich springe nicht auf oder hüpfe aus dem Bett, nein, die Zeiten sind vorbei, in einem gewissen Alter muss man erst seine Glieder sortieren um dann mit einem lauten Ächzer die zwei, drei Kilo mehr zu erheben. Beim Hochziehen der Jalousien verspüre ich ein leichtes Ziehen in den Oberarmen aufgrund mangelnder Muskeln und als durchs Fenster die Sonne strahlt (lacht die mich nun auch schon wegen meines Alters aus), fällt mein Blick auf den Spiegelschrank Jede Falte, jedes Fettpölsterchen, sogar die Cellulite scheinen mir fröhlich zum Geburtstag entgegenzulächeln. Meine ersten Gratulanten, mit nichts als der nackten Wahrheit als Präsent. Nichts wie unter die Dusche, den Badezimmerspiegel ignorierend. Obwohl, vielleicht sind die Schlafzimmerspiegel ja schlecht geschliffen, schließlich war der Schrank gar nicht so teuer, was kann man da schon für eine Spiegelqualität erwarten? Der Badezimmerspiegel spricht die gleiche Sprache. Noch deutlicher. Viele kleine Falten um Nase und Mund, Augenringe, fettige Haare, Couperose (das sind erweiterte Äderchen und früher Gesichtsmerkmal der Waschfrauen) und. Wer hat eigentlich den Spiegel erfunden? Bestimmt ein schöner makelloser Mensch, der nichts zu fürchten hatte, wenn er selbstverliebt in sein Spiegelbild eintauchte. Was wäre, wenn es auf der ganzen Welt keine Spiegel gäbe? Kein Neid, keine Schönheitsideale, kein Frust ...
Bevor ich mich weiter solch philosophischen Fragen hingebe, die eben die Weisheit des Alters so mit sich bringen, versuche ich mit wohlig warmem Duschwasser die trüben Gedanken abzuwaschen. Früher konnte das Wasser ruhig kalt sein, man wollte sich ja abhärten, aber je älter man wird, desto mehr haperts mit der Überwindung. Und ob sich Abhärtung überhaupt noch lohnt. In der Küche höre ich es bereits rumoren. Der Rest der Familie kümmert sich ums Geburtstagsfrühstück. Rest ist übertrieben, eigentlich ist es nur mein Mann, denn die Jungs sind erst in den Morgenstunden nach Hause gekommen. Man kann doch die armen, volljährigen Kinder nicht wecken, nur weil Mama Geburtstag hat. Und außerdem lohnt es sich kaum für dieses Frühstück aufzustehen. Wo einem noch vor Jahren Croissants, Speck, Eier das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, blickt einem heute traurig und trocken ein Knäckebrot mit fettreduzierter Wurst entgegen und zur Feier des Tages steht einsam ein Bircher Müsli auf dem Tisch. Eier und Speck mussten dem Cholesterin weichen, Milchkaffee dem starken, schwarzen Bohnenkaffee und das Glas Sekt zum Anstoßen lassen wir lieber wegen dem Sodbrennen.
Und dann aber, blitzt mich doch da mitten auf dem Küchentisch ein bunt eingepacktes Päckchen an. Professionell eingepackt, also nicht von meinem Mann; und mein Göttergatte kann es kaum erwarten, dass ich es öffne "Ich bin ja so gespannt, was du dazu sagst. Damit rechnest du nie". Ich packe aus ... und - nein, damit hätte ich nicht, nein niemals gerechnet. Ein neues Telefon. Nein, kein Handy. Ein normales Telefon. "Es ist der Porsche unter den Telefonen", ereifert sich mein Mann und deutet meinen versteinerten Blick als gelungene Überraschung. Ohne dass ich etwas sagen kann, reißt er es mir aus der Hand und schließt es an. Mit seinem Handy ruft er sofort unsere Nummer an um sein Geschenk, nein mein Geschenk, zu testen. Es funktioniert. Als die Klingelmelodie ertönt, überlege ich, ob ich, wenn ich ihn jetzt erschlage mildernde Umstände wegen seelischer Grausamkeit bekomme. "Mit 66 Jahren da fängt das Leben an ..." nach 3mal 66 Jahren verstummt mein Geburtstagsgeschenk und das für den Rest des Tages. Es kränkt mich schon etwas, dass mir niemand gratulieren will, so schlimm ist es doch auch nicht, dass ich ein Jahr älter geworden bin. "Dieser Anschluss ist zur Zeit nicht besetzt ..." war der Satz, den all unsere Freunde und Bekannte von meinem Geschenk zu hören bekamen. Und nun. Nun steht der Porsche unter den Telefonen wieder in dem Elektromarkt, der immer mit dem Slogan wirbt: "Lass dich nicht verarschen ..." Lass ich mich nicht und bleibe bei dem Kleinwagen unter den Telefonen. Beim Telefonieren mit meinen vielen Freunden und Bekannten fest stelle ich fest, dass es eigentlich ganz schön ist gemeinsam zu altern.

Eingereicht am 17. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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