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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Schritt zur Seite

© Ronald Klückmann


Ein ausgemergelter kleiner Körper rennt durch die zerstörte Straße. Geschickt laufen diese kleinen Füße zwischen den Steinsbrocken umher. Sie überspringen mit einer schier endlosen Leichtigkeit die Krater, die in die Straße gerissen sind. Es scheint bald so, als könne niemand ihn aufhalten. Doch schon ist es geschehen.
Ein schrecklich scharfer Draht verfängt sich in der sowieso schon zerfetzten Hose und schneidet tief ins Fleisch. Ein Schrei der Verzweiflung kommt durch den kleinen Mund. Auf dem Gesicht sind Zeichen von Schmerz und Resignation zu sehen. Tränen laufen an den Wangen hinab und lassen weiße Spuren im schmutzigen Gesicht zurück.
Das Dröhnen von schweren Maschinen schleicht sich durch die Luft und kommt immer näher. Schritte von schweren Stiefeln prasseln auf dem Asphalt und zeugen von nichts Gutem. Der kleine Junge, der auf der Straße liegt, bekommt Angst. Er möchte weglaufen, doch der Draht, den der Feind so tückisch gelegt hatte, hält ihn fest. Er zappelt und windet sich, um loszukommen. Es geht nicht. Kugeln fliegen durch die Luft und schlagen überall ein. Andere Kinder, die sich frei bewegen können, laufen weg, oder machen einen Schritt zur Seite, um nicht getroffen zu werden. Er jedoch hängt fest.
Ein Schatten fällt über seinen Körper und verdeckt die Sonne, die hoch am Himmel steht. Er sieht flehend nach oben und schaut in ein abgestumpftes, kaltes Gesicht. Mitleid kennt dieses Gesicht nicht mehr. Vielleicht früher einmal, bevor dieser unsinnige Krieg ausbrach. Doch jetzt?
Der kleine Junge sieht noch einmal die Straße entlang, und wünschte sich, er hätte noch einen Wunsch. Er möchte noch einmal die Straße entlang laufen, und wenn dann die Stelle mit dem Draht kommt, würde er einfach einen Schritt zur Seite machen und weit weg laufen, wo ihn niemand finden würde.



Eingereicht am 29. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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