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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Allzeit gute Fahrt

© Julia Niewerth


Der 26 Juni 2003 ist der Tag der mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt hat.
An diesem Tag ist mein Vater bei einem schweren LKW Unfall ums leben gekommen.
Ich selber bin auch Kraftfahrer und Vater von drei Töchtern.
An diesem Tag wurde ich in ein anderes Leben geworfen.
Meine kleine Heile Welt in der ich lebte und in der nie etwas Schlechtes passiert ist war zerbrochen.
Nun bin ich der einzige Mann im Haus, da mein Vater und meine Mutter in unserem Haus wohnten.
Alle verlassen sich nun auf mich und keiner hat mich gefragt ob ich mir das zutraue.
Als ich die Nachricht erfahren habe wurde von mir erwartet dass ich stark bleibe.
Männer dürfen nicht weinen.
Meine Schwester klopfte mir auf den Rücken und sagte zu mir: "Jetzt bist du der Mann im Haus!"
Ich konnte lange nicht begreifen dass mein Vater tot ist.
Ich habe mir auch den LKW angesehen und habe seine persönlichen Sachen herausgeholt aber ich habe nichts gefühlt.
Nach der Beerdigung hatte ich Urlaub und habe alles geregelt.
Hab mich abgelenkt und meine Mutter unterstützt.
Meine Frau wollte meine Gefühle aus mir heraus kitzeln aber Männer zeigen keine Gefühle.
Nach meinem Urlaub bin ich dann zur Firma gefahren und bin in den LKW gestiegen.
Zuerst war das ganz normal.
Ich bin vom Hof gefahren und in Richtung Köln Mülheim auf die Autobahn gesteuert.
Das Radio habe ich ganz laut gestellt und den ersten Liter Kaffee in der ersten Stunde getrunken.
Nach 6 Stunde bin ich dann in Hamburg angekommen.
Dann kommt die übliche Prozedur abladen, aufladen und wieder losfahren.
Es ist 21 Uhr und als ich 2 Stunden später in die Dunkelheit fahre und nur das glimmen meiner Zigarette und die Tachoanzeige noch etwas licht spendet höre ich den Radiomoderator sagen:" Nun kommt Tom Astor für alle LKW Fahrer, die noch auf dem Weg sind ich wünsche Allzeit gute Fahrt!"
In diesem Moment bin ich einfach rechts ran gefahren und habe geweint.
Ich habe geschrieen und gebrüllt ich habe laut geweint.
Das erste mal seit langer Zeit.
Nach einer Ewigkeit bin ich völlig erschöpft wieder los gefahren und ich hatte wackelige knie.
In diesem Moment wurde mir klar das ich diesen Beruf nicht mehr ausüben kann.
Ich kann nicht riskieren das mir das gleiche Schicksal widerfährt.
Ich brauche die nächsten Tage und Wochen um meiner Frau zu sagen, dass mich dieses ewige Fahren langweilt.
Die Wahrheit kann ich nicht sagen ich muss stark bleiben.
Meine Frau schaut mich an ihr Blick zeigt die Enttäuschung und sie spielt meine Entscheidung herunter. "Bist wohl in einer Midlife Krisis, was?"
Ich sage nichts.
Sie musste ja so reagieren, woher soll sie wissen was in mir los ist wenn ich im Lkw sitze.
Schweigend gehe ich in meinen Keller um ein bisschen allein zu sein.
Auch nach anderen Stellenangeboten habe ich schon gesucht.
Vielleicht als Hausmeister.
Aber ich finde nichts und ich muss schließlich meinen Kindern etwas bieten können.
Jeden Tag gehe ich nun zur Arbeit und werde immer unglücklicher und unzufriedener.
Letzte Woche habe ich mich mit Kumpeln getroffen und wir haben getrunken.
Meine Frau war ganz schön wütend und hat mich beschimpft.
Da hab ich zugeschlagen.
Einfach so.
Erst war es befreiend aber dann hab ich mich geschämt und ich war geschockt das ich meine Frau geschlagen hab das hätte ich nie gedacht.
Ich hab mich entschuldigt und wir haben nicht mehr darüber gesprochen.
Auch über die Arbeit reden wir nicht mehr.
Seit gestern habe ich eine neue Arbeit.
Als Hausmeister in einer Schule in der Nähe.
Meine Frau weiß nichts davon und ich trau mich nicht das zu erzählen.
Meine Kinder ahnen etwas weil ich so oft zu Hause bin.
Ich habe die drei heute Abend ins Kino geschickt und wenn meine Frau nachhause kommt werde ich ihr alles sagen.
Alles.



Eingereicht am 28. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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