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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Versetzt nach Klasse Drei ...!

© Gaby Schumacher


Soeben stellt Elternschuldirektorin Tina Mama und Papa stolz ein Zeugnis aus. Darin befindet sie uns der Versetzung in die zweite Klasse für mehr als würdig. Sie tut das mit reinem Gewissen und nach bestem Wissen. Denn Tina hat uns während des vergangenen Jahres strengstens getestet. Wichtigstes Hauptfach: Was(!) ertragen sie? Fast ebenso wichtiges Nebenfach: Wie krieg' ich sie dazu, dass sie tun, was ich will? Sie ist mit unseren diesbezüglichen Leistungen wie gesagt ausgesprochen zufrieden und unterzeichnet das wichtige Dokument mit einem Kritzelkreuzchen. Tina ist nämlich erst drei Jahre alt.
Die Abschlussprüfung des ersten Schuljahres ist wahrlich nicht von Pappe gewesen. Nein, eher sehr pulverig. "Mama und Papa haben doll geschwitzt!", erinnert sich unsere Kleine. "Und dann hat Mama ganz lange geputzt, bis die Waschküche wieder sauber war!" Noch nicht einmal richtige Schimpfe hat Tina bekommen. Brave Mama, lieber Papa.
Irgendwie tun wir Tina leid. So eine tolle Beurteilung...und wir ahnen nichts. Eigentlich schade. Mama und Papa wären bestimmt selig. Doch wir dürfen davon natürlich nichts wissen. Tina möchte ja unbedingt, dass ihre Eltern auch die zweite Klasse erfolgreich abschließen und sie dann noch stolzer auf uns sein kann.
Sie kraust das Näschen, wiegt den Kopf hin und her. "Die zweite Klasse ist schwerer als die erste. Hoppel hat das ´mal gesagt." Hoppel ist Tinas älteste Schwester, geht schon in die dritte Klasse und heißt mit richtigem Namen Sandra.
Jetzt überlegt sich Töchterchen eine neue Bewährungsprobe für uns. Denn schließlich will sie uns ja etwas beibringen. "Dafür ist die Schule da!", hat Hoppel auch noch gesagt. Da Tina dauernd lustige Einfälle hat(eigentlich schon immer, seitdem sie krabbeln konnte!), tummeln sich lauter tolle Ideen in ihrem Kopf. Am liebsten möchte sie alles auf einmal ausprobieren. Aber das wird dann selbst für sie(!) zu schwierig. Also muss sie eine Entscheidung fällen.
Lange Ferien gibt es in Tinas Schule nicht. Deswegen ist es dann auch bereits nach wenigen Tagen soweit. Sie fasst einen Entschluss. Ohne es zu ahnen, leiste ich dabei noch Hilfestellung.
Wieder einmal ist Großreinemachen angesagt. Wenn irgendwo im Haus was los ist, entgeht unserem Töchterchen das nicht, ist sie dabei. Und da es an diesem Tag geradezu umwerfend interessant wird, erst recht.
Im Hobbyraum liegt Teppichboden. Dort toben aber auch vier Kinder. Sandra, Nicolette, Katja und Tina. Der Nachwuchs schwärmt für Schluckerzeug. Tina meint:" Ohne Schokolade, Gummibären und Bonbons ist das schönste Spiel doof." Das Zeug schmeckt ihr nicht nur...nein, sie gönnt der Schokolade, den Gummibärchen und auch den Bonbons gerne ein weiches Lager. "Bärchen brauchen doch eine Höhle!" Sie hat sie zwar schon angelutscht, aber das macht ja nichts. So pappen sie besser auf dem Teppich und bleiben doch tatsächlich stehen ohne umzufallen. Sie ist sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer patschpfotigen Lieblinge und legt ein dickes Schokoladenfeld an. Schön im stests weiterem Kreis um die Bärenfamilie herum. Glücklich beobachtet sie, welch große Kulleraugen ihre bunten Freunde daraufhin kriegen. Tina hat eben eine blühende Phantasie.
Nun gibt es ja winzige Gummibärchentütchen, etwas grössere und auch die ganz großen Tüten. Tina liebt die Riesenexemplare mit den gaannz vielen Gummibärchen. Und die brauchen entsprechend viele Höhlen und genauso viel Schokolade. Tina ist eifrigst bei der Sache und freut sich auf noch viel mehr Kulleraugen. Als sie endlich dann ihre Bemühungen um die klebende Tierwelt einstellt, hat sich der Hobbyraum in einen recht außergewöhnlichen Naturschutzpark verwandelt. Menschen sind hier eindeutig fehl am Platze. Dagegen schwebten Wildschweine im siebenten Himmel. Tinas Phantasiewind hat den Schokoladensamen in sämtliche Ecken des Raumes geweht. Vom Teppichboden ist vor lauter ´Braun' kaum mehr etwas zu sehen. Ein wahres Paradies für Gummibärchenbäuche und solche lieblich grunzende Suhlexperten!
Eine kurze Zeit später wird es Tina doch ein wenig mulmig. Ihr kommen beträchtliche Zweifel daran, ob Mama und Papa wegen ihrer Aktion wirklich in Jubel ausbrechen werden. Also verzieht sie sich lieber...auf verdächtig leisen Sohlen.
Deshalb übernimmt an dieser Stelle auch Tinas Mama die weitere Berichterstattung:
Ist es in unserem Hause auffallend still, werde infolge dann ich auffällig kribbelig. Wie meistens und vor allem diesmal leider unbedingt zu Recht. Ich düse durch sämtliche Räume und mache mich innerlich vorsichtshalber schon ´mal auf alles gefasst. Dieses unheilschwangere Schweigen macht mich nervös. Als erstes durchforste ich das Nest meiner Kleinen, die Jugendetage. Nichts. Aufatmen. Runter ins Erdgeschoss, mit fliegenden Fahnen durch die Küche, das Esszimmer und das Wohnzimmer. Erfolglos. Sollte der Nachwuchs sich vielleicht einfach nur nach vorher gehender Absprache zum Mittagsschlaf entschlossen haben...??
Ich Schaf! Da waren ja noch die Kellerräume. Um Himmelswillen...der Hobbyraum! Hastig renne ich die Treppe hinunter, befehle mir ´Gelassenheit'(nutzt nur nicht viel!) und betrete jenes Spieleparadies. Ich pralle entsetzt zurück, mir wird schwindelig. Vor mir ein einziges riesiges Schokoladenfeld. Dadrin ganz viele umgekippte, weil mittlerweile überfressene Gummibärchen und um sie her hübsch drappierte Weingummi-Blumenhecken.
Mein Wutschrei lässt fast das Haus erzittern. In der nächsten Minute dann dröhnen zwei Tarzanschreie durchs Heim. Der Papa meiner Kinder ist herzugeeilt und...der gleichen Meinung. Wir klemmen uns sämtliche zur Verfügung stehenden Reinigungsmittel unter den Arm(nur Ata bleibt zurück!) und verbringen einen rasant gemütlichen Nachmittag und Abend. Viel zu spät erst registrieren wir, dass Tochter Tina die Neugierde keine Ruhe gelassen hat, dieses Unschuldsengelchen deshalb jetzt neben uns steht und fasziniert beobachtet, wie wir den Teppich schrubben und letztendlich auch mit Teppichschaum bearbeiten. Soo haben wir uns unser Fitnesstraining für den heutigen Tag eigentlich nicht vorgestellt!
Nach Stunden der Rubbelei unter Ächzen und Stöhnen, aber mit nur mäßigem Erfolg legen wir eine Pause ein, verschwinden von diesem Orte der Untaten und flüchten zum Uns-wieder-Beruhigen ins Wohnzimmer. Da die Sehnsucht nach unserem Keller verständlicherweise nicht allzu drängend ist, sitzen wir dort auf der Couch und sitzen...
"Ob das vielleicht doch nicht so'ne tolle Idee war?" Tina ist es nicht nur mulmig zumute. Nein, mittlerweile geht ihr die Buxe mit Grundeis. Denn sie hat Mama und Papa da verzweifelt schuften sehen. Aber...was ihr trotzdem sehr gefallen hat, war dies weisse Zeug, das so schön schäumte. Und mit dem haben die Beiden den Schokoladenfeldern doch wirklich einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Die sind daraufhin ganz plötzlich zusammen geschrumpft. "Arme Gummibärchen!", denkt Tina besorgt. "Aber sie sind ja satt und halten jetzt eben ihren Winterschlaf!". tröstet sie sich, wieder erleichtert.
Tina selbst dagegen verschwendet an Winterschlaf nun wirklich gar keinen Gedanken. Ihr Gewissen hat sich gemeldet. Sie will unbedingt mithelfen, dass alles wieder in Ordnung kommt. Aber wo ist bloss diese Dose mit dem weissen Schaum? Hm, dann muss sie sich eben etwas anderes einfallen lassen. Wir sitzen ja immer noch wohl verwahrt im Wohnzimmer. Wir meiden ja den Keller. Sie hat freie Bahn.
"Wenn kein Schaum zu kriegen ist", sagt sich Tina, "dann mach'ich selber welchen!" Flugs eilt sie in den Vorratskeller und sucht so ungefähr alles ´raus, was weiss ist. Sie schnappt sich eine Tüte mit Mehl. eine Packung Zucker und damit es schön breiig wird, entführt sie fix eine große Dose Penatencreme aus dem Bad. Dann geht's los:
Sie patscht und mengt und rührt. Mensch, ist das anstrengend! Auf der kleinen Stirn sammelt sich der Schweiß. Unsere Mini-Möchtegern-Hausfrau hebt den völlig verkrusteten Arm und wischt die Tropfen stöhnend ab. Statt derer klebt dann da Penatenmehl. Doch darum kann sie sich jetzt wirklich nicht kümmern. Sie hat schließlich Arbeit. Mit Stolz sieht sie auf den Mehl-Zucker-Penatenbrei, befindet ihn aber für als noch zu fest und mischt ein wenig Wasser darunter. So, jetzt entspricht er ihren Vorstellungen.
Sie kniet sich hin und knetet diese Pampe sorgfältig, nachhaltig sorgfältig, in den Teppichboden ein. Der sieht nach ein paar Minuten erstaunlich frisch aus. Fast so weiss wie Tina, wenn sie aus der Badewanne steigt. Begeistert rubbelt Tina immer fester. Na, Mama und Papa werden stolz sein, wie rührend(im wahrsten Sinne des Wortes!) sie doch darum bemüht ist, ihre Untat wieder zu beseitigen. Der(!) Gedanke macht ihr Mut. "Äätsch, Mama!", sagt sie sich triumphierend, "dein Schaum war blöd. Der ging wieder weg. Meiner ist viel besser. Der bleibt fest drauf. Das sieht klasse aus!" Dummerweise reicht der Pampenvorrat nicht ganz aus. Doch Tina hat zumindest ihren guten Willen bewiesen. Ihr Herz klopft wieder ruhiger. Ja, sie ist der Überzeugung, alles wird fix wieder gut!
Der(!) Meinung sind wir allerdings nicht, als wir uns dann nach fast zwei Stunden Ausruhen zwingen, ein zweites Mal den Keller aufzusuchen, um der restlichen Schweinerei auch noch den Kampf anzusagen. Wir schwanken zwischen Zorn und Frust, reissen uns Tina gegenüber jedoch gewaltig am Riemen. Denn: Unser Kleines ist ja noch soo klein!
Um den(!) Rest dann zu entfernen, brauchen wir das ganze folgende Wochende.
Wiederum erreichen wir das Klassenziel.
Unseres untadeligen Benehmens sogar mit: Summa cum laude!



Eingereicht am 06. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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