www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Beim Abendessen

© Pallaloma


"Jetzt geht das schon wieder los", sagte Herr Meier und ballte seine Hände zu Fäusten. Hätte er nicht gewusst, dass seine Frau die rot-weiß karierte Tischdecke nicht erst heute frisch gebügelt auf den weißen Plastiktisch gelegt hatte, so hätte er sich auch ärgerlich an dem Stoff festgekrallt.
"Dass man nicht einmal in Ruhe essen kann", fuhr seine Frau fort und stieß einen tiefen Seufzer aus.
"Da rackert unsereins sich den ganzen Tag im Büro ab und freut sich auf einen entspannten Feierabend und dann hat man nicht einmal zu Hause seine Ruhe!", schimpfte Herr Meier weiter, währenddessen er mit seinem Messer die Bratwurst auf seinem Teller derart heftig traktierte, als wolle er Mus aus ihr machen.
"Magst du noch einen Schluck?", fragte Frau Meier freundlich und hielt ihrem Mann, mit einem aufmunternden Lächeln auf ihren schmalen Lippen, die Mineralwasserflasche hin.
Herr Meier nickte bedächtig, ließ sich sein leeres Glas füllen und lauschte dabei, sein rechtes Ohr Richtung Gartenzaun gewandt, hinüber zum angrenzenden Grundstück.
"Ich höre ja gar nichts mehr", bemerkte er verwundert.
"Vielleicht machen sie ja gerade ihre Hausaufgaben", überlegte Frau Meier und kratzte mit dem Fingernagel an einem kleinen Senffleck, den sie neben ihrem Teller erblickt hatte. Dabei fiel ihr auf, dass ihr roter Nagellack schon wieder bröckelte. Kein Wunder, schließlich hatte sie heute das gesamte gute Geschirr mit der Hand gespült. Es war zwar spülmaschinenfest, doch das hätte sich Frau Meier niemals verziehen, wenn beim Maschinenspülen eines der wertvollen Teile zu Bruch gegangen wäre.
"Andererseits", verbesserte sie sich, "sollten das die Kinder eigentlich doch schon am Nachmittag erledigen."
"Aber Karin, du weißt, bei dieser Familie ist nichts normal. Die Gören kommen von der Schule heim, donnern ihre Tasche in die Ecke und dann nichts wie raus!", erklärte Herr Meier seiner Frau, obwohl die dies selbst gut wusste.
"Heutzutage schert sich ja auch niemand mehr um die Mittagsruhe", bemerkte Frau Meier, dem ihr Mann mit einem bestätigenden Nicken zustimmte. Er konnte gerade nichts hinzufügen, da er auf einem Stück Bratwurst herumkaute. Plötzlich hustete er und seine Frau mahnte: "Herbert, ich sage es doch immer, du isst zu hastig!"
Herr Meier ging auf den Vorwurf nicht ein, sondern zeigte, während er die eine Hand vor den Mund hielt, mit der anderen in Richtung des Nachbarsgarten.
"Hast du das gehört?", keuchte er undeutlich.
"Ja", seufzte seine Frau und ließ sich in die Lehne ihres Plastikgartenstuhls zurücksinken.
"Wenn sie wenigstens noch normale Spiele spielen würden", bemerkte Frau Meier, während sie die Senfreste vom Teller ihres Mannes mit einem Messer auf den ihren kratzte - sonst würde es beim Stapeln des Geschirrs nur unnötig Dreck machen.
"Richtig, Birgit", entgegnete ihr Mann. "Aber dieses Basketballspiel..."
"Und diese Skateboards", brachte Frau Meier den Gedanken ihres Mannes zu Ende.
Beide schüttelten resignierend ihre Köpfe, wobei ihre leicht hängenden Wangen in sanftes Vibrieren versetzt wurden.
"Aber wir sollten uns diesen Abend wirklich nicht verderben lassen", sagte Frau Meier und schlug, wenn auch nur sehr vorsichtig, schließlich wollte sie nichts kaputtmachen, mit ihrer Faust auf den Tisch.
Darauf entgegnete ihr Mann nichts. Er versuchte gerade, mit zusammengekniffenen Augen, durch das dichte Gebüsch hinüber zu den Nachbarn zu spähen, ob er die Kinder nicht bei ihrem übertrieben wilden Spiel sehen konnte.
"Schau doch Herbert, wie schön die Stiefmütterchen blühen", versuchte Frau Meier die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu erlangen. "Und der Rasen ist wieder so saftig grün. Das Lüften und Düngen war wirklich sehr hilfreich."
"In kurzen Hosen rennen die jetzt noch draußen herum", sagte Herr Meier, der sich inzwischen von seinem Gartenstuhle erhoben hatte, ungewöhnlich leise. Er stand nun an der Gartenhecke und bog mit beiden Händen das Gestrüpp zur Seite, um sein Sichtfeld zu verbessern.
"Dabei ist es doch nun wirklich schon frisch geworden", meinte Frau Meier. "Jedenfalls sollte sich die Mutter schon darum kümmern, dass ihre Kinder abends nicht mehr halb nackt umherspringen."
"Genau, Birgit", gab Herr Meier seiner Frau recht und ließ sich wieder auf seinem Platz nieder. "Und dann wundern sich die Eltern, dass die Kinder ständig krank sind." Er leerte sein Wasserglas in einem Zug und blickte dann in das Glas hinein. "Da bekommt man wirklich Lust auf ein Bier", stellt er fest. "Bei all dem Ärger."
"Ja, Herbert, aber das muss noch warten", sagte seine Frau, die das Besteck, das sie auf dem Tellerstapel gelegt hatte, nun parallel zueinander ausrichtete. "Es muss doch nur noch ein Kilo runter", tröstete sie ihn.
In diesem Moment zuckten beide erschrocken zusammen, da eines der Nachbarskinder einen gellenden Schrei von sich gegeben hatte.
Herr Meier erhob eine Faust drohend Richtung Hecke und machte Anstalten, von seinem Gartenstuhl aufzuspringen, doch Frau Meier kam ihm zuvor und legte ihre Hand beruhigend auf die seine. Überrascht blickte er seine Frau an. Dann nahm er seine andere, freie Hand und strich damit kurz über die seiner Frau, bevor er aus seiner Tasche ein zerknittertes Stofftaschentuch zog und sich umständlich die Nase putzte.
"Vielleicht gehen wir lieber nach drinnen", schlug Frau Meier vor. "Du holst dir noch einen Schnupfen. Und die Aufregung ist nicht gut für dich."
Erneut wendete Herr Meier seinen Kopf Richtung Nachbargrundstück, von wo noch immer lautes Kindergeschrei herüberdrang. "Ich werde mich wohl doch bei Gelegenheit bei den Eltern beschweren. So geht das nicht weiter. Der Mensch braucht nun einmal seine Ruhe."
"Aber die sind doch auch keinen Deut besser", meinte Frau Meier.
Als sogleich bestätigend die schrille Stimme der Mutter erschallte, die ihre lauten Kinder zur Ordnung rief, zeigt sich ein gequältes Lächeln auf den Gesichtern des Ehepaares. Nun war es Herr Meier, der die Hand seiner Frau, die gerade ein unsichtbares Fältchen auf der Karotischdecke ergriff und drückte. "Das Essen war köstlich", sagte er. "Wie du dass nur immer hinbekommst."
In diesem Moment konnten beide hören, wie die Haustür der Nachbarn mit einem Scheppern zuschlug. Gleich darauf wurden die Rollos der Kinderschlafzimmer heruntergelassen. Dass es sich um die Kinderschlafzimmer handelte wussten die Meiers. Man konnte es deutlich an den bunten Vorhängen und dem Fensterschmuck erkennen.
Nun stand Frau Meier auf, um den Stapel Geschirr in die eine und das Tischtuch, nachdem sie es mit einer sicheren Bewegung vom Tisch gezogen hatte, in die andere Hand zu nehmen. Die Aufgabe ihres Mannes war es, die den weißen Plastiktisch und die zwei dazugehörigen Stühle wetterfest im Gartenhäuschen zu verwahren.
Am nächsten Abend war es deutlich wärmer. Als Herr Meier sein Schnitzel kaute, lief ihm ein Tropfen schweiß über die Stirn. An den tiefen Falten wurde er etwas langsam und rann dann jedoch umso schneller über seine linke Augenbraue hinunter. Herr Meier nahm seine Serviette zur Hand, um sich das Auge zu wischen. Normalerweise wurden die Servietten kaum benutzt. Frau Meier legte sie zwar jeden Abend dekorativ auf den Tisch, aber nach dem Essen meist wieder ordentlich in die Schublade.
"Hast du heute schon etwas gehört", fragte Herr Meier, nachdem er einen Bissen mit einem Schluck Wasser hinuntergespült hatte.
"Nein", antwortete seine Frau.
Sogleich wendeten sich beide lauschend Richtung Gartenzaun.
"Vielleicht sind sie ja bei Verwandten", schlug Herr Meier vor. "Schließlich ist Samstag."
"Oder im Tennisheim ist wieder irgendeine Veranstaltung", brachte Frau Meier an.
"Hm", meinte Herr Meier.
"Hm", entgegnete Frau Meier.
Dann waren nur ihr Kauen und Schlucken zu hören. Frau Meier achtete stets darauf, ihr Essen sehr gründlich zu kauen. Zum einen trugen doch bereits die Enzyme des Speichels zur Verdauung bei. "Gut gekaut ist halb verdaut;" hätte sie ihren Kindern, hätte sie denn welche gehabt, als Leitsatz eingetrichtert.
Außerdem stellte sich, ließ man sich beim Essen Zeit, das Sättigungsgefühl schneller ein. Sie war sich sicher, dass ihr Mann immer deshalb so viel aß, da er sich einfach nicht ausreichend Zeit dafür ließ.
Herr Meier spielte mit dem Gedanken, ausnahmsweise einmal, gewissermaßen zur Feier des Wochenendes, sich ein Glas Bier zu gönnen. Aber hatten sie überhaupt Bier im Haus? Außer ihm trank das ja niemand. Seine Frau mochte den bitteren Geschmack nicht. Wenn sie einmal, was selten genug vorkam, einen Schluck Alkohol trank, dann ein Schlückchen Prossecco. Wenn sie Gäste hatten, zum Beispiel. Aber das kam selten vor. Doch das war ihm ganz recht. Schließlich hatte er am Tage im Büro genügend Stress. Da war er froh, wenn er im Feierabend seine Ruhe hatte.
Nochmals konzentrierte er sich auf die Geräusche im Nachbarsgarten. Nichts war zu hören.
"Was, Birgit", sagte er, "wie lange haben wir schon nicht mehr so gemütlich essen können?"
"Hast Recht, Herbert", stimmte Frau Meier zu. "Den ganzen Sommer haben uns die Kinder belästigt."
"Und die Eltern", meinte Herr Meier. "Keinen Deut besser."
"Nein, keinen Deut besser", gab Frau Meier ihrem Mann Recht. "Keinen Deut besser."
Beide nickten und kauten und schluckten. Nach dem Essen nahm sich Frau Meier dem Geschirr und der Tischdecke an. Herr Meier kümmerte sich um die Gartenmöbel.
Den Sonntagnachmittag verbrachten sie mit kleineren Gartenarbeiten. Außerdem schnitt Herr Meier ein wenig die Büsche - nur der Form wegen. Selbstverständlich benutzte er zu diesem Zweck nicht die elektrische Gartenschere, obwohl diese die Arbeit sehr erleichtert hätte. Nein, an einem Sonntag, da machte man keinen Lärm.
"Hast du heute etwas gehört?", fragte Frau Meier, als sie sich des Abends zu Tisch niedergelassen hatten.
"Nein", antwortete ihr Mann. "Das Auto stand auch den ganzen Tag nicht in der Einfahrt.
"Haben die wohl auswärts geschlafen?" überlegte Frau Meier.
"Möglich", meinte Herr Meier.
Heute gab es Hähnchen. Man hörte deshalb vermehrtes Schmatzen. Es blieb kaum Zeit zum Reden. Um die fettigen Spuren an den Fingern zu beseitigen, hatte Frau Meier feuchte Abwischtücher mit Zitronenduft bereitgelegt. Die sammelte sie immer in den Gaststätten.
Nach dem Essen blickten sich die Meiers an.
"Ein schöner Abend", sagte Frau Meier.
"Ja, da sollte man noch ein wenig draußen sitzen", meinte ihr Mann.
Bald fing Herr Meier an, mit den Fingern, Zeigefinger und Mittelfinger im Wechsel, auf dem Tischtuch zu trommeln. Frau Meier ordnete klappernd das Geschirr. Heute hatte sie heute einen zusätzlichen Teller für die Knochen hingestellt. Sie überlegte, dass es praktischer gewesen wäre, den kleinen Tischabfall zu benutzen. Denn der Knochenhaufen war recht groß, immer wieder fiel ein Flügelchen oder ein Beinchen herunter. Das macht natürlich Flecken auf der Tischdecke. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich gewesen, die abwaschbare Wachstischdecke aufzulegen.
Herr Meier benutzte inzwischen beide Hände zum Trommeln. Dabei blickte er immer wieder in Richtung Hecke.
"Hast du das gehört?", fragte er plötzlich.
"Was?", entfuhr es seiner Frau, ein wenig zu laut.
"Ein Auto ist vorgefahren", antwortete Herr Meier dafür umso leiser.
Frau Meier nahm die Hände vom Geschirr, um Klappern zu vermeiden und auch Herr Meier hielt seine Hände im Schoß verwahrt. Keiner dachte an die Fettflecken, die das auf seiner Hose hinterlassen könnte. Als das Schlagen der Autotür und deutliches Kindergeschrei zu hören war, sanken beide, tief ausatmend, in ihre Gartenstühle zurück.
"Vorbei ist es mit der Ruhe", seufzte Herr Meier.
"Nimm es nicht so schwer", entgegnete Frau Meier und legte ihre Hand auf die seine. Diese umschloss ihr Mann wieder herum mit seiner freien Hand und drückte fest zu.
"Ach, Birgit, man muss sich wohl daran gewöhnen", meinte er und blickte seine Ehefrau an.
"Ach Herbert", meinte Frau Meier und erwiderte den Druck.



Eingereicht am 23. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««