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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Den da oben - kenne ich auch!

© Ulrich Rakoún


Aller Sinn des Lebens ist erfüllt,
wo Liebe ist.
Dietrich Bonhoeffer
Ich hatte Evi damals nicht gleich verstanden, was sie damit meinte. Sie machte nur diese eine kleine und kurze Geste und Bemerkung, deren Bedeutung mir erst später richtig bewusst wurde, dachte ein sichtbar von Traurigkeit gezeichneter Benjamin.
Es war auch das letzte Mal, dass ich Evi lebend gesehen habe, denn ich hörte später von einem Bekannten, dass sie noch im vorigen Sommer nach einer Urlaubsreise gestorben sei. Sie sei zuerst noch recht fröhlich gewesen nach ihrer Rückkehr aus Thailand. Aber irgendein Tropenvirus hatte ihre ohnehin angegriffene Gesundheit befallen und ihr schwaches Herz die Strapazen der Therapie nicht überstanden. Dass Evi seit ihrer Geburt an einem Herzfehler litt, wusste ich schon seit langem, aber dass dieser ihr jetzt so zum Verhängnis wurde, erst seit ein paar Monaten.
Nun, aber welche Geste hatte Evi denn eigentlich gemacht und was hatte sie dabei gesagt, werden die Leser schon neugierig fragen. Ja, an dem Sonntagnachmittag unserer letzten Begegnung kam sie heraus auf die Terrasse und brachte mir ein Glas mit kalter Zitronenlimonade. Es war ein heißer und schwüler Tag, genau wie der Tag und viele andere vorher, denn die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht, und es hatte seit einer Woche schon nicht mehr geregnet. Es ginge ihr heute nicht sehr gut und sie habe die letzte Nacht wieder schlecht geschlafen. Als ich sie fragte, was ihr denn fehle, meinte sie, dass es die alte Geschichte mit ihrem Herzen sei. Dann habe sie auch manchmal einen sehr hohen Blutdruck, und das Marcurmar mache sie immer sehr müde, so dass sie sich oft am Tage hinlegen müsse und dann in der Nacht nicht schlafen könne. Sie habe den Arzt schon oft um andere Medikamente gebeten, die er ihr jedoch nicht verschreiben würde. Vielleicht sollte sie einmal den Arzt wechseln, denn dieser könne ihr doch nicht mehr richtig helfen, weil er noch einer von der ganz alten Schule sei.
Als ich Evi dann fragte, ob sie sich über ihr Leben Sorgen machen würde und vielleicht schon manchmal an den Tod gedacht habe, drehte sie sich um und wischte sich so unauffällig wie möglich ein paar Tränen aus den Augen, die ich aber doch bemerkt hatte und die mich damals etwas verlegen machten, denn ich hatte Evi vorher noch niemals weinen sehen. Immer war sie mir heiter und fröhlich erschienen, so wie ein heller Sonnenstrahl an einem verregneten Herbsttag. Der Sommer war noch einmal für kurze Zeit zurückgekommen, nein Evi war zurückgekehrt und hatte den Sommer mitgebracht. Einfach so, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt. Das Licht und die Sonnenstrahlen an einem dunklen, trüben Herbstmorgen, gab es denn so etwas überhaupt - noch? Ja, tatsächlich, denn Evi machte es wahr. Sie hatte die Gabe, andere Menschen glücklich zu machen. Sie aus ihrer Traurigkeit und Lethargie herauszuholen und ihnen neuen Mut zum Leben zu schenken. Nun hatte ich für einen kurzen Moment lang den Eindruck, dass ihr der Mut verloren gegangen war. Der Mut zu ihrem eigenen Leben, denn anderen hatte sie ja immer so viel Hoffnung geschenkt.
"Bitte entschuldige, Benjamin", meinte Evi bloß. "Ich weiß auch nicht was heute mit mir los ist. Vielleicht hat mich die Krankheit etwas melancholisch gemacht, aber das tut sie doch sonst nicht. Ich muss mich doch besser zusammennehmen, sonst springt meine Stimmung noch auf dich über, und das täte mir sehr Leid." Evi war wieder ganz die alte, ein Mensch voller Selbstbeherrschung. Ihr strahlendes Lächeln kehrte auf ihr immer noch jung wirkendes und fast faltenloses Gesicht, das schon so viele Momente des Krankseins und der Schmerzen erlebt hatte, zurück. Ein ansteckendes Lächeln, denn Evi besaß die Gabe, die Menschen auf angenehme Weise anzustecken. Mit einem unbeschreiblichen Lebens- und Glücksgefühl, das "Tote wieder lebendig machen" konnte. Denn ich war vor vielen Jahren einmal seelisch am Ende gewesen, und Evi hatte mir Mut und Lebenswillen geschenkt, um weiter zu machen. Ich wünschte mir heute, dass ich noch oft die Möglichkeit hätte, mich an Evis Lebensader zu klammern. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie immer noch für mich strömt, wenn ich im Traum an Evi und unsere gemeinsamen schönen Tage denke.
Ja, Evi hatte vieles durchgemacht. Ihr Mann hatte sie vor Jahren verlassen, weil ihm die Krankenhausaufenthalte seiner Frau und ihre Therapien irgendwann zu viel wurden und er in die Welt der Gesunden zurückzukehren gedachte. Obwohl meine Freundin doch eigentlich nie klagte und bestimmt niemandem und schon gar nicht ihrem Mann zur Last fallen wollte. Hatte Brecht nicht auch in der Mutter Courage in der Person der stummen Kattrin gezeigt, dass die Menschen das Behinderte und Kranke eher ablehnen. Denn der Koch Lamb wollte seine Geliebte, die Courage nicht zusammen mit ihrer Tochter Kattrin, der stummen und gequälten Kreatur, in das Wirtshaus nach Utrecht mitnehmen, weil er wusste, dass die Gesunden das Behinderte nicht ständig um sich haben wollten. Aber die Courage entschied sich für ihre Tochter und gegen das Wirtshaus und lehnte den Antrag des Kochs schlichtweg ab.
Evis Mann entschied sich jedoch für das "Wirtshaus" und gegen seine behinderte Frau und ihre Krankheit. Ja, im wahrsten Sinne des Wortes, Gott musste ihn wohl gestraft haben, denn er wurde zu einem wahrhaftigen Wirtshausgesellen, einem Kneipenbruder, der nur noch selten an seine kranke Frau zurückdachte. Und als Evi im letzten Spätsommer starb, sei er im betrunkenen Zustand zur Beerdigung gekommen und schließlich an ihrem Grab zusammengebrochen und habe unaufhörlich geweint, so dass ihn die anderen Trauergäste die ganze Zeit über beruhigen und stützen mussten. Nun aber war es für den Mann für eine wirkliche Reue und Umkehr zu spät. Denn Evis Sonnenstrahlen würden nie wieder in die Herzen der Menschen strahlen können. Ihr Licht war erloschen und hatte für immer die Welt verlassen. Hatte es dies wirklich? War wieder dahin zurückgekehrt, woher es gekommen war. Danke Evi, dass du mich immer so glücklich und froh gemacht hast, dachte ich als ich Evi das letzte Mal auf dem Friedhof besuchte. Und auch danke dafür, dass ich heute nicht traurig bin, wenn ich an dich denke. Denn als ich mich umdrehte und mich von ihrem Grab entfernte, hatte ich das unbeschreibliche Empfinden, dass mich jemand verstanden hatte, weil ein Sonnenstrahl unmittelbar vor mich auf meinen Weg fiel und mir das Gefühl gab, sicher und geborgen zu sein. Und erst jetzt wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst: zu jedem Leben gehört auch der Tod. Aber auch einer, der uns Lebenden nicht von den Toten trennen muss.
Ja, und nun werden sie mich gerade zum zweiten Mal fragen, welche Geste Evi denn eigentlich damals machte und was sie mir dazu sagte. Welche Schätze sie mir aus ihrem impulsiven Lebensüberfluss geben und mitteilen wollte. Nun sie tat und sagte kaum etwas, nur so viel: "Den da oben kenne ich auch!" und zeigte dabei mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand in den Himmel.



Eingereicht am 10. Januar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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