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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Bei dir lässt es sich einfach besser feiern

© Ilona Weidemann


Cay-Clemens kann keine Ahnung davon haben, wie leicht es ihm neuerdings gelingt, mich zur Weißglut zu bringen, woher auch, ich lasse es mir nicht anmerken. Meine Hoffnung ist groß und wiederholt sich regelmäßig. Eines schönen Tages wird Cay wieder so sein, wie er früher gewesen ist. Dessen war ich mir sicher, doch ich sollte mich irren.
Das weiß ich noch nicht an diesem Abend und bin deshalb wild entschlossen, alles für ihn zu tun. Ich atme tief durch, bevor ich den Hörer abnehme und programmiere meine Stimme auf Heiter und Ausgeglichen, wie mein ganzes Wesen heiter und ausgeglichen zu sein hat.
"Nach der Arbeit", wispert Cay-Clemens in den Hörer, "nach der Arbeit gegen sechs kann ich bei dir sein." "Bei mir?" "Ja, meine Kleine, ich freue mich so auf dich!" "Aber wir hatten doch ausgemacht, zu deinem Geburtstag in die Lolo-Bar zu gehen, um mal richtig abzutanzen, zu quatschen und eben zu feiern. Wir hatten uns doch so darauf gefreut!" "Du hast dich gefreut." "Du nicht?" "Doch natürlich, ich mich auch, aber es geht heute einfach nicht." "Warum nicht?" "Mädchen, höre auf zu streiten und verdirb uns nicht den Abend. Nach sechs also bei dir." "Dann verrate mir doch wenigstens, warum wir nicht gehen können!" "Ach du, mein Spätzchen", seine Worte kommen plötzlich weich herüber, er singt "mein Spätzchen" wie ein Lied, "bei dir ist es viiiel gemütlicher." "Es soll doch aber eine Geburtstagsfeier werden!" "Deshalb ja! Bei dir lässt es sich einfach besser feiern." Schlimm ist, dass mir die Knie zittern, wenn ich seine Stimme höre, dass ich die kleinen ungeduldigen Knurrlaute zwischen den Sätzen wie einen Stich ins Herz fühle und dass ich diese Reaktionen, die mir lächerlich und kitschig vorkommen, so deutlich an mir beobachte wie Symptome einer Krankheit, mit der ich mich angesteckt habe.
Die Wut, die in mir aufsteigt, drückt auf meine Stimmbänder, so dass ich mich quäken höre wie die Frauenstimme auf dem Tonband der Zeitansage.
"O.k., dann eben bei mir."
Seit wann ist er nur so?
Ich laufe zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, lege die Blätter der Tageszeitung ineinander, um sie kurz danach wieder auseinander zu reißen, dann putze ich das Klo, gehe wieder in die Küche, esse die drei Stück Kuchen, die schon vier Tage lang im Kühlschrank vor sich hin schrumpfen, hintereinander auf.
"Ich will keine Zicke sein", rede ich mir ein, während die Lust in mir aufsteigt, mich links und rechts zu ohrfeigen. Doch das lasse ich schön bleiben und setze mich auf die Couch.
Meine scharfen Fingernägel der rechten Hand gehen über meinen linken Unterarm, so fest, bis sich kleine blutige Striemen bilden. Ich lecke an den Striemen herum in der wahnwitzigen Vorstellung, alles Blut aus mir heraussaugen zu können, um zu vergehen, denn ich mag mich nicht, weil ich zu schwach bin, die Freiheit des Alleinseins auszuhalten.
Es ist Dienstag.
Nachdem Cay-Clemens am Wochenende in Paris mit der Frau, die mit ihm vor Jahren in ein Standesamt gegangen ist, und Andreas, seinem achtjährigen Sohn, in einer Straßenkneipe in Montmartre auf sein Jubiläum angestoßen hat, dann am Montag für seine Kollegen bei einer Partyservicefirma eine Fresstafel hat herrichten lassen, wird er zu mir kommen, die ich da sein werde für ihn, wann immer er sich eine kleine Zeit stehlen kann, zu mir, von der er erwartet, dass ich sehnsüchtig an der Tür lauern und ihn bereitwillig in meine Arme schließen werde.
Ich sehe zwei Hartschalenkoffer in verschiedenen Größen, die zusammengehören und mit säuberlichen Anhängern versehen sind, und seine Frau, die Liselotte heißt, wie sie im engen blauen Kostüm ins Flugzeug schreitet. Liselotte hat große wippende Brüste und einen Mund wie Brigitte Bardot. Sie lässt sich gut ansehen und anfassen.
"Liselotte, ich hasse dich! Ich bringe dich um, dann bist du mir fern wie der immer währende Mond, der Neumond möglichst, sonst erscheinst du wieder in meinem Blick", schreie ich gegen die Zimmerwände.
Ja, sie erscheint mir jedes Mal, wenn er die Tür hinter sich zugezogen hat und ich allein zurückbleiben muss in der Wohnung. Dann wird er gleich zu Hause sein, wo an der Garderobe ihre dreißig blauen Kostüme hängen, wo im Wohnzimmer irgendein Essen auf ihn wartet, er wird mit seinen Lippen ihren Bardotmund streifen, sich an den Tisch setzen, "reich mir mal die Butter rüber", wird er sagen, als wäre vorher nichts geschehen. Und sie wird ihm die Butter reichen und abends im Bett noch viel mehr. Er wird es nehmen, es steht ihm zu und nichts ist dabei.
Sicher gefällt es ihm sogar, mit ihr zu leben, die die Mutter seines klugen Sohnes ist, sonst würde er nicht einfach so daher kommen, sondern außer sich vor Glück zu mir laufen, sich beeilen, vor Sehnsucht vergehen, hasten, rennen, sein Herz würde laut schlagen vor Erwartung, ich habe doch das Recht, mir zu wünschen, dass er sich ebenso auf mich freut wie ich auf ihn.
Bisher gefreut habe.
Oder nicht?
Doch er wird auch heute wie die letzten Male seine blütenweißen Hemdmanschetten zur Seite schieben und auf seine Armbanduhr starren. Er hat seine wertvolle Zeit zu vierteln. Ich bin das letzte Viertel und muss es bleiben. Ich weiß es längst.
"Bei dir lässt es sich einfach besser feiern", höre ich noch immer seine Stimme, renne wieder zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, bis ich erneut vor dem Kühlschrank stehen bleibe.
Dann werde ich uns eben etwas kochen.
Im Gefrierfach treibt sich ein Rehrücken herum, Kloßmehl ist auch da, so mache ich mich an eine Arbeit, die ich sonst eher selten und ungern verrichte, weil ich nicht gern esse.
"Deine Taille", hatte er gesagt, "Deine Taille hat Spitzenmaße." Das war vor einem dreiviertel Jahr, als er mein Computerlehrer war und nach dem Kurs manchmal vier Stunden Zeit am Stück für mich übrig hatte.
Als die anderen längst über alle Berge waren, hatte er sich ganz nah neben mich gesetzt, vor uns thronte der Rechner, ich war es, die ihn noch mit einer Frage belästigt hatte.
Cay-Clemens war groß und schlank, seine Finger waren schmal, die Nägel mit gleichmäßigen Monden kurz geschnitten, ein künstliches Deckenlicht fiel auf uns, der Herbst hatte Einzug gehalten, als er seine Hand auf meine legte, die auf der Maus lag, um sie zu führen. Seine kurz geschnittenes, bereits etwas spärliches dunkles Haar roch nach fremden Hölzern, ebenso sein weißes Anzughemd, das mit dezenten grauen Streifen versehen war, zu dem er einen weinroten Schlips trug.
Anfangs war ich erschrocken, doch gleich darauf machte sich eine Erregung in mir breit, als er begann, sein Bein gegen meins zu pressen.
Ich ließ diese Berührung nicht nur zu, ich sehnte sie plötzlich herbei, worüber ich mich sehr wunderte.
Es sollte eine aufregende Zeit beginnen, in der wir versuchten, uns kennen zu lernen, wir zwei, die unsere Leben plötzlich voreinander auszubreiten bereit waren in einer Geschwindigkeit, die beispiellos war. Bald war es ums Eingemachte gegangen, was zur Folge hatte, dass auch ich gern und unbedingt mit ihm ins Bett wollte. Nur mit ihm und nicht nur das, sondern es war mehr zwischen uns, das Wort Liebe schien zu groß zu sein, aber die Richtung dahin spürte ich wohl. Das war für mich eine Beruhigung gewesen, weil ich mit meinen einunddreißig Jahren der sexuellen Ad-hoc-Begängnisse müde geworden war und auf der Suche nach einem Eingebundensein, nach Wärme oder Beziehung, die ich mit diesem Mann vielleicht erleben durfte, denn so herzklopfend nah war mir eine Begegnung bisher nie gegangen.
Ich hatte nur ihn und mich gespürt. Ich war auf einmal dieser pulsierende, sich öffnende Körper, warm, fleischlich, atmend, nass, gegen den es keinen Einspruch gab. "Nichts, was uns trennen könnte", hatte er mir ins Ohr geflüstert, als wir zusammen lagen und uns sanft bewegten. Er sprach unaufhörlich mit mir, ich lauschte seinen Worten und dem langsamen Gleiten in mir, während ich stumm blieb und alles in mich einschloss, um es zu behalten. Dann erst hörte ich, dass ich antwortete. Aber es waren nur Laute, die sich aus mir lösten, eine helle laut werdende Stimme, die wie wachsendes Erstaunen klang und mir nicht mehr wie meine eigene erschien. Für Augenblicke taute alles weg, bis wir uns schließlich wieder fanden, eng beieinander liegend, als hätten unsere Körper endlich ihren Platz in der Welt gefunden. Als hätten wir endlich unseren Platz gefunden. Nichts brauchte mehr getan oder geändert zu werden. Wir waren da, wo wir hätten schon immer sein müssen, es war nur möglich gewesen mit Cay-Clemens, obwohl er so gar nicht meinem Leitbild entsprach.
Das nämlich trug Hosen, in die absolut keine Bügelfalten passten.
Trotzdem wollte ich nicht mehr weg von ihm, auch wegen des Sahnehäubchens an ihm, das war, dass er nicht nachließ damit, mir etwas beizubringen.
Er richtete mir den häuslichen Rechner ein, spielte Programme auf und wenn es mal hakte, brauchte ich ihn nur anzurufen. Er wusste Rat. Im Büro galt ich inzwischen als ausgesprochen computerbegabt, weil er mir alle meine Fragen, über die Woche gesammelt, geduldig beantwortete und erklärt hatte.
Preiselbeersoße, denke ich, und beginne mit den Feinheiten am Braten.
Gegen fünf ist alles bereit. Ich stelle mich noch einmal unter die Dusche, ziehe mir mein neues Flügelärmelkleid an, dessen schwingender Rock eine Handbreit überm Knie zu Ende ist, und laufe in den Zimmern meiner Wohnung umher.
Warten ist für mich eine zermürbende Angelegenheit. Eine Unruhe befällt mich, so ein innerliches Kribbeln macht sich breit, während ich die letzten Staubfussel beiseite räume, Bücher in den Schrank sortiere, die Badewanne auswische und dem Schleichen des Uhrzeigers zuschaue. Der Bratenduft hat das Wohnzimmer erreicht. Ich sollte mich freuen. Damit ich das Warten nicht mehr als ungelebte Zeit erlebe, könnte ich mich jetzt in die Couchecke setzen und ""Die Korrekturen" von Franzen zu Ende lesen, ein Buch, dass mich fortträgt in eine andere Welt, die meiner insofern ähnelt, als dass sie in keiner Weise perfekt ist, wie es keine Welt auf dieser Welt ist, doch ich kann es nicht. Der Inhalt der Sätze, über die mein Blick schweift, erschließt sich mir nicht.
Ich habe auszuharren.
Kurz nach sechs klingelt das Telefon. Ich starre auf das Display und der Schweiß bricht mir aus.
"Ich ziehe jetzt los", sagt Cay.
Sein Arbeitsort, eine kleine Firma für Computer, in der er als Programmierer eingestellt ist, ist fünfundfünfzig S-Bahnminuten von meiner Wohnung entfernt. Ein Anruf aus seinem Büro! Er kann vor sieben nicht hier sein.
Nachdem ich den Herd abgestellt habe, setze ich mich vor seinen Geburtstagstisch, auf den ich eine Leinendecke gelegt habe, darauf zwei Teller, eine Flasche Rotwein, zwei Gläser, eine Sonnenblume und zwei Geschenkpäckchen.
Seit wann ist er nur so?, denke ich.
Als ich es aufgebe, daran zu glauben, dass er überhaupt noch erscheint, klingelt es. Halb acht. Mit der Sonnenblume in der Hand renne ich zur Tür, fordernd und ohne Einleitung drückt er mir seine Lippen ins Gesicht und meinen Körper an seinen, so dass ich die Blume fallen lasse und die Gratulationsworte vergesse.
Als er mich ein bisschen locker lässt, um mit mir ins Zimmer gehen zu können, hebe ich die Blume auf, halte sie ihm vor die Brust und bringe nichts weiter heraus als: "Alles Liebe für die nächsten Vierzig." Da will er mich schon wieder zuküssen, ich winde mich ein wenig, so dass ich schnell noch herausbekomme: "Ich habe uns etwas gekocht." "Ach was", wehrt er ab, "ich kann doch jetzt nichts essen." Mein Flügelärmelkleid zittert, die Sonnenblume liegt schon wieder auf der Erde, ich bücke mich, um sie aufzuheben, da umfasst er meine Taille unterm Kleid. Seine Hände sind feucht, ich mag nicht, dass sie weiter vordringen können und mache mich los.
Tschüß wäre gut, was soll ich sonst sagen, wenn du weiter nichts vorhast zu deiner Geburtstagparty, dann suche dir eine andere, bye, bye, mein Liebling, adios oder so ähnlich, doch statt dessen flehe ich mit weicher Stimme, weil ich fürchte, er könnte sonst meinen Vorschlag niederschmettern, ich bettele also: "Komm, setz dich trotzdem an den Esstisch, lass uns auf deinen Tag anstoßen!" Er stellt seine schwarze Aktentasche neben den Stuhl, setzt sich wie auf den Sprung hin, mit dem Weineingießen hapert es bei mir, weil meine Hände sehr wackeln, so hilft er mir beflissen, die Gläser zu füllen, "prost!", bemerkt er wie nebenher, "auf dein Wohl", sage ich. Während er vom Wein nippt, ich nehme einen kräftigen Schluck, sieht er auf die Päckchen, ohne sie anzufassen.
Dann spricht er wie jemand, der freundlich mit weichen kleinen Tieren
spricht: "Lass uns in der Ecke kuscheln".
Die Ecke, das ist die Couch, zu der wir uns nun beide begeben, warum lasse ich mich jetzt auf dieses blöde Couch drängen?, kein Mensch kann mir diese Frage beantworten, es ist ja so schrecklich bequem, in der Ecke zu kuscheln, keiner wird uns stören, und wenn wir fertig sind damit, dann kann er, sich im Zeitplan wähnend, von dannen ziehen.
Warum lasse ich mir von ihm das Gesicht ablecken? Ich weiß es nicht.
Vielleicht beginnt er doch noch, mir etwas zu erzählen, jedoch meine Hoffnung geht jäh dahin, denn er ist sofort beflissen und stumm damit beschäftigt, meine Beine zu bearbeiten.
Seit wann ist er nur so?
Nun liege ich in seinem Arm wie eine Puppe mit Schlappergliedern, meine Wange an seinen Krähenfüßen, da streift er mir das Kleid hoch, es ist ein luftiger Sommerfummel und leicht hochzustreifen, nimmt meinen Slip zur Seite und beginnt gleichförmig an einem Punkt zu reiben, der nicht der richtige ist. Mit der anderen Hand berührt er meinen toten Arm, der eiskalt geworden ist im warmen August, und führt meine Hand konsequent zwischen seine Beine.
Mit meiner Hand ist nichts los. Sie bewegt sich nur widerwillig und fast ist sie ein bisschen froh, als unvermittelt das Handy in seiner Aktentasche musiziert.
Ich denke, dass er den Anruf entgegen nehmen will, weil er abrupt seine Finger vom falschen Punkt lässt und aufspringt, doch er springt nur auf, weil er beabsichtigt, sich die Schuhe und die Anzughosen, die er auf Bügelfalte ordentlich über den Stuhl hängt, auszuziehen. Sein Anzug ist aus mattem grauem Stoff. Ich sehe Liselotte, die zischend mit dem feuchten Finger die Grade des Bügeleisens überprüft. Und ich sehe, wie sie ihrem Mann morgens die Schultern abbürstet, ehe sie ihm in den Mantel hilft und in die Firma entlässt.
Das Telefon hört auf zu singen, als er sich wieder zu mir setzt.
Ich habe einen Südwestbalkon, die tiefstehende Sonne scheint vorbei an der Linde herein am Abend und seine Socken sind grau. Dunkelgrau, das muss man sich mal vorstellen. Jetzt sucht er meine Brüste, die rechte nimmt er in seine Hand, mit dem anderen Arm ist er bemüht, mich auf sich zu drängen.
Seine Unterhose hängt ihm in den Kniekehlen, sie ist weiß und aus gerippter Baumwolle.
Wie eine Schraube versucht er sich in mich hineindrehen, als ich auf ihm hocke, aber es gelingt ihm nicht.
"Es geht nicht", mault er, während er beide Hände auf meinen Hinterkopf drückt.
Meine Zimmerwände brauchten auch mal wieder einen neuen Anstrich, sehe ich, in der Ecke blättert die Farbe ab, ich habe Lust, mit dem Nagel meines Zeigefingers unter das Farbblättchen zu fahren, um es ganz von der Wand abzuheben, da drücken seine Hände erneut mein Haar platt.
Vielleicht singt gleich wieder sein Telefon, hoffe ich und gucke an ihm vorbei, so dass ich die geöffnete Tasche in den Blick bekomme. Sie ist von feinem schwarzen Leder, mit einem Tragegriff versehen.
"Mach es mir mit dem Mund", fordert er.
Jetzt schiebt er seine Hände hinter den Ohren in mein Haar. Es ist schwer, mit den Fingern durch mein krauses Haar zu fahren, doch es gelingt ihm sehr schnell.
Wie oft und wie gern habe ich meine Lippen über ihn gestülpt, um selbst weggleiten zu können, was mir mühelos gelungen ist in unvergesslichem Einklang mit ihm, doch jetzt zucke ich zurück, als hätte er mich angespuckt, und stiere die kleinen Karos auf seinem Schlips an. Sie sind weinrot und grau und gehen ineinander über. Vielleicht vereinigen sie sich gleich.
Was hältst du davon, wenn ich jetzt an diesem Stück Schlipsseide ziehe, so lange und fest, bis es nicht mehr geht? Dann kannst du vermutlich gar nichts mehr sagen und deine Hände werden von meinem Hinterkopf herabgleiten.
"Bitte", fleht er mich an, während er sich in die therapeutische Horizontale begibt, "mit dem Mund!".
Als ich erneut das leise Beben seiner Geilheit in seiner Stimme höre, sträuben sich mir die Armhaare. Ich sehe, wie sie sich aufrichten zu einer Wiese, und ich sehne mich danach, mich in das Gras hineinzulegen, wobei ich ihn mitnehme will, und während wir beide in den weiten Himmel gucken, beginnt er plötzlich, mit mir zu reden. Wir unterhalten uns, ohne müde zu werden, wir können nicht aufhören damit, uns etwas zu erzählen, und als es Abend wird, streichelt er mich. Erst berührt er meine Augen, dann die Wangen, und als er zu den Armhaaren kommt, ist dieses Betteln wieder da.
Ich brauche ein bisschen Kraft, um von ihm absteigen und um mich wieder neben ihn setzen zu können und obwohl ich mir eine große Lust herbeisehne, so wie sie mich früher überfallen hat unter seinen Händen, bleibe ich kühl.
"Ich werde es dir weder so noch anders machen." In meiner Verwirrung versuche ich jetzt, ihm gnadenlos genau ins Gesicht zu sehen, meine Augen gehen von seinen Augen, in denen ich ein nervöses Flackern bemerke und die mir jetzt ebenso grau erscheinen wie seine Socken, zu den feinen Adern seiner Schläfen hinunter bis zu seinem langen mageren Hals mit dem Adamsapfel.
Da tut er mir plötzlich Leid.
So wehre ich mich nicht mehr, denn Wehren bedeutet nichts anderes, als diese Zeit hier unglücklich hinauszuzögern, als er meine Hand erneut zwischen seine Beine führt. Ich bewege sie so, wie ich sie früher auch schon bewegt habe, dabei zähle ich vierunddreißig Karos auf seinem Schlips, es dauert vier Minuten, vier Stunden, vier Tage oder Wochen oder so ähnlich.
Als es vorbei ist, steht er schnell auf, um sich aus seiner gebügelten Anzughose ein gebügeltes Taschentuch zu suchen. Es ist weiß wie frisch gefallener Schnee. Er entfaltet es umständlich und wischt sorgfältig die milchig glitzernde Spur von seinen Beinen.
In diesem Moment klingelt es erneut aus seiner Tasche.
Cay-Clemens rührt sich nicht, und als das Klingeln verstummt ist, ist es plötzlich ganz still im Zimmer. Ich kann die Stille akzeptieren, weil sie die Möglichkeit birgt, endlos zu sein.
"Sie wartet bestimmt mit dem Abendbrot", zerstört er die Endlosigkeit, ich spüre, Liselotte bleibt unantastbar und harrt aus im Hintergrund. Ich sehe, dass er gleich gehen wird. Seine Hände haben sich von mir zurückgezogen, sein Körper hat sich von mir abgegrenzt. Der vollständige Mann hat sich von mir abgegrenzt. Gleich wird er seufzend auf die Uhr sehen und mich verlassen. Er zieht sich hastig die Hose und die Anzugjacke mit den kleinen mattgrauen Karos an. Diese sind mit einem dünnen schwarzen Strich umrandet.
Ich zerre mein zerknittertes Flügelärmelkleid über meine Schenkel.
Auf der Straße schreit ein Kind.
Beim Schuhezubinden bemerkt er: "Ich muss los, morgen rufe ich dich an", er umarmt mich, er hat einen Arm frei, mit dem anderen hält er den Mantel und die Aktentasche, er riecht nach fremden Hölzern und ist verpackt in seinem Anzug, glatt und geschlossen.
Ich habe mich noch nie in einen Mann mit solch einem Anzug verliebt.
Dann stürzt er davon, verschwindet aus meinem Gesichtsfeld wie ein Blitz, ohne mir tschüß zu sagen oder mich anzusehen, ohne seine Hand auf meine zu legen, und ich denke, warum knüpft er nicht einmal seine Geschenkepäckchen auf?
Seit wann ist er nur so?
Eben bin ich im Begriff, keine Antwort mehr auf diese Frage zu suchen.
Ich habe viel Zeit an diesem Abend. Durch die offene Balkontür dringt ein schwüles Licht in den noch nicht müde gewordenen Sommer. Kein Wind regt sich in den Blättern der Linde, deren untersten Zweige vor der Tür hängen.
Ich trotte in die Küche, in der es noch immer nach Festtag duftet. Zuerst schneide ich das Fleisch im Topf in kleine Würfel und esse einen nach dem anderen auf. Ein Pfund gebratenes Reh. Dazwischen gibt es einen kräftigen Schluck Wein und ein Stück Kloß. Ich stehe am Herd, fuhrwerke mit der Gabel in den Töpfen herum und vertilge das gesamte Geburtstagsessen. Dann wende ich mich der Sonnenblume zu, deren Blätter bereits kleine braune Stellen aufweisen und einen Rand blasser Altersflecke. Der Körper ist fleischig und prachtvoll. Ich schaue ins Gesicht der Blume mit den unzähligen dunklen Knöpfchen und reiße die Blütenblätter, eins nach dem anderen, heraus.
Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich. Natürlich liebt er mich.
Anschließend wickle ich die Geschenke aus. Die CD mit den Schubertliedern lege ich sofort auf, während ich mir das Aquarellbild ein kleines Weilchen betrachte. Auf dem Bild ist der Hafen von Cotillo zu sehen. Es ist ein Sonnenbild von Fuerteventura, ich habe es für sein Büro als Stimmungsaufheller gemalt in einer Zeit, als wir uns noch unter die Haut geschlüpft sind, das ist vor einem halben Jahr gewesen. Das Bild ist mir einigermaßen gelungen, finde ich. Ich zerreiße es in kleine Schnipsel, die ich auf dem Wohnzimmerparkett verteile. Dann setze ich mich mit einer zweiten Flasche Rioja, Jahrgang 99, neben den winzigen Fleck auf der Couch, den er mir zurückgelassen hat.
"Prost", sage ich zu dem Fleck und stoße mit der Wand an, "alles Liebe für den Liebsten für die nächsten vierzig Jahre." Der Wein ist gut. Ich werfe die Schnipsel und die Sonnenblumenblätter in die Höhe, um sie als Regen wieder hinunterfallen zu sehen. Dann bewege ich mich zu den Schubertliedern, ich zelebriere einen langsamen Tanz. Während ich im Schatten des Lindenbaumes innehalte, wird mir bewusst, dass ich im Ökosystem der Beziehungen in die Nische der perfekten Geliebten getreten bin, die einfach nicht nachgelassen hat, den Liebsten über alle Maßen zu bewundern, die eifrig auf seinen Schoß geklettert ist, unerschrocken jeden vorschnellen Aufbruch, jeden geplatzten Termin und jede Sockenfarbe akzeptiert hat, die großes Geschick darin bewiesen hat, die Frage, wie "Wann werden wir zusammen leben?" gar nicht in ihren Sinn eindringen zu lassen, geschweige denn, diesen Satz über ihre Lippen hat schlüpfen lassen.
Ich weiß nicht, ob er sich jemals vorgestellt hat, geschieden zu sein. Und wenn er für einen kurzen Augenblick, Sekunden vor der Erfüllung in meinen Armen, daran gedacht haben sollte, so hat ein leuchtendes und idealisierendes Charakterbild seines Kindes, überschattet von einem fledermausartigen Schwarm finanzieller Sorgen, diesen Gedanken nach dem Akt sofort aus seinem Kopf verscheucht.
Ich höre den linden Lüften zu, die erwachen und säuseln, ja, mein Herz ist nicht mehr bang. Nun muss sich alles, alles wenden. Während ich mich immer weiter zur Musik drehe, während ich heute nun doch noch tanze und die Schnipsel sausen lasse, wird die Welt allmählich schöner, so schön wie damals, als ich die Lieder schon einmal mit ihm gehört habe zu einer Zeit, als noch Zeit gewesen war, nach dem Miteinander-ins-Bett-Gehen miteinander zu reden.
"Bei dir lässt es sich einfach besser feiern." Das stimmt, finde ich und mache ein Lied daraus, bei dir lässt es sich einfach besser feiern, singe ich, da weiß ich, dass ich keineswegs zu schwach bin, die Freiheit des Alleinseins auszuhalten.
Gegen neun ist der Wein ausgetrunken, so beschließe ich, die nette Geburtstagsfeier zu beenden, während ich mich auf dem Sofa umfallen lasse und sofort einschlafe.
Am nächsten Tag klingelt fortwährend das Telefon. Auf dem Display sehe ich seine Nummer. Ich höre der Klingelmelodie zu und zähle bis fünfzehn, bis neun, bis sechs. Das geht drei Tage so.
Dann ist es Gott sei Dank vorbei.



Eingereicht am 08. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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