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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Nebelbilder

© Hannelore Sagorski


Wann hat dieser Alptraum endlich ein Ende? Irgendwann muss ich doch wieder aufwachen. Immer die gleichen verschwommenen Bilder vor meinen Augen. Wie durch einen Nebelschleier sehe ich eine Gestalt auf mich zukommen, Das Gesicht, das eher einer Fratze gleicht, kommt mir bedrohlich nahe, lacht mich hämisch an. " Na mein Goldesel, willst du wieder wach werden", flüstert eine Stimme. Panisch schlage ich mit den Armen um mich, versuche zu schreien. Aber diese Gestalt ist stärker, stößt mir mit voller Wucht eine Spritze in den Arm, und ich tauche ab, in ein großes, schwarzes Loch. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Szene schon geträumt habe.
Als mein Nebelritter, ich weiß nicht, zum wievielten Male, wieder erscheint, bin ich nur noch müde. Habe keine Kraft mehr mich zu wehren. Ich möchte nur noch aufwachen, oder für immer in meinem schwarzen Loch verschwinden. Knoblauchgeruch umnebelt meine Sinne. Aber ich halte meine Augen geschlossen. Möchte diese schreckliche Fratze nicht mehr sehen. Jemand schüttelt mich. Meine Augen bleiben geschlossen. Warmer, stinkender Atem berührt mein Gesicht. "Da war die letzte Dosis wohl doch etwas zu hoch", höre ich eine Stimme. Danach fällt eine Tür zu, und es ist ruhig. Langsam öffne ich die Augen. Überlege krampfhaft, was passiert ist. Kann mich nicht erinnern, der Raum macht mir Angst. Sieht aus, wie eine kleine Zelle. Erinnerungsfetzen ziehen an mir vorbei. Ja, ich habe mit Sandra, meiner Tochter gefeiert, ja - wir haben meine Erbschaft gefeiert. Ein Onkel hat mir 180000 Euro vererbt. Pläne haben wir geschmiedet. Ich wollte mit dem Geld mein Fitnessstudio erweitern.
Schritte nähern sich meiner Tür. Ein Schlüssel wird gedreht, und dann betritt wieder diese Gestalt den Raum. Ganz leicht öffne ich meine Augen, nur schemenhaft erkenne ich eine Gestalt. Die gleiche Fratze, wie schon so oft, beugt sich über mich. Schiebt mir zwei Pillen in den Mund, die ich schnell unter der Zunge verschwinden lasse. Das Wasser, das er versucht mir einzuflößen, sauge ich gierig auf. Habe entsetzlichen Durst. Etwas unsanft tätschelt er mir das Gesicht. "Dauert leider noch zwei Tage länger, da muss Günter noch mehr Kohle rausrücken", höre ich ihn sagen. Danach verlässt er den Raum. Ich bin erleichtert, muss unbedingt meine Gedanken ordnen. Die nicht geschluckten Pillen schiebe ich unter die Matratze. Der Typ darf auf keinen Fall merken, dass ich klar im Kopf bin. Und Günter kenne ich auch, ist mein Ex, hatte ihn vor einer Woche vor die Tür gesetzt. Langsam beginne ich Zusammenhänge zu erkennen. Günter ist nämlich an dem Abend, als ich mit Sandra gefeiert habe auch noch gekommen. Wollte mit mir reden, eine zweite Chance. Sandra hat sich schnell verabschiedet, damit wir uns aussprechen können. Für mich war die Beziehung beendet, das habe ich Günter auch unmissverständlich klar gemacht. Habe ihm gesagt, dass ich ihm sämtliche Vollmachten vom Studio und der Bank entziehen werde. War etwas verwundert, weil er so ruhig geblieben ist. Hat mir einfach ein Glas in die Hand gedrückt, und gesagt, "na dann stoßen wir auf gute Freundschaft an". Und ich habe getrunken. Kurze Zeit später wurde mir schwindelig und übel. Ab diesem Zeitpunkt kann ich mich an nichts mehr erinnern, bis auf die Nebelbilder. Wie lange mag ich hier sein? Ein Tag? Oder eine Woche? Ich weiß es nicht. Was Günter vorhat, ist nicht schwer zu erraten. Der wird in Ruhe alle meine Konten leer räumen. Dieses Schwein, der Gedanke daran weckt meine Lebensgeister. Ich versuche aufzustehen, aber meine Beine sind so kraftlos, dass ich unter ihnen zusammen sacke. Es gelingt mir auch nicht, mich zurück auf das Bett zu ziehen. Was kann ich tun, um mich aus dieser Lage zu befreien? Nichts! Kann nur abwarten, bis man mich irgendwo aussetzt. Der Typ darf nicht den geringsten Verdacht schöpfen, dass ich ihn beschreiben könnte. Wäre wohl mein Todesurteil, und mein Leben ist mir mehr wert, als mein Geld. So bleibt mir nur, dieses Spiel mitzuspielen. Aber je länger ich hier auf dem Boden liege, desto unruhiger werde ich. Panik macht sich breit. Kann nicht mehr klar und logisch denken. Will nur noch hier raus. Fange an, hysterisch zu schreien. Dauert auch nicht lange, bis mein Peiniger grinsend in der Tür steht. Mein Blick fällt auf seine rechte Hand, und da ist sie wieder, diese schreckliche Spritze. Ohne große Anstrengung rammt er sie mir wieder in den Arm, und ich gleite ab, in einen tiefen Schlaf.
Leichts Gemurmel dringt an mein Ohr. "Mama, Mama", flüstert eine Stimme, "mach die Augen auf". Ich höre sie immer deutlicher. Eine Hand legt sich auf meine, und zaghaft beginne ich zu blinzeln. Ich sehe in Sandras lachendes Gesicht, und weiß, ich bin zurück im Leben.



Eingereicht am 04. November 2005.
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