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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Scheidepunkt

© Stine Witt


"Er wacht auf! Er wacht auf!" Lisa schrie es in einer Tonlage in mein Ohr, als wollte sie eine Dampflok imitieren. Ruckartig schaute ich in sein Gesicht und fast zeitgleich flog die Tür auf.
"Nein, tut mir Leid Kleine, aber dieses Zucken der Augenlieder ist bei Komapatienten normal." Ein Blick auf die Geräte hatte der Krankenschwester genügt. Nichts war verändert, alles wie zuvor.
Meine Finger entspannten sich langsam, so hatte ich mich an der Bettkante festgekrallt. Was hätte ich ihm auch sagen sollen?
Seit 15 Jahren sind wir verheiratet, unsere Tochter ist nun gerade mal 8. Ich weiß noch, ich muss total verliebt in ihn gewesen sein. Einmal saß ich stundenlang neben dem Telefon, in der Hoffnung, er würde sich melden. Doch er tat es nicht und vor lauter Wut warf ich bei unserem nächsten Treffen ein Kopfkissen nach ihm. Wann hat das aufgehört? Ich habe es nicht bemerkt.
"Lisa, willst du mitkommen, ich bin heute Morgen an dem neuen Harry Potter einfach nicht vorbeigekommen. Du kannst ein bisschen darin schmökern." Ein kurzer Blick zu mir und schon ist sie mit Schwester Caroline verschwunden. Kein Wunder, denn immerhin sind wir schon fast Stammgäste hier. Nun sitze ich wieder allein am Bett, allein mit meinen Gedanken.
Es war an einem Dienstag vor drei Wochen. Ich war mitten in der Vorlesung, als unsere Rektorin erschien. Jetzt noch kann ich die verwunderten Blicke meiner Studenten im Rücken spüren. Ihr Gejohle setzte ein, als sie mir gerade von Mikes Unfall berichtete.
Die ersten Tage danach nur Stress, kein Moment des Innehaltens blieb mir. Doch vielleicht ließ ich einen solchen Moment auch nicht zu, da Mike doch mit 120 km/h auf einer geraden Allee, ohne erkennbare Ursache, gegen einen Baum gerast war.
Was habe ich gefühlt? Angst, Trauer, ja Hilflosigkeit. Doch auch Unwillen, schließlich hatte ich das alles nicht gewollt. Eigentlich wollte ich nur eins, ihn wieder sehen. Mit ihm, Frank, ein neues Leben beginnen.
Doch in den ersten Tagen blieb dazu keine Zeit, und danach? Vielleicht überwog einfach nur das schlechte Gewissen, vielleicht auch das unbewusste Gefühl, mit mir selbst ins Reine kommen zu müssen.
Ich hatte Frank in der Uni kennen gelernt, er war Professor für Geschichte. Mitten in der Mensa stand ich, als er auf mich zukam, mit seinem so typischen Gesichtsausdruck: lächelnd, mit zusammengekniffenen Augen. Die scheinbare Gegensätzlichkeit seines großes, kräftigen Körpers und seines warmen und herzlichen Blicks faszinierte mich sofort. Vom ersten Moment habe ich ihn gemocht und obwohl wir bis dahin nie ein persönliches Gespräch hatten, wurde er trotzdem zum Mittelpunkt für mich. Vier Jahre sind seitdem vergangen. Vier Jahre des Sich-Sehens, Sich-Mögens und schließlich des Sich-Begehrens.
Wir sahen uns immer nur in der Uni und nach wie vor unterhielten wir uns nie allein. Trotzdem entwickelte sich zwischen uns eine nie da gewesene Intensität. Der ersehnte und doch so verhängnisvolle Abend war dann nur noch eine logische Konsequenz. Ein Abend reichte, um all meine jahrelangen Zweifel, ob er mich überhaupt mochte, wegzuwischen.
Danach sahen wir uns öfter. Wir gingen spazieren, unterhielten uns und konnten doch nichts unternehmen; immer auf der Hut, gesehen zu werden.
Kein Zustand für eine Liebe! So dauerte es auch nicht lange, bis mein Mann durch mich alles erfuhr. Doch an die Konsequenzen hatte ich nicht gedacht. Konnte, durfte ich ihm alles wegnehmen, seinen gerade fertig gestellten Traum vom Leben zerstören? Und unsere Tochter, bei einer Scheidung wäre sie die Leidtragende!
Wusste ich überhaupt, ob ich meinen Mann nicht noch liebte, hier nur die Gewohnheit ihr Spiel trieb? Und Frank, war er nicht einfach nur etwas Neues, eine Möglichkeit aus dem Alltagstrott des eigenen Lebens auszubrechen?
"He, Mama, den Harry Potter muss ich unbedingt haben, der ist wieder echt Klasse." Ich hatte gar nicht gehört, wie sie den Raum betrat und dann: "Werdet ihr euch wieder streiten, du und Papa ?"
"Darüber habe ich auch gerade nachgedacht." Ich ging zu meiner Tochter und hockte mich ganz dicht vor sie: "Ich denke, ich werde ein bisschen weniger arbeiten. Dann bin ich abends nicht mehr so müde und wir drei können viel mehr zusammen unternehmen. Und wenn wir zu Hause sind, rufen wir Katja an. Soll sie ihre 8 €/h bekommen, wenn sie dafür einmal in der Woche auf dich aufpasst".
"Ist ja cool, dann bin ich nicht alleine und ihr könnt trotzdem tanzen gehen!"
"Genau so machen wir es." Ich richtete mich auf und setzte mich wieder zu meinem Mann ans Bett.
Wenn er doch nur endlich aufwachen würde, schließlich habe ich ihm noch so viel zu sagen!



Eingereicht am 19. Dezember 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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