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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Scheibenkleister!!   (Ein Vergnügen der ganz besonderen Art...)

© Gaby Schumacher


Meine Jüngsten, die Zwillinge Katja und Tina, waren gerade mal zweieinhalb Jahre alt, als das passierte, was mir für den Rest meines Lebens unauslöschlich im Gedächtnis bleiben sollte. Dem Papa meiner Kinder übrigens auch.
Meine beiden Älteren, Sandra mit ihren bald acht Jahren und sogar Nicolette mit ihren fünf Jahren hatten ja die für Eltern ziemlich strapaziöse Kleinkindzeit schon fast hinter sich gelassen und benahmen sich seit ein paar Monaten wie ganz "normale" Kinder.
Die Kleineren dagegen steckten so richtig schön drin ... in der ersten Eltern-intensiv-Testphase. Was könnten sie uns zumuten, wie lange hielten unsere Nerven Stand?? Über die diesbezügliche Aufgabenverteilung waren die beiden Schwesterchen sich sehr schnell einig geworden. Katja, die ruhigere, übernahm bei solchen Gelegenheiten das Aufpassen, ob auch kein Elternteil in der Nähe war...und die viel lebhaftere Tina agierte. Leider war auch deren Phantasie extrem lebhaft, worunter wir armen Eltern dann immer wieder zu leiden hatten. An Ideen mangelte es ihr wahrlich nie.
Es war Mitte der Woche. Ich ahnte es ja nicht. Es würde ein mehr als tragischer Tag. Kleidungsstücke pflegten schmutzig zu werden. Kleinkinderhöschen verwandelten sich gerne in Dreckfetzen, die schließlich das Kunststück fertig brachten, auch ohne kindlichen Inhaltes von allein frei im Raume da stehen zu können. Ich entschied: "Die sind reif für die Waschmaschine!" Da ich ja vier kleine Kinder hatte, amüsierte mich mit mit entsprechend vielen dann entzückend gestylten Jeans und wusch und wusch, hielt mich also fast den ganzen Tag in der Waschküche auf.
Wie so häufig, fand Tina Mamas Rummelei in Mamas Lieblingsraum Nr.2 (Nr.1 war die Küche!) weitaus interessanter als das Spiel mit ihrer Schwester, lehnte an der Tür und beobachtete mit Argusaugen, was ich da so machte. Irgendwie kann ich das im Nachhinein ja verstehen, dass sie mir dermaßen fasziniert zusah. Schließlich ist die Arbeit in einer Waschküche äußerst spannend und stellt an den Intellekt der Hausfrau immens hohe Ansprüche. Stellen Sie sich einmal vor, was passierte, wenn ich nötige Arbeitsschritte ausließe oder diese in verkehrter Reihenfolge vornähme. Nicht auszudenken...das!
Töchterchen stand da mit lächelndem Gesicht, aus dem ganz eindeutig zu meiner Freude große Bewunderung für mich fleißige Hausfrau sprach. Sie sagte aber nichts, verhielt sich mucksmäuschenstill. Allein das schon hätte mich misstrauisch machen müssen. Das war auch für Tochter Nr.3 gänzlich unüblich. Sie hielt es eher wie ihre große Schwester Sandra, die den ganzen Tag unentwegt schnabbelte und nur kurz zum Luftholen ihre zweifellos überaus wichtigen verbalen Ergüsse unterbrach. Dem vergleichbar, störte es Klein-Tina überhaupt nicht, dass sie, was Sprachentwicklung anging, den Altersgenossen noch etwas hinterher hinkte(Frühgeborene brauchen oft etwas länger. Kommen sie mit zwei Pfund auf die Welt, dann erst recht). Sie bediente sich also teilweise völlig unbekümmert darum, ob wir sie verstünden oder auch nicht, der Babysprache und redete in einem sehr lustigen Kauderwelsch, doch total von sich selbst überzeugt und entsprechend laut.
Dieses an der Tür stehende Schweigen war also mehr als verdächtig. Da ich aber bis zu den Knien in Schmutzwäsche stand und glücksstrahlend in dieser herum sortierte, bis ich fast meine Arme nicht mehr spürte, verpasste ich es, mir intensivere Gedanken um diesen so zufrieden wirkenden Ein-Viertel-Nachwuchs zu machen. Gravierender Fehler einer überaus beschäftigten Mutter!
Selbst an solchen Tagen kam es hin und wieder vor, dass ich schweren Herzens die Waschküche im Stich ließ, um mich anderen so verlockenden Haushaltspflichten wie Staubsaugen und Wischen zuzuwenden, die allerdings dann nicht im Keller, sondern in der Jugendetage zu erledigen waren. Man bedenke: Zwei ganze Etagen Abstand. Jahaah ... zwei Etagen zuviel!
`Ne gute Stunde war Mama außer Gefecht gesetzt. Eine lange Zeit, die Tina bestens nutzte. Sie hatte ja alles in ihrem Gedächtnis gespeichert, war jetzt gründlich informiert. Sie musste ihr Wissen jetzt nur noch in der Praxis beweisen.
Genau dazu entschloss sie sich. Mama würde sich bestimmt halb kaputt freuen, eine dermaßen aufmerksame und tüchtige kleine Haushaltshilfe zu haben. Zumal Sandra und Nicki bereits auf Grund ihres fortgeschritteneren Alters mehr als erprobt darin waren, das Helfen tunlichst zu vermeiden. Meistens mussten sie immer dann gerade die Sendung mit der Maus gucken oder dringend architektonisch überaus komplizierte Legohäuser bauen. Und davon durfte ich sie doch als liebende Mutter wohl nicht abhalten. Das wäre für die Kreativitätsentwicklung des Nachwuchses irre schädlich gewesen.
"Also...", sagte sich Tinchen, "wie war das noch mal gewesen? Wie hatte Mama das gemacht??" Richtig, da war doch dieses komische weiße Zeug. Das gab man oben rein, damit hinterher die Wäsche auch weiß wieder ´raus kam. Oder doch zumindest fast weiß. Meine Maschine jedoch stand zur Arbeitserleichterung auf einem kleinen Podest, damit ich mich nicht jedes Mal beim Einfüllen der Kleidungsstücke so sehr bücken musste. Das aber war zu hoch für meine kleine Tochter. Doch wenn sich Tina etwas in den Kopf gesetzt hatte, gab sie einfach nicht auf, probierte alles erdenklich Mögliche aus, um denn doch noch ihr Ziel zu erreichen.
Na gut, dann eben nicht so! Was nicht zu hoch war, war die Waschmaschinentrommel. Tina entschied, das ergäbe ja wohl keinen so großen Unterschied, wo dieses weiße Zeug letztendlich rein kam. Mit roten Wangen vor Begeisterung beí der Sache und schon jetzt irre stolz des von mir zu erwartenden ausdrücklichen Lobes wegen schnappte sie sich das Becherchen aus dem Waschmittelkarton und begann einzufüllen. Mensch, ganz so elegant ließ sich das leider wider ihr Erwarten doch nicht bewerkstelligen. Auf den Zehenspitzen stehend bemühte sie sich leicht hin- und her schwankend ums Gleichgewicht. Dummerweise wurde es dadurch diesem weißen Zeug recht schwindelig. Es protestierte auf seine Weise. Anstatt sich ausschließlich in der Trommel zu verteilen, rieselte ein nicht unbeträchtlicher Teil auf den Boden. Wenn also soviel daneben ging, musste entsprechend viel ersetzt werden. So überlegte meine Tochter und goss kräftig nach. Das Waschmittel war schwer gekränkt und verteilte sich rachsüchtig in sämtlichen Fugen des gefliesten Waschküchenbodens, bis in die hintersten Ecken.
Tina war sehr für Gründlichkeit, meinte, ein bisschen Waschmittel in den Wäschekörben könnte auch nicht schaden. Die Auswirkung dieser kindlichen Überlegung sorgte zwar nicht für mehr Reinlichkeit der so verwöhnten Kleidungsstücke, aber für die reinste Schneelandschaft. Überall nur ein strahlendes Weiß: Waschmaschinchen war in einen Iglumantel gehüllt, der Boden blitzte als Arktislandschaft bis hin zum Wände-Horizont und die Waschkörbe...
Der Schönheit wegen standen da geflochtene Behälter mit ganz, ganz vielen winzigen Ritzchen, in denen sich dann ganz furchtbar viel des feinen Pulvers enorm wohl fühlte. Tina betrachtete ihr Werk und war`s zufrieden. Noch(!) heiterer Stimmung zog sie sich zum Bilderbuchlesen in ihr Zimmer zurück.
Nach einer guten Stunde sehnte ich mich nach meiner Waschküche und spurtete in den Keller. Die Türe war nur angelehnt. Ich öffnete sie ganz und prallte zurück. Ach du Sch...das durfte doch nicht wahr sein!! Mir war nicht schwarz, sondern weiß vor Augen, nichts als weiß, wohin ich auch guckte. Mehr als merkwürdig: Ich brachte es nicht, auch noch jubelnd diese Polarlandschaft zu bewundern. Entkräftet lehnte ich mich gegen die Türe, vor der mir meine Kleine vor gut sechzig Minuten Gesellschaft geleistet hatte. Mein Gesicht verlor all seine frische Farbe und wurde ebenfalls kalkweiß.
Nach einigen Sekunden des Fast-Heulens samt anschließenden Wut-Schweißausbruches sortierte ich meine lustig vor sich hin zitternden Beine, riss mich zusammen und kehrte diesem Ort des urplötzlichen Wintereinbruches den Rücken. Erst, als ich mich am Treppengeländer Stufe für Stufe mit letzter Kraft nach oben hangelte, setzte meine normale Denkfähigkeit wieder ein. Prompt galt die erste Überlegung meinem kregen Zwillingstöchterchen. Ja, das war eindeutig Tinas Handschrift!
Obwohl ich ob dieser Schweinerei in der Waschküche extrem guter Stimmung war, wie sich meine geneigten Leser auch ohne diese meine letzte Bemerkung ja wohl ausmalen können, verdrängte ich schleunigst mein Verlangen, meine kleine Kröte dann etwas unsanft gegen die Wand zu klatschen. Nein, sie war ja noch so winzig. Sie war sich ja gar nicht darüber im Klaren gewesen, was sie damit anrichtete. Das arme Kind konnte wahrlich nichts dazu, dass sie meine kreative Ader geerbt hatte!
Diese und ähnliche Überlegungen bremsten dann auch meinen ansonsten ungebremsten Zorn, während ich immer noch fix und alle mit den Nerven in Richtung des betreffenden Kinderzimmers marschierte. Nur dort hielte sie sich auf, in ihrer sicheren Burg. Im restlichen Haus war nämlich kein Laut zu vernehmen.
Noch einmal holte ich tief Luft. "Ruhig, bleib bloß gelassen!", befahl ich mir. Ich betrat ihr Zimmer. Es bot sich mir ein allzu rührendes Bild. Mittendrin hockte ein todunglückliches Etwas auf dem Boden, mit den kleinen Händchen krampfhaft die Seiten eines Bilderbuches umklammernd, den Blick ebenso starr auf die bunten Abbildungen heftend. Ein einziges Häuflein schlechten Gewissens. Meinem kleinen Mädchen waren zwischenzeitlich doch arge Bedenken gekommen, ob Mama sich wirklich soo freuen würde. Es war ihr letztendlich doch alles ein wenig komisch vorgekommen.
"Tinchen, warst du das in der Waschküche??", forschte ich nach. Ein wenig sauer klang meine Stimme doch, ich konnte es nicht verhindern. Tinchen blickte scheu auf, sah meine Mimik und reagierte vorsichtshalber blitzschnell. Diesen Gesichtsausdruck ihrer Mama kannte sie, wusste aus Erfahrung, womit sie dann zu rechnen hatte. Und, was meine Kleine auf den Tod nicht leiden konnte, war eine böse Mama.
Wie auf Kommando fing sie an zu brüllen wie am Spieß, ließ routiniert die Tränchen kullern, seufzte und schniefte vor sich hin wie ein Weltmeister. Wie auf Kommando verrauchte auch mein Zorn. Ich ärgerte mich darüber und konnte trotzdem nicht dagegen an. Zärtlich nahm ich mein Kind in den Arm, putzte ihr erst einmal gründlich das Näschen. "Tinchen, weißt du eigentlich, was Mama jetzt an Arbeit hat, bis das wieder weg ist..?" Offensichtlich bereute Tinchen mittlerweile aus tiefster Kinderseele. Nach abschließendem zweimaligen "Schniieef" meinte sie zu mir: "Mama, Tinschen wollte pelfen, alles sauba machen!" "Ich weiss, Kleines. Aber versprich mir...das machst du nie wieder. Jaa...?" Wortloses Nicken war die Antwort.
Es hat mich zwei ganze Tage gekostet, den Winter davon zu überzeugen, dass er bitteschön in meiner Waschküche nichts zu suchen hätte.
Bitte, bitte ... nie wieder!!



Eingereicht am 24. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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