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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der erste Schnee

© Anna Maniura


Zufrieden kuschelte sich Kerstin in ihr Kissen und rückte noch etwas näher an Stefan heran. Sie spürte die Wärme seines Körpers, die auch den ihren umfing…. Sie konnte in dieser kalten und dunklen Nacht neben ihm liegen … Und das reichte ihr, um glücklich zu sein. Überhaupt, was wollte man mehr in diesem Augenblick? Draußen pfiff der Wind sein bekanntes eisiges Lied. Nur wenige wagten sich auf die Straßen und wenn sie es wagten, dann nur, weil sie es mussten.
"Musst du morgen wieder so früh raus?", fragte Kerstin in die Dunkelheit des Zimmers hinein. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, als sie seine Hand durch ihr langes Haar streichen spürte. Selbst die Berührungen seines warmen Atems auf ihrer Haut genoss sie voll und ganz.
"Leider", murmelte Stefan leise. Seine Hand wanderte unter ihr T-Shirt und fand ihren Platz auf dem Bauch der jungen Frau, der von Tag zu Tag größer wurde. Bald - in weniger als drei Monaten - würde ihre kleine Familie endlich vollkommen sein. Kaum zu glauben, dass sie es so weit gebracht hatten, nachdem die Eltern der beiden gegen eine Hochzeit gewesen waren und dem jungen Paar immer wieder Steine in den Weg gestellt hatten, was schließlich zu einer zeitweiligen Trennung geführt hatte, die beide im Nachhinein dann doch bereut hatten.
Aber daran wollten sie in diesem Augenblick nicht denken. Sie wollten in der Gegenwart leben, im Hier und Jetzt. Und nun waren beide junge vierundzwanzig Jahre alt. Er, ein erfolgreicher Kaufmann, sie eine Sekretärin.
"Was ist?", wollte Kerstin wissen, als Stefan sich auf einmal aufsetzte und in Richtung des Fensters schaute.
"Ich glaube …", fing er an und stand auf. Sein Weg führte natürlich zum Fenster. Sofort zog er die Jalousien nach oben und lachte leise. "Es schneit, ich hatte Recht."
Und tatsächlich. Weiße Schneeflocken, klein und groß, tanzten beschwingt am Fenster vorbei.
Kerstin lächelte, als Stefan sich neben sie setzte und den Arm um sie legte.
"Weißt du noch?", fragte er.
"Wie könnte ich das vergessen …" Sie grinste und küsste ihren Mann. Vor fünf Jahren, am Tag des ersten Schnees waren die beiden zusammengekommen. Die ganze Nacht über waren sie Hand in Hand durch die weiße Schneelandschaft spaziert und hatten sich verträumte Blicke zugeworfen. Lächelnd sahen die beiden sich an. Dieser eine Blick genügte. Es war, als könnten sie ihre gegenseitigen Gedanken lesen. Sie standen auf und zogen sich ihre dicksten Pullover an. Dazu die Winterjacken.
"Und damit du dich auch ja nicht erkältest." Stefan band seiner Frau einen Schal um den Hals.
"Gleichfalls." Sie setzte ihm eine Mütze auf den Kopf.
Kurz darauf standen sie inmitten des weißen Wunders. Ja sogar die Kälte konnte den beiden bei diesem Anblick nichts mehr anhaben.
"Woher wusstest du eigentlich, dass es schneit?" Kerstin zog sich ihre Handschuhe über.
"Ich rieche den Schnee", erklärte er geheimnisvoll und tanzte auf die Straße hinaus.
Kerstin musste lachen. Ja, das war ihr Stefan, ihr Mann, ihr Leben. Vorsichtig folgte sie ihm. Leise knirschte der Schnee unter jedem ihrer Schritte. Es war ein angenehmes Knirschen, einfach schneemäßig, hätte Stefan gesagt.
"Pass auf, es ist ziemlich glatt. Du-" In diesem Augenblick verlor er den Halt unter ihren Füßen und landete lachend im Schnee. Kerstin eilte zu ihm.
"Du bist unmöglich", schalt sie ihn, doch auch sie lachte und wollte ihm aufhelfen. Er aber zog sie zu sich nach unten und küsste sie.
"Ich liebe dich. Dich, mein kleines süßes Schneemäuschen", flüsterte er lachend. Er war glücklich, einfach nur glücklich. Kerstin erging es nicht viel anders. Sie lag lachend neben ihm, um sie herum der weiße Glanz, der erste Schnee.



Eingereicht am 24. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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