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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Salz, Pfeffer und Zucker

© Sally Werner


Lässig lehnten die beiden SS-Soldaten sich an die zerstörte Mauer, rauchten schweigend ihre letzten Zigaretten und beobachteten den blutroten Sonnenuntergang. Die Menschen, die an ihnen vorbei durch die Überreste des einst stolzen Tores der Stadt gingen, warfen wachsame Blicke auf die Soldaten; die einzige Gefühlsregung in ihren fahlen Gesichtern. Gleich Toten wirkten sie, dem Leben entrückt in ihrem verlorenen Streben nach Sinn und Erlösung. Sie hätten geschrien in dieser Stille, hätten sich vor Verzweiflung die zerschlissenen Kleider von den dürren Leibern gerissen, mit bloßen Händen versucht, das Unheil von sich zu wenden - wenn sie nicht zu schwach gewesen wären. Zu viele Tränen hatten sie vergossen, zu lange zu einem grausamen Gott gebetet, bis ihre Augen leer und glanzlos geworden waren. Und ihre Seelen stumpf der Welt gegenüber. Längst hatten sie keine Angst mehr. Kein Tod konnte schlimmer sein als ihr armseliges Dasein. Sie waren Schattengestalten in den Ruinen ihrer Heimat. Einer Heimat, die ihnen höhnisch lachend entrissen worden war.
Olga vergrub ihre Hände noch tiefer in dem alten roten Wollmantel. Es war September, doch eine alles durchdringende Kälte hatte von ihr Besitz ergriffen bei dem Anblick der Elendigen, die wie Geister die Straße hinunter wankten. Das beklemmende Gefühl der Schuld befiel Olga und sie schüttelte sich unwillkürlich, so als könne sie es wie eine lästige Last von sich werfen. Aber es blieb, zornig spottend in ihrem wild schlagenden Herzen. Das ungewohnte Gewicht in ihren vielen Taschen, die mit einem erschreckenden Rhythmus gegen ihre Beine schlugen, die gebeugten hoffnungslosen Menschen um sie herum, der Rauch der billigen Zigaretten, der die düsteren Gesichter der Soldaten verbarg wie kühler Nebel, das alles ließ sie fast wahnsinnig werden vor Furcht. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, ihre verborgenen Hände zitterten unablässig. Man würde sie entdecken. Man würde sie entdecken und dann wäre sie verloren.
Niemand wusste etwas Genaues. Nur hier und da sickerten einige Gerüchte durch. Von Zügen voller Menschen, die niemals zurückkehrten, wussten die Leute zu erzählen. Manche berichteten von einem unheimlichen Ascheregen, der die Sonne verdunkelte. Man munkelte. Man ahnte. Aber man wusste nicht.
Als Olga das Tor erreichte, nickte sie den beiden Soldaten kurz zu, lächelte sogar. Dabei hielt sie den Atem an, wagte nicht zu blinzeln.
Sie musste sich zwingen ihre Schritte nicht zu beschleunigen, gar loszulaufen.
Gleichgültig starrten die Soldaten nach Westen, von der Abendsonne in ein bedrohliches Rot getaucht. Es schien, als hätten sie die schöne junge Frau in der trostlosen grauen Menge gar nicht wahrgenommen. Nur dem schwindenden Tag schenkten sie ihre leidenschaftslose Aufmerksamkeit, gaben sich dieser vollkommen hin.
Die Stadt gab es nicht mehr. Gewiss standen die Häuser noch, und auch wenn viele der grauen Wände die tiefen Narben der deutschen Geschütze trugen, so waren es doch noch immer dieselben Häuser wie vor zwei Jahren. Nur dass sich Olga nicht entsinnen konnte, früher die großen roten Banner mit den schwarzen Hakenkreuzen gesehen zu haben. Dieses verfluchte Kreuz, unter dem eine ganze Nation um einer wahnsinnigen Idee Willens einen sinnlosen Krieg gezogen war. Unter dem man bereitwillig die Augen vor der schrecklichen Wirklichkeit verschließen konnte. Der Preis dafür war Schweigen.
Keine fröhlichen polnischen Lieder kamen Olga entgegen. Keine lachenden Kinder waren zu hören, kein Schimpfen der Marktfrauen wurde herbeigeweht. Die alltäglichen Geräusche der Stadt waren vertrieben worden wie das Leben in den Straßen, auf den Plätzen... in den Menschen.
Was zurück blieb war ein unfassbares Grauen, dessen nach Blut gierenden Worte leise in der unnatürlichen Ruhe widerhallten.
Olga kannte den Weg. Tagtäglich war sie ihm gefolgt, an Schutt- und Trümmerhaufen vorbei, hier und da freundlich grüßend. Heute wagte sie es nicht, auch nur aufzuschauen.
Als sie den kleinen Bäckerladen erreicht hatte, stieß sie die schwere Eichentür mit aller Kraft auf, hastete in den kleinen Raum und das Leuten der silbernen Glocke hallte dumpf in ihren Ohren nach.
Die Luft roch abgestanden und säuerlich, wo sonst der warme Duft frischer Brote gewesen war. Auf dem breiten Tresen lag eine unberührte Staubschicht, überzog die kleine Kasse und die alte Messingwaage. Seit jeher stand diese Waage dort, kaum benutzt und doch so sehr mit dem Laden verbunden, dass sie nicht wegzudenken war. Schon zur Zeit Levi Goldschmidts war ihr Anblick vertraut gewesen, man übersah sie einfach, als wäre sie nicht da, hätte niemals existiert. Auch Levi Goldschmidt hatte man übersehen, aber er war da gewesen, jeden Tag in seinem kleinen Bäckerladen an der Ecke, immer hatte man Zeit gefunden, um mit ihm belanglose Neuigkeiten auszutauschen. Bis man ihn vergessen hatte. Und es wurde Olgas kleiner Bäckerladen an der Ecke und Levi Goldschmidt gab es nicht mehr. Nur die Messingwaage, die stand noch da, wo sie immer gestanden hatte.
Sie hielt sich nicht gerne an Erinnerungen fest. Olga wollte für die Zukunft leben, die sie nur hoffnungsvoll erahnen konnte. Sie durchschritt dem Laden, an der Messingwaage vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen, denn das hätte sie daran erinnert, dass es gar nicht ihre Waage war und dass es eigentlich ihre Pflicht war, sie vom Staub zu befreien. Damit sie Levi Goldschmidt den Laden zurückgeben konnte, wenn er wieder kam. Sie hatte den Laden ja gar nicht gewollt, ja sie konnte noch nicht einmal backen. Nur Rechnungen schreiben konnte sie. Und als Liese und Waltraut nicht mehr gekommen waren, da hatte sie geglaubt, auch davon erlöst zu sein. Nun war sie wieder hier, unfreiwillig. Und die Schwere ihres Mantels wurde unerträglich.
Eine Tür in der Backstube führte auf den Hinterhof. Die hohen Häuser mit ihren leeren, starrenden Augen wölbten sich über ihn, erschlugen ihn fast in ihrer Tristheit. Gleichwohl boten die Gebäude Geborgenheit, geschützt vor den neugierigen Augen der Welt.
Olga drückte sich gegen die dunkle Wand, roch den säuerlichen Modergeruch der Steine und schloss erleichtert die Augen. Es war angenehm kühl in dieser Einsamkeit. Sie spürte nicht die schneidende Kälte, die zwischen den Menschen herrschte, keine misstrauische Angst.
Einen Moment lang fühlte sie sich in ihre Kindheit zurück versetzt, damals, als es noch keinen Krieg gegeben hatte. Als man hatte fröhlich sein können, ohne sogleich vor Pein laut schreien zu müssen.
Sie zuckte erschrocken zusammen, als sie das langsame Knarren einer Tür hörte. Sie wandte rasch den Kopf in Richtung des unvorhergesehenen Geräusches, schaute konzentriert in die Schatten ihr gegenüber.
Es war Thomas, der Junge der Familie Kowalewski. Er lächelte schüchtern, kam zögernd näher. Thomas war klein für sein Alter, sah jünger aus, als er wirklich war. Und das hatte ihm wohl auch das Leben gerettet, hatte ihn davor verschont, einen stählernen Helm aufgesetzt zu bekommen und mit seinen Freunden an die Ostgrenze geschickt zu werden. Ob er um sein Glück wusste? Oder ob er es verfluchte, weil sein kindhaftes Äußeres ihn eines Abenteuers beraubte? Doch seine großen grauen Augen zeugten von seinem Wissen über die Hölle, der er entgangen war.
Sie sprachen kein Wort. Nur ein leichtes Neigen des Kopfes zur Begrüßung. Mit fahrigen Bewegungen griff Olga in die Taschen ihres Mantels. Dem Jungen stand der Mund offen, als er sah, was sie in den Händen hielt: Wurst und Marmelade, Honig und gar einige hart gekochte Eier legte sie vorsichtig auf den Boden zu Füßen von Thomas.
Mit sichtlicher Mühe riss er sich von dem wundervollen Anblick ab und begann in den unergründlichen Taschen seiner schmutzigen Hose herumzuwühlen. Schließlich holte er mit einem triumphierenden Lächeln drei kleine Dosen hervor, hielt sie behutsam in der hohlen Hand. Auf Olgas fragenden Blick hin nickte er strahlend und öffnete eine der Dosen leicht, so dass Olga darin etwas weiß aufblitzen sah.
"Zucker", flüsterte Thomas und zuckte beim Klang seiner eigenen rauen Stimme zusammen. Nervös sah er sich um, hoch zu den dunklen Fenstern, dann zu der einen Spalt weit offenen Ladentür. Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und gab Olga nach kurzem Überlegen die drei Dosen. "Außerdem Pfeffer und Salz. Mehr haben wir nicht." Olga bebte vor Aufregung und strich Thomas dankbar und zitternd über das flachsblonde Haar. Wieder lächelte er und verbeugte sich leicht vor Olga. "Möge Gott mit Ihnen sein!", hauchte er, griff nach den Schätzen zu seinen Füßen und schaute noch einmal kurz auf, nur um sich gleich darauf umzudrehen und davon zu laufen.
Olga ging nicht durch den Bäckerladen zurück. Das wäre zu gefährlich gewesen. Stattdessen wandte sie sich nach links, immer dicht an der Mauer bleibend, eine Hand auf den rauen Steinen. Sie wagte kaum zu atmen, so sehr lauschte sie auf ein verräterisches Geräusch, das ihren Tod bedeuten würde. Schon hörte sie das unwirkliche Knallen des Schusses, die wütenden Rufe der Soldaten, das Bellen der deutschen Höllenhunde. Aber es blieb still.
Sie hatte Glück, die Tür des Hauses war nicht abgeschlossen. Der dunkle Flur war voller Schutt, der von den Wänden gebröckelt war. Der scharfe Geruch von Urin stach Olga in die Nase und sie hob schützend die Hand.
Dies war das Leben der Stadt, das sich in jeder finstren Ecke abspielte. Feindlich. Menschenverachtend. Wo denn auch sollte es Hoffnung geben? In jenen dunklen Fluren, aus denen die Menschen vor sich selbst geflohen waren? Oder draußen in den Höfen, wo jedes Wort Verrat am Vaterland war? Nein, die wenige Hoffnung, die es noch gab, konnte man in einer kleinen Messingwaage aufwiegen. Dabei musste man Acht geben, dass der Wind sie nicht davon trug, jenseits hinter den Horizont, wo keine Sonne mehr schien und alles von einem blendenden Licht umgeben war, unerreichbar für die Augen.
Sie stolperte, als sie hinaus in den roten Abend trat. Ein alter Mann warf ihr einen verwunderten Blick zu, erkannte sie und tippte sich grüßend gegen den grauen Hut. Doch Olga beachtete ihn nicht, zwang sich zu gehen, um nicht dem lähmenden Schrecken in die Fänge zu laufen. Das Tor erschien ihr wie eine Rettung. Der gähnende Schlund der Freiheit, der sich unmittelbar vor ihr auftat, war nur eine schwarze Silhouette vor der blutigen Sonne. Zwei unruhige Schemen bewegten sich dort, mit grausiger Gleichmäßigkeit und großen Schritten pattroulierten sie unter dem zerstörten Torbogen. Wie die Cherubim mit ihren flammenden Schwertern, die den Eingang zum Paradies bewachten, nach dem der Mensch sich so sehr sehnte. Aber es gab keinen anderen Weg. Hinter den grimmigen Wachen lag das Leben, das selbst die deutsche Schlange mit ihrer gespaltenen Zunge nicht zerstören konnte. Und Olga wollte nicht sterben. Nicht bevor die Melancholie eines polnischen Liedes ihre Ohren gestreift hatte.
"Stehen bleiben!", bellte der deutsche Offizier in seiner lieblosen Sprache. Er stand breitbeinig vor ihr, die groben Hände hinter dem Rücken gekreuzt, die Schultern gestrafft und das energische Kinn herausfordernd nach vorne geschoben. "Durchsuchen!", befahl er seinem blassen Kameraden und seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen.
Olga war wie erstarrt, unfähig sich zu rühren. So hatte der falsche Engel sein Flammenschwert auf sie herabgesenkt und das lodernde Feuer drohte sie zu verzehren. Und kein Gebet vermochte sie zu erretten, denn der Gottesbote diente jener Macht, die dem deutschen Volke einst die verhängnisvolle Frucht vom verbotenen Baum gereicht hatte.
"Ich bin Deutsche!", rief sie ängstlich. "Ich bin Deutsche!" Der blasse Soldat zögerte kurz, unschlüssig was er machen sollte. Die Augen des Offiziers wurden noch schmaler, ein wölfisches Grinsen entblößte eine Reihe verfaulter Zähne. Er würde sie nicht wegen ihrer Abstammung gehen lassen. Die Jagt hatte für ihn erst begonnen und er war nicht bereit, seine Beute zu verlieren.
Eine plötzliche Kälte befiel Olga. Langsam glitten ihre Hände in die Taschen ihres Mantels, während sie einen Schritt zurückging. Sie reckte stolz den Kopf, schnaubte abfällig und lachte glockenklar.
"Ich dulde es nicht, dass Sie mir zu nahe treten! Schauen Sie auf meinen Namen! Na los!" forderte sie den Offizier auf und zog mit einer schwungvollen Bewegung ihren Pass. Sie hielt ihn direkt vor ihre bebende Brust, sodass sich der Offizier ungelenkt nach vorne beugen musste, um nach ihm zu greifen. Murrend klappte er ihn auf, las aufmerksam und musterte Olga zwischendurch immer wieder. Schließlich wandte er sich ab, eilte in die kleine Holzhütte, die man neben dem Tor errichtet hatte.
Olga konnte durch das kleine Fenster beobachten, wie er den Hörer vom grünen Telefon riss, fahrig eine Nummer wählte. Die innere Kälte verließ sie langsam. Wahrscheinlich hatte sie ihr das Leben gerettet. Dies war ihr deutsches Erbe, dass sie sich bewahrt hatte, während der Hass auf die Besatzer den Rest vernichtet hatte. Nur so hatte sie ein Mensch bleiben können, ohne dafür ihre Seele preiszugeben.
Als der Offizier zurückkam, die Lippen fest aufeinander gepresst, und ihr den Pass in die Hand drückte, da wich auch das letzte Eis und anstelle des Steines schlug nun wieder ein Herz in ihr, ruhig und kräftig und das Blut rauschte in ihren Ohren.
Sie schnaubte noch einmal missbilligend, aber weniger überzeugend. Und wieder vergrub sie die zitternden Hände in den tiefen Taschen. Fest umschloss sie die kleinen Dosen, so dass sich die scharfen Kanten in ihre Haut bohrten und der Schmerz sie daran erinnerte, warum sie das Wagnis eingegangen war.
Sie ging leicht vorn übergebeugt, dem von den nackten Feldern kommenden Wind entgegen, der die trockene Erde aufwirbelte und in kleinen braunen Windteufeln über die Straße fegte. Die Feen ziehen um, dachte Olga schmunzelnd, als sie die tanzenden Blätter erblickte. Dann fiel ihr ein, dass es keine Feen mehr gab. Zusammen mit den Träumen waren sie geflohen und der Blättertanz war nur noch eine verblassende Erinnerung an frühere Zeiten.
Die Welt um sie herum war farblos und unwirklich. Felder lagen brach, Dornenranken und scharfes Riedgras verwandelten die einst fruchtbare Landschaft in eine leblose Einöde. Einem Sturm gleich war der Schrecken über das Land gekommen und nichts als Zerstörung war zurück geblieben.
Wie lange mochte es dauern, bis die Wunden wieder geheilt waren? Wie lange noch, bis man wieder leben konnte, ohne den fauligen Atem eines braunen Teufels in seinem Nacken zu spüren?
Olga hatte es schon von weitem gesehen. Der Schatten auf ihrem Gesicht war ängstlich geflohen vor dem Licht, das aus ihrem Innersten empor zu stiegen schien und den Kummer ihres Herzens zumindest für einige Augenblicke bannte. Das alte Gutshaus lag etwas abseits vom Weg, versteckt hinter alten Silberpappeln und Birken. Im blauen Schatten der hereinbrechenden Nacht wirkte es einsam und verlassen. Nur das nervöse Schnauben der Pferde aus den Ställen erinnerte daran, dass das Gut nicht leer stand. Sie war zuhause.
Da ging die schwere Eichentür auf, eine Flut aus Licht ergoss sich über Olga, blendete sie einen Augenblick lang.
"Mami!" rief der kleine Junge erfreut und stürmte auf Olga zu. Fast hätte die Wucht seiner Umarmung sie mitgerissen, sie taumelte kurz, ehe sie sich fangen konnte. Erichs rundes pausbäckiges Gesicht schaute zu ihr hinauf, in den grauen Augen glitzerte die Aufregung, die ihn befallen hatte.
"Oma wartet!", erklärte er, als sie sich aus seiner Umarmung befreite und Olga ihm ins Haus folgte. "Sie wird sich freuen, dass du wieder da bist.
Alle warten schon, alle haben solchen Hunger!" Als sie ihm liebevoll über das blonde Harr strich, erinnerte sie sich an Thomas, an seine dünnen Arme, seinen ausgemergelten Körper. Und dann betrachtete sie seufzend Erichs kindliche Rundungen.
"Ich weiß", sagte sie nur.
"Warum hast du es gemacht?", fragte Anna kopfschüttelnd, als sie in der offenen Tür, die zum großen Garten hinausführte, standen. "Was, wenn man dich erwischt hätte? Was wäre dann aus Erich geworden? Er wäre allein gewesen und wer weiß, wann Benjamin aus dem Krieg zurückkommt..." Sie schwieg beklommen, entschuldigend schlug sie die Augen nieder und legte eine Hand auf Olgas Arm.
"Wir sind eine große Familie", antwortete Olga schließlich, als die Stille zwischen ihnen unerträglich zu werden drohte. "Erich wäre nicht allein gewesen." Sie zuckte leicht mit den Schultern und schmunzelte.
"Und was wäre das für ein Hochzeitsessen gewesen, ohne Salz, Pfeffer und Zucker? Nein, ich war es meinem Schwager und Angelika schuldig... Sie hätten das Gleiche für mich getan." Sie legte ihre Hand auf die von Anne und drückte sie kurz. "Kannst du Erich ins Bett bringen? Ich glaube, Muttern braucht Hilfe in der Küche..." "Nicht nötig, das habe ich schon getan." Erschrocken drehten die beiden sich um.
Angelika wirkte in ihrem weißen Brautkleid fremd und das war sie auch.
Sie kam aus München und nicht nur ihre Sprache verriet sie. Die blonde Hünin überragte alle Frauen und niemals hatte jemand solch strahlend blaue Augen gesehen. Auch wenn man dem Pfarrer die Urkunden gezeigt hatten, die bezeugten, dass die große Familie aus Polen deutschstämmig war, in Wirklichkeit war Angelika die einzige Deutsche im Hause.
Sie bedeutete Anna mit einem herablassenden Blick, sie allein zu lassen.
Olga wäre ihr am liebsten gefolgt, aber sie konnte der neuen Schwägerin nicht die kalte Schulter zeigen. Nichts hätte dies entschuldigt, selbst nicht die wartende Schwiegermutter in der Küche. Selbst nicht die Tatsache, dass sich Olga vor Angelika genauso fürchtete wie vor dem Offizier am Tor.
"Ein schöner - " setzte Olga an, doch Angelika unterbrach sie mit einer herrischen Geste.
"Bilde dir nichts darauf ein, dass du Benjamins Frau bist!", zischte sie wütend und Olga wich erschrocken zurück in den dunklen Garten. Angelika stand in der Tür, von einem goldenen Lichtkranz umrahmt, ihre stolzes Gesicht lag im Schatten verborgen.
"Er ist nur ein jämmerlicher Soldat, einzig gut genug, um an der Front als Schutzschild vernünftiger Männer zu dienen! Mein Mann hat sich nicht in der SS hoch gearbeitet, damit eine erbärmliche Bauerntochter wie du unseren guten Namen missbrauchst!" Drohend hob sie den Zeigefinger und mit einem Mal sah Olga den Offizier wieder vor sich. Nein, nicht nur ihn, sondern Tausende im ganzen verdammten deutschen Reich, die blind im Auftrag ihres zornigen Gottes dienten. Und Angelika war wie sie. Sie war das deutsche Erbe und nun brachte sie es in Olgas große polnische Familie...
"Wenn ... wenn du es noch einmal wagst, Olga, den Namen Sems für deine schmutzigen Machenschaften zu benutzen ..." Sie rang mit den Worten, ihr Gesicht lief rot an und sie ballte ihre großen Hände zu Fäusten. "Noch einmal ... und wir sorgen dafür, dass du in Auschwitz landest, das schwöre ich beim Führer!" Olga hörte ihre Worte kaum. Gebannt schaute sie auf ihren Handrücken.
Ein kleiner grauer Aschefetzen lag dort auf ihrer weißen Haut, ehe eine sanfte Briese ihn davon trug. Langsam legte sie ihren Kopf in den Nacken blickte hinauf in den Himmel. Ein feiner Ascheregen ging auf sie nieder, bedeckte ihr Haar, brannte in ihren Augen und sie musste blinzeln.
Sie hatte es gewusst. Seit ein kleiner Lastwagen eines Tages am Gutshaus vorbei gefahren war und Olga Levi Goldschmidt gesehen hatte. Er hatte seinen Sohn Shimon in den Armen gehalten. Der kleine Junge mit den großen braunen Augen, der mit Erich jeden Tag draußen im Garten gespielt hatte. Dort, wo nun Asche lag.



Eingereicht am 01. November 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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