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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das alte Mädchen

© Laura Hennicken


"Wie spät ist es? Ich weis nicht ob meine Uhr richtig geht, wissen Sie.
Haben Sie auch eine Uhr?" Das Mädchen schaute von ihrem Schulbuch auf, als die Frau neben ihr zu sprechen begann. "Viertel nach fünf.", meinte das Mädchen und wandte sich wieder ihrer Lektüre zu, die Arbeit würde sich nicht von alleine schreiben. "Diese roten Lichter da kommen bestimmt vom Krankenhaus." "Nein, die sind von einem Kran, dort wird ja zurzeit gebaut.", antwortete das Mädchen. Nun erst schaute sie die Person, die neben ihr auf der Bank saß wirklich an. "Ja, ja, ich dachte nur, weil die Lichter so hoch sind." Es war eine alte Frau, irgendeine alte Frau. Wie konjugierte man noch gleich das Verb? "Lernen Sie nur nicht zu viel. Ich habe auch gelernt und gelernt. Fünfundfünfzig Jahre habe ich gearbeitet und jetzt bin ich alt. Ich war ja Friseurmeisterin, zwei Geschäfte hatte ich und was ich nicht alles gelernt habe. Chemie, besonders Chemie. H2O und 2H, das war ziemlich wichtig, weil ich die Farben ja noch selbst angerührt habe, da brauchte man Chemie." "Damit muss ich mich jetzt auch herumschlagen.", entgegnete das Mädchen und lächelte, sie hätte nicht gedacht, dass die Alte Frau sich so gut auskannte. "Und wie ich das gelernt habe, für meine Aufnahmeprüfung." Sie hatte ein breites Gesicht und dem Mädchen fiel auf, dass sie immer ein wenig an ihr vorbeischaute. "Ach und später, als man dann unser Haus abgerissen hat und mit ihm das Geschäft, da ging das ja dann mit der Chemie erst richtig los. Ich habe in einem Betrieb angefangen. Nur Doktoren liefen da rum und wenn ich dann Abends zu meinem Mann nach Hause gefahren bin hab ich immer gesagt, lass misch in Ruh! Da haben wir immer gelacht." Ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihre Gesichter. "Mein Mann war Polizist. Nachts hat der immer gearbeitet, bei der Sittenpolizei, der Sittenpolizei. Was der mir immer erzählt hat wenn er zurückkam. Dat kannste keene verzelle." Das Mädchen hatte ihr Schulbuch ganz unbewusst zugeklappt und ihre Tasche gesteckt. Während immer neue Busse an den beiden vorbeirollte hörte sie nur der alten Frau zu, die ihrerseits die Passanten musterte, sie allerdings gar nicht zu sehen schien. "Die haben alle ein Kreuz. Mein Mann, der hatte auch so breite Schulter und wenn meine Tochter dann nach Hause, dann hab ich mich immer hinter ihm versteckt. Die hat dann immer gefragt, Pap wo ist denn die Mama und mein Mann sagte immer: "Weis ich nicht.", obwohl ich doch direkt hinter ihm stand. Und gelacht haben wir dann, gelacht. Meine Tochter wohnt jetzt in Wien und ich hab nur das eine Kind." Das Mädchen besah sich die faltige Haut der alten Frau, die an altes Pergament erinnerte, ihre Haare waren unter einer schwarzen Mütze verborgen. Nur hier und da schauten graue Strähnen hervor. Und das Mädchen bemerkte verwundert, wie sie plötzlich an den Lippen der Alten Frau hing. "Mein Mann, der war Jugoslave und meine Tochter hat immer zu mir gesagt:
"Mama, ich werde nie einen Ausländer heiraten. Das ist mir viel zu kompliziert.". Und dann fuhr sie in Urlaub nach Wien, kam zurück und meinte: "Mama, ich hab da einen ganz netten Mann kennen gelernt." Als ich sie sann fragte, ob er denn kein Ausländer sei, da hat sie nichts mehr gesagt und wir haben beide gelacht. Jetzt wohnt sie ihn Wien und wir sehen uns nur noch selten. Aber wenn meine Enkelin mich dann schon mal besuchen kommt, dann sagt die immer zu mir: "Servus Oma." Und lacht wenn ich das nicht aussprechen kann." Das Mädchen warf einen kurzen Blick über ihre Schulter, der Bus kam noch nicht. "Schon fünf Minuten Verspätung!", rief einer ungeduldig. Doch das Mädchen und die alte Frau schienen es nicht zu hören. "Meine Enkelin studiert jetzt auch.
Auslandmanagerin will sie werden und Sprachen kann die. Englisch, Französisch, Latein und jetzt muss sie noch eine Slawische Lernen. Ich habe zu ihr gesagt, dass sie Jugoslawisch nehmen soll, da sie das ja schon etwas kann, über meinen Mann. Früher haben wir immer alle zusammen gesungen." Das Mädchen lächelte als die Frau zu singen begann. Ein kurzes Lied, und obwohl sie nicht verstand, worum es ging. Glaubte sie, es verstehen zu können. "Gesungen haben wir immer gerne zu zweit. Und jetzt ist mein Mann schon sechzehn Jahre tot. Sechzehn Jahre bin ich Witwe und meine einzige Tochter, die wohnt in Wien." Das Mädchen spürte die Kälte des Winterabends. Es war noch so früh und trotzdem schon Dunkel. Man konnte die roten Lampen des Krans erkennen. Und der Bus fuhr ein. "Ich muss ja aufpassen, hoffentlich muss ich im Bus nicht stehen.", meinte die alte Frau besorgt und überrascht sah das Mädchen wirklich eine Spur Angst in ihrem Gesicht. Umsichtig half sie ihr in den Bus, der quietschend hielt. Als sich die Türen schlossen saßen sie Seite an Seite in einer Bank. Sie starrte in die gläserne Sicherheitsscheibe und die Frau aus dem Fenster. "Vor drei Jahren bin ich noch Fahrrad gefahren und gelaufen bin ich, gelaufen, mein ganzes Leben lang. Mein Leben lang habe ich viel gearbeitet und jetzt? Leben - Arbeiten - Alter." Das Mädchen sah von ihrem Spiegelbild zu dem der Frau und spürte plötzlich eine Kälte in sich, die ihr die Luft zum Atmen zu nehmen schien. "Vor drei Jahren kam ich noch zum Karneval feiern in die Stadt. Als ich ein Mädchen war, hat meine Mutter meiner Schwester und mir immer Kleider und genäht. Einmal eine Spitzenhose für darunter. Dann liefen wir beide durch die Stadt und haben Karnevalslieder gesungen. Mein Vater war Musiklehrer und da lernten wir drei Kinder, meine Schwester, mein Bruder und ich, alle Instrumente. Aber meine Schwester die wollte nie wirklich." Und als das Mädchen plötzlich Verbitterung in der Stimme der alten Frau hörte schaute sie ihr noch einmal offen ins Gesicht und als diese jetzt weiter sprach wirkte es so viel älter. "Meine Schwester ist jünger als ich und in einem Pflegeheim in einer großen Stadt. Wie soll ich sie da mit meinem Fuß besuchen?" Schweigend blickte das Mädchen in die Sicherheitsscheibe vor ihnen und sah wie zwei Gesichter zurückblickten. Rechts das alte Gesicht der Frau, voller Falten; Falten der Sorge um ihr Geschäft; Falten des Lachens, der Zeit mit ihrem Mann; Falten des Lebens; Das Gesicht mit diesen blauen Augen, die wie Murmeln wirkte, ein wenig glasig und so hell. Das graue Haar unter dem Schwarzen Hut verborgen. Links, ihr Gesicht, nicht mehr das eines Kindes und doch noch nicht das einer Frau. So unterschiedlich und doch so gleich. "Hier muss ich raus.", sagte das Mädchen leise und als sie draußen in der Kälte stand lief ihr eine einzige Träne über die Wange.



Eingereicht am 11. Dezember 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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