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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Blind

© Günter J. Matthia


Ein drückend heißer Tag begann. Schon beim Aufstehen hatte ich mich matt und verschwitzt gefühlt. Die stickige Luft stand still, ich spürte die ersten Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht, als ich mich aus meiner Schlafkammer in die Küche begab.
Ich nahm ein wenig Brot und gebackenen Fisch zu mir, die noch vom letzten Abend auf dem Tisch lagen. Im Krug war noch etwas Wasser, aber es schmeckte abgestanden und warm. Ich schüttete den Inhalt aus dem Fenster und machte mich auf zum Brunnen.
Ein Stück den Weg hinunter hörte ich munteres Geplauder; als ich vorsichtig tastend näher kam, verstand ich, worüber die beiden Nachbarinnen redeten.
"Shalom", grüßte ich sie, "wie geht es euch?"
"Sehr gut, Bartimäus", antwortete Maria. "Willst du Wasser holen?"
"Ja", meinte ich, "der Rest hat die schwüle Nacht nicht gut überstanden."
Esther berührte mich am Arm. "Gib mir den Krug, ich fülle ihn dir."
"Nein, vielen Dank, ich möchte so viel wie möglich selbst erledigen, das weißt du."
"Ja, aber die Bande Kinder ist beim Brunnen, deshalb hole ich es dir."
Ich gab nach, weil sie Recht hatte. Die Kinder trieben jedes Mal ihren Spaß mit mir, und trotz meines guten Gehörs war es mir meist nicht möglich, ungeschoren davonzukommen. Sie warfen mir Steine vor die Füße, stießen den Krug in den Brunnen, bewarfen mich mit Sand - was immer ihnen gerade einfiel. Sicher, nicht alle Kinder, es gab einige, die hilfsbereit waren und mich sogar führten, obwohl die Wege in der Nachbarschaft mir gut bekannt waren. Waren sie jedoch als Gruppe zusammen, hatte keiner von ihnen den Mut, zu mir zu stehen.
Seufzend gab ich meinen Krug her. "Danke, Esther, ich warte hier bei Maria."
Ihre leichten Schritte entfernten sich. Maria fragte mich: "Ist Thomas schon bei dir?"
Thomas war mein Freund, zusammen saßen wir Tag für Tag viele Stunden am Weg vor Jericho und erbettelten uns unseren Lebensunterhalt.
Er war nicht von Geburt an blind wie ich, sondern er hatte im Alter von 14 Jahren durch eine tückische Krankheit das Augenlicht verloren. Oft hatte er mir davon erzählt, wie es war, als er noch sehen konnte.
Sein Vater war Hirte, Thomas war gerne bei ihm gewesen, zusammen hatten sie die Schafherde geführt. Er erzählte mir von den Farben des Himmels und wie man daraus das kommende Wetter deuten konnte, von den Farben der Gewänder, die aus der Wolle der Schafe entstanden. Ich hörte gerne zu, verstand aber nicht wirklich, was es damit auf sich hatte.
Man hatte mir gesagt, meine Kleidung sei braun und weiß, was immer das auch bedeuten mochte. Ob sie verschmutzt war, musste ich ertasten, wenn mich nicht jemand darauf aufmerksam machte. Ob sie mir passte, musste ich erfühlen, beim Kauf neuer Gewänder war ich auf den Rat der Händler angewiesen.
"Nein, er ist heute noch nicht gekommen. Er wollte erst zum Markt, um uns frisches Brot und Gemüse zu besorgen."
"Das kann dauern", erklärte Maria, "in Jericho ist die Hölle los. Dieser Wanderprediger ist dort, die Stadt ist voll von Menschen aus der Umgebung. Kranke, Krüppel, Wahnsinnige - alles haben sie in die Stadt gebracht. Esther hat mir vorhin erzählt, sie habe gehört, dass er gestern abend viele Menschen geheilt hat."
"Und, hat er wirklich?"
"Nun, ich habe noch keinen kennen gelernt. Aber man sagt, er würde jede Krankheit heilen können, wenn er nur will."
Wir schwiegen eine Weile. Ich dachte darüber nach, was ich bisher über diesen Jesus von Nazareth gehört hatte.
Er war kein Magier, er war kein Arzt. Beide Sorten Helfer der Menschheit hatte ich zur Genüge kennen gelernt, hatte - für meine bescheidenen Verhältnisse - ein Vermögen ausgegeben, um immer und immer wieder zu hören, dass man meinen Augen nicht helfen könne.
In den letzten Jahren hatte ich aufgegeben und mich damit abgefunden, dass ich wohl nie mit eigener Arbeit einen ausreichenden Unterhalt würde bestreiten können. Sicher, ich hatte geschickte Hände und flocht Körbe für einen Händler, der sie auf dem Markt verkaufte. Aber der Erlös war sehr gering und der Bedarf sehr selten vorhanden. Ohne die Almosen hätte es nicht gereicht.
"Ich könnte dich in die Stadt begleiten", schlug Maria vor. "Vielleicht kommen wir an ihn heran."
"Nein, danke. Weißt du, ich bin jetzt beinahe fünfzig Jahre alt, ich habe so viele Heiler aufgesucht... Und ich habe auch kein Geld, um ihn zu bezahlen."
"Er nimmt kein Geld. Esther sagt, dass seine Begleiter eine Kasse führen, aus der sie Armen helfen. Aber er verlangt nichts. Manche sagen, er sei ein Prophet."
"Trotzdem, wenn du sagst, die Stadt sei voll von Kranken, dann lohnt es sich nicht. Ich komme auch so zurecht, glaub mir. Vielleicht trifft Thomas ihn, während er auf dem Markt ist."
Esther kam zurück und beide begleiteten mich zu meinem kleinen Haus. Sie stellten mir das Wasser zurecht und sammelten einige Kleidungsstücke ein, um sie zu waschen. Ich wusste, dass es sinnlos war, dagegen zu protestieren, die beiden Frauen ließen sich einfach nicht davon abbringen, mir zu helfen. Sie nahmen keine Bezahlung an, aber sie freuten sich, dass ich oft bei ihren beiden Töchtern saß und ihnen Geschichten erzählte. Die Kinder waren beide acht Jahre alt und schienen mich zu lieben. Ich kam mir etwas weniger nutzlos vor, durch diese kleine Aufgabe. Außerdem lenkte es mich von meinen eigenen Problemen ab, wenn ich den Mädchen erzählen konnte, wie Moses mit unseren Vorfahren am roten Meer den Ägyptern entkommen war.
"Mirjam und Judith kommen heute abend wieder zu dir, Bartimäus. Sie freuen sich schon darauf. Sie werden dann auch deine Kleider mitbringen." sagte Esther.
"Ich danke euch beiden. Es sind Menschen wie ihr, die mir immer wieder Mut geben, weiter zu leben. Danke."
Sie verabschiedeten sich und ich wartete auf Thomas.
Ich musste lange warten. Es war noch drückender geworden, der Schweiß rann mir in Strömen über das Gesicht, obwohl ich nur untätig im Schatten saß. Ab und zu trank ich etwas von dem Wasser; zu Essen hatte ich nichts mehr. Thomas kam erst gegen Mittag, als ich gerade etwas eingenickt war. Ich hörte ihn, als er die Tür öffnete. Er berührte leicht meinen Arm, sagte aber kein Wort.
"Shalom, Thomas", grüßte ich.
"Shalom", antwortete er. Ich hörte seiner Stimme an, dass er weinte.
Ich fragte: "Was ist passiert?"
"Ich bin nicht an ihn herangekommen. Sie haben mich in den Dreck gestoßen, dabei habe ich unsere Einkäufe verloren, niemand hat sich darum gekümmert, ich habe nichts wieder gefunden, ich kann nicht..." brach es aus ihm hervor.
Er bebte, beruhigend legte ich meinen Arm um seine Schulter.
"Wenn ich noch sehen könnte, hätte ich sie alle zusammengeschlagen! Jeden einzelnen! Ich hätte sie umgebracht!"
Langsam beruhigte er sich wieder, und erzählte mir unter Tränen, was sich zugetragen hatte.
Dieser Jesus war mit seinem Gefolge am Markt vorbeigekommen, die Menschen hatten sich zu ihm hingedrängt. Thomas hatte erfragt, was los sei, war dann den aufgeregten Stimmen gefolgt und hatte versucht, zu dem Prediger vorzudringen. Man hatte ihn wüst beschimpft und weggestoßen. Die spärlichen Einkäufe wurden auf der Straße verteilt und zertreten. Thomas hatte wild um sich geschlagen und wurde daraufhin noch weiter zurückgestoßen, bekam manche Schläge ab.
"Wenn er mich gesehen hätte, dann könnte ich jetzt wieder meine Augen gebrauchen. Ich weiß es. Der Gemüsehändler erzählte mir, dass sein gelähmter Nachbar seit gestern abend läuft wie ein junger Hirsch. Wenn er mich nur gesehen hätte. Ich habe seinen Namen geschrieen, aber es war so ein Lärm, und dann vertrieben sie mich."
"Warum bist du so sicher? Thomas, ich war bei so vielen Wunderheilern, bei ernsthaften Ärzten, bei Magiern - es war alles umsonst. Warum gerade dieser Mann?"
"Ich weiß es. Ich weiß es einfach. Er ist von Gott gesandt, Timäus sagt es auch."
Timäus war mein Vater. Er lebte in seinem hohen Alter in der Stadt, gebrechlich, aber geistig noch sehr gesund und rege. Gelegentlich besuchten wir ihn, und besonders Thomas hing an ihm, wie ein Sohn. Vielleicht, weil seine Eltern nicht mehr lebten, sie waren von Räubern erschlagen worden, als Thomas 15 Jahre alt war. Er war nur davongekommen, weil er sich vor den wüsten Geräuschen im Gebüsch versteckt hatte. Spät in der Nacht hatte er dann die leblosen Körper seiner Eltern ertastet und war schreiend in die Stadt gerannt.
Man hatte ihn zu meinem Vater gebracht, der im Vorstand der Synagoge war und daher die Aufgabe hatte, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern. Mein Vater hatte sich nie darüber beklagt, dass er zu einem blinden Sohn nun auch noch einen blinden Waisen in sein Haus aufnehmen musste, sondern er hatte alles Erdenkliche getan, um Thomas zu helfen. Erst, als mein Vater selbst gebrechlich wurde und Hilfe brauchte, hatte er uns die beiden kleinen Häuser vor der Stadt gekauft, wobei er sicher mitschuldig daran war, dass die Nachbarn sich freundlich um uns kümmerten.
"Mein Vater kennt ihn?" fragte ich überrascht.
"Nein, aber er hat sich genau berichten lassen, was dieser Jesus predigt, was er tut, woher er kommt. Er ist überzeugt, dass er zumindest ein Prophet ist, manche halten ihn sogar für den Messias."
Ich schwieg dazu und wir machten uns auf den Weg, um unseren Platz an der Straße aufzusuchen. Unser Geld war für die Waren, die dann auf dem Markt zertreten worden waren, ausgegeben worden. Wir mussten auf reichliche Almosen hoffen, um die nächsten Tage versorgt zu sein.
Unser gewohnter Platz war an einer Mauer, an die wir uns lehnen konnten. Trotz der Hitze des Tages legte ich meinen Umhang um die Schultern, denn die Mauer war hart. Wir stellten unseren Becher vor uns hin, und wenn wir Schritte hörten, sprachen wir den Vorbeigehenden an und baten um eine Gabe.
Wir saßen noch nicht lange, wenige Münzen waren in unserm Becher gelandet, als sich von der Stadt her Stimmengewirr hören ließ. Es schien eine riesige Menge Menschen zu kommen. Füße rannten, wir atmeten den aufgewirbelten Staub ein und riefen immer wieder die vorbeikommenden Menschen an, um zu erfahren, was los sei.
"Jesus von Nazareth mit seinen Begleitern kommt vorbei!" antwortete uns schließlich jemand.
"Ist er schon vorbei?" schrie Thomas ängstlich.
"Nein, er ist gerade beim Tor."
"Jetzt wird er uns heilen! Jetzt kommt er an uns vorbei!" sagte Thomas glücklich. Seine Stimme bebte vor Aufregung, ich spürte, wie er aufstand.
Ich rief: "Bleib hier! Sie werden dich wieder in den Dreck stoßen, wenn du ihnen im Weg bist."
Thomas war zwar mit seinen 25 Jahren ein kräftiger Bursche, aber als Blinder in einer aufgeregten Menge hatte er keine Chance.
Thomas sank zurück.
"Bartimäus, er kommt! Wir rufen laut seinen Namen! Er kommt hier vorbei! Schrei nach ihm!"
Ich zögerte. Plötzlich war mir schlecht, als müsse ich mich gleich übergeben. Es war die Aufregung. Thomas hatte mich angesteckt mit seiner Begeisterung, eine neue Hoffnung in mein verzagtes Herz gepflanzt. Wenn mein Vater von diesem Mann überzeugt war, dann konnte wirklich etwas dran sein an der Sache.
"Wie spricht man ihn denn an?" fragte ich. "Rabbi? Prediger? Jesus?"
"Auf dem Markt haben sie geschrieen: Sohn Davids!"
"Gut, wir versuchen es."
Gemeinsam und abwechselnd begannen wir zu brüllen: "Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich!"
Ich kam mir dabei lächerlich vor und war gleichzeitig mit zaghafter Hoffnung erfüllt. Wenn er so viele Menschen anzog, wenn so oft von ihm berichtet wurde, er könne alles heilen, wenn mein Vater ihn für einen echten Propheten hielt - dann gab es vielleicht doch noch eine Chance? Auf jeden Fall würde dies wohl unsere einzige Möglichkeit sein, jemals auf diesen Mann zu treffen.
Mich traf ein kleiner Stein am Kopf. Ich spürte, dass Blut über meine Stirn lief. "Haltet das Maul", schrie uns eine Stimme an, "das ist ja nicht auszuhalten!"
Thomas schrie auf. Auch ihn hatte etwas getroffen.
"Lasst sie doch rufen", schimpfte eine Frau, "was haben sie euch getan?"
"Sie sollen den Mund halten! Der Meister hat andere Sorgen, als sich das Gebrüll von zwei lumpigen Bettlern anzuhören!"
Wir schreien unverdrossen weiter seinen Namen, ungeachtet der Diskussion um uns herum. Immer mehr Passanten mischten sich ein, versuchten, uns zum Schweigen zu bringen. Man bewarf uns mit Sand und Steinen, beschimpfte uns, jemand stieß unseren Becher mit den wenigen Münzen um. Thomas weinte, vor Schmerz, vor Enttäuschung, ich weiß es nicht. Aber wir hörten nicht auf, uns war klar, dass wir ihn jetzt oder nie treffen würden.
"Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich! Hilf uns! Jesus!"
Uns umgab ein immer heftigeres Gewirr von streitenden Stimmen. Einige beschimpften uns, traten mit den Füßen nach uns, andere nahmen uns in Schutz, und durch das Stimmengewirr hörten wir die Schritte der vorbeiströmenden Menge.
"Lasst sie rufen, genau für diese Menschen ist er doch da!" rief ein Mann.
Aber diejenigen, die uns einschüchtern wollten, waren in der Überzahl. Sie wollten selbst in die Nähe des Wanderpredigers kommen und duldeten nicht, dass jemand ihnen den Platz streitig machte. Es waren zum Teil Stimmen, die wir aus Jericho kannten, Mitbürger, die wir auch schon als freundlich erlebt hatten. Aber jetzt benahmen sie sich wie die Bande von Kindern beim Brunnen - wir waren für sie keine Menschen, sondern Ausgestoßene, Überflüssige, Störende. Wir gehörten nicht dazu, wir waren nicht wie sie.
Da blieben die Füße plötzlich stehen, es gab ein undeutliches Gemurmel, niemand schrie uns mehr an oder trat nach uns. Auch wir verstummten und lauschten ängstlich. Was war geschehen? War er schon an uns vorüber gegangen? Warum hielt die Menge an?
"Bringt die beiden zu mir", sagte eine ruhige Stimme.
Wir hatten sie noch nie gehört, aber bei ihrem Klang wusste ich, dass es der Mann sein musste, dessen Namen wir gebrüllt hatten. Die Stimme hatte Autorität, ohne dass sie laut geworden wäre oder streng geklungen hätte. Es war eine angenehme Stimme, die mich mit noch mehr Hoffnung erfüllte. Ich konnte dem Mann plötzlich alles zutrauen. Als Blinder lernt man, auf feinste Nuancen in den Stimmen der Menschen zu achten, man erkennt, ob sie freundlich gesonnen sind oder es nur vorgeben. Man erkennt, ob man ihnen auf die Nerven geht, ob man sie abstößt, ob man sie langweilt...
Diese Stimme klang voller Erbarmen und Zuneigung.
Thomas neben mir und hauchte: "Er hat uns gehört. Er hat uns wirklich gehört."
Schritte kamen auf uns zu und ein Mann forderte uns auf: "Kommt mit, er lässt euch rufen. Habt keine Angst, wir bringen euch zu ihm."
Ich warf meinen Umhang ab und stand unsicher auf. Eine Hand nahm meinen Arm und führte mich voran. Links und rechts stieß ich an Menschen, aber man schien uns eine Gasse gebildet zu haben. Ich hörte Thomas hinter mir heftig atmen, seine Aufregung hatte eher noch zugenommen, wogegen ich mich auf einmal vollkommen ruhig und gelassen fühlte. Eine Sicherheit erfüllte mich, die ich noch nie erlebt hatte. Woher sie kam, wusste ich nicht.
Dann drückte die Hand leicht meinen Arm und mein Führer sagte: "Wir sind bei ihm."
Diese wunderbare Stimme fragte: "Was möchtet ihr von mir? Ihr habt mich gerufen. Was soll ich für euch tun?"
Ich brachte zuerst kein Wort heraus. Wenn er nicht selbst blind war, dann musste er doch wissen, was wir von ihm wollten. Er musste doch wissen, warum man Kranke zu ihm brachte, warum sich Krüppel in seinen Weg stellten, warum ihm Hunderte Hilfesuchende folgten. Und nun fragte er uns, was wir von ihm wollten?
Viele mögliche Antworten schossen mir durch den Kopf. Ich wollte erklären, was wir alles von ihm gehört hatten, wollte berichten, was mein Vater von ihm hielt, wollte schildern, wie schlecht es uns erging. Aber ich brachte noch immer kein Wort heraus.
"Wir - ich - man sagt -" stotterte Thomas. Offenbar ging es ihm nicht besser.
Mein Vater fiel mir ein, oft hatte er meine wortreichen Erklärungen abgebrochen mit der Bemerkung: "Auf eine einfache Frage gibt man eine einfache Antwort. Nicht mehr und nicht weniger."
"Herr, dass du unsere Augen öffnest, dass wir sehen können", sagte ich.
In diesem Moment wusste ich, dass er es tun konnte. Ich hatte bisher nur seine Stimme gehört, aber sie hatte meinen verlorenen Glauben an die Macht des Schöpfers wiederhergestellt. An den Schöpfer glaubte ich, aber dass er etwas für mich, den blinden Bartimäus tun wolle, das hatte ich nicht für möglich gehalten. Und nun spürte ich Liebe, die von diesem Mann ausging, oder die durch ihn strömte und mich erfüllte. Eine Stimme in meinem Inneren warnte mich vor dieser Hoffnung, erinnerte mich an die vielen erfolglosen Versuche, Heilung zu finden. Du bist blind geboren. Du wirst blind sterben. Gib die Hoffnung auf, du wirst nur umso enttäuschter sein, je mehr du hoffst.
Aber ich ignorierte die Vernunft und dachte an die Erzählungen der Menschen, die von Heilungen berichtet hatten. Ich entschloss mich, die Hoffnung nicht aufzugeben.
"Dass wir sehen können!" presste ich nochmals hervor.
Auch Thomas fand jetzt einfache Worte: "Unsere Augen, Herr, wir können nicht sehen. Gib uns unser Augenlicht."
"Empfange jetzt das Augenlicht. Dein Glaube hat dich gerettet."
Mehr sagte er nicht, aber ich taumelte von der Wärme, die plötzlich in meinen Augen spürbar wurde und meinen ganzen Körper durchströmte. Dann wurde mir eiskalt in der drückenden Hitze, sofort danach wieder heiß. Ich hatte noch nie in meinem Leben gesehen, und als er meine Augen berührte, wagte ich es nicht, sie zu öffnen. Licht strömte bereits durch meine geschlossenen Augenlider, ich war verwirrt und hielt mich krampfhaft an dem Mann fest, der mich zu Jesus geführt hatte.
Thomas schrie laut: "Ich kann sehen! Herr, ich kann sehen!"
Zaghaft schlug nun auch ich die Augen auf und blinzelte in das helle Sonnenlicht.
Seither sind viele Jahre vergangen, aber ich weiß noch genau, wie schwindlig mir wurde, wie ich kaum mit den Eindrücken fertig wurde, die auf mich einstürzten. Ich sah Jesus vor mir stehen, liebevoll, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Eine riesige Menschenmenge um uns herum, Thomas neben mir, wie er immer wieder die Augen schloss und öffnete, als könne beim nächsten Öffnen alles vorbei sein, ein Traum vom Sehen, aus dem man erwacht. Aber es war kein Traum.
Dann fingen die Menschen an, uns zu umarmen, zu jubeln, und Gott die Ehre zu geben. Ich blickte nur Jesus an und sagte leise: "Danke Herr. Danke, Schöpfer."
Ein bärtiger Riese schlug mir auf die Schulter und dröhnte: "Du kannst sehen? Bartimäus, du kannst sehen?"
Es war eine der Stimmen, die uns noch wenige Minuten vorher beschimpft hatten. Es war der Gemüsehändler vom Markt, bei dem wir manches Mal eingekauft hatten. Ich starrte ihn an, und verwundert stellte ich fest, dass ich alles andere als wütend auf ihn war. Ich wollte, dass er sich mit uns freuen konnte.
"Ich kann sehen! Schau, was Jesus für mich getan hat!" lachte ich ihn an.
Thomas grinste ihm ins Gesicht und lachte dann, als er die Tränen in den Augen des Händlers sah.
"Ich - es tut mir leid, dass ich..." stotterte dieser.
Thomas gab ihm die Hand. "Es ist schon gut, es ist schon gut."
Ich musste lächeln, denn am Mittag hatte Thomas noch ganz andere Dinge mit denen vorgehabt, die ihn herumgestoßen hatten...
Ich schaute wieder Jesus an, der uns beobachtet hatte und nun freundlich nickte. Dann wandte er sich einer Frau zu, die vor ihm niederfiel und bat: "Hilf mir, Herr, wenn du kannst."
Seine Jünger nahmen uns beiseite. Man reichte uns Wasser, befragte uns, wie lange wir blind gewesen waren. Immer wieder mussten wir erzählen, von unserem Leben, von unseren Hoffnungen, als wir gehört hatten, dass Jesus vorübergehen würde.
Langsam schob sich jetzt die Menge weiter auf dem Weg aus der Stadt, wir begleiteten sie. Einer der Jünger, Simon, antwortete mir auf meine Frage, ob es möglich sei, sich dem Herrn anzuschließen: "Ja, du bist Korbmacher, sicher kannst du auch andere praktische Dinge tun, komm mit uns."
Vom Wegrand riefen Elisabeth und Maria, sofort erkannte ich ihre lieb gewonnenen Stimmen. Glücklich erzählten wir erneut, was Jesus für uns getan hatte, und den Beweis hatten sie ja vor Augen. Ich bat sie, meinen Vater zu grüßen und ihm von dem Wunder zu erzählen, mit dem festen Versprechen, ihn so schnell wie möglich selbst zu besuchen. Aber jetzt wollte ich nur in der Nähe des Herrn sein, hören, was er lehrte, begreifen, wer er war.
Thomas ging mit ihnen zurück nach Jericho, um Timäus alles zu berichten, er stieß einige Tage später wieder zu uns und erzählte mir, wie glücklich mein Vater gewesen war. Einige Zeit später waren wir erneut in der Gegend, und Jesus schickte mich selbst zu meinem Vater.
Ich berichtete ihm alles, was ich inzwischen erlebt hatte, wie Menschen geheilt und glücklich wurden, wenn sie zu Jesus kamen. Ich erzählte ihm, was der Herr lehrte, und schließlich verabschiedete mich mein Vater mit den Worten: "Es ist der Messias. Folge ihm, und bete auch für mich zu unserem Schöpfer."
Nach Matthäus 20, 29-34; Markus 10, 46-52; Lukas 18, 35-43



Eingereicht am 07. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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