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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Krieg nach dem Krieg

© Ronja Häußler und Marie Haibt


"Johannes!", rief die Mutter. Der Junge kam die Treppe heraufgestolpert. Die Treppe hatte kein Geländer und war in einem der letzten Häuser der Stadt, das noch vollständig stand. Johannes war oben angekommen und betrat die kleine Wohnung, die er mit seiner Mutter, seinem großen Bruder Wilhelm und seinem Großvater teilte. Mal wieder musste er seinem großen Bruder, der im Krieg ein Schienbein verloren hatte, zum Esstisch helfen. Doch er beschwerte sich nicht, er beschwerte sich nie. Seine Mutter hatte auch so schon genug Sorgen und Kummer. Ohne den Vater und den Ältesten Ludwig, die im Krieg gefallen waren, war das Leben viel härter für die Familie. Und ohne das kleine Lieschen, das die Familie nicht hatte ernähren können, war es traurig still. Ihre Lebensfreude hatte den dunklen Alltag aufgehellt, doch sie war tot. "Dein Bruder ist im Bad. Setz ihn schon mal an den Tisch, ich schaue, was ich zu Essen auftreiben kann. Setz schon mal Wasser auf. Danke, du bist mir wirklich eine große Hilfe. Bis später." Die Tür fiel ins Schloss.
Als ich die Straße entlang lief, fiel mir auf, wie zerstört und trostlos alles aussah. Es machte den Anschein, als wäre alle Hoffnung auf Besserung sinnlos. Aber im Gegensatz zu anderen hatten wir doch noch recht Glück.
Schon von weitem sah ich das Gedränge und hörte das Geschrei vor der Essensausgabe. Krampfhaft umklammerte ich die Essensmarken in meiner Rocktasche. Wie konnte es nur passieren, dass Nachbarn, Freunde und Verwandte sich dermaßen um etwas schlugen. Noch einmal holte ich tief Luft. Ich kämpfte mich mit all meiner Kraft und dem Einsatz meiner Ellenbogen bis nach vorne, doch als ich endlich mit einigen Schrammen und blauen Flecken dort angelangt war, rief die Frau gerade, dass nichts mehr da sei. Erschütterung erfasste die Menge. Einige fingen an zu weinen, andere fielen auf die Knie und sandten heftige Stoßgebete den Himmel hinauf. Kraftlos fiel auch ich auf die Knie. Verzweiflung machte sich in mir breit. Wie sollte ich meine Kinder heute über den Tag bringen? Wie lange sollte das noch so weitergehen?
Als sie wieder genug Kräfte gesammelt hatte, stand sie langsam auf und machte sich in bedrückter Stimmung auf den Heimweg.
Die Tür ging auf, die Mutter trat ein und schüttelte traurig den Kopf. Sie vermochte nichts zu sagen. Die beiden Jungen versuchten ihre Enttäuschung zu verbergen und begannen, ihr heißes Wasser ohne Inhalt zu löffeln.



Eingereicht am 06. Januar 2006.
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