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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tagesübungen für werdende Schriftsteller

© István Kalász


"Das Bett = eine Insel" (M. Leiris) gleich nach dem Aufwachen über diese Aussage nachdenken.
Dann nachdenken über die Frage: Wie lebt es sich ohne eigenes Bett?
Dann ca. 2 Minuten lang still erörtern, wer alles schon in diesem Bett, Zimmer, Wohnung geschlafen, gewohnt hat, bzw. gestorben ist?
Sehr langsam aufstehen. Sich fast lautlos anziehen. Im Bad nicht in den Spiegel schauen und daran denken: "Heute werde ich den ganzen Tag nicht wissen, wie mein Gesicht ausschaut."
Zum Fenster gehen. Hinausschauen! Exakte Beschreibung für die Straße suchen. Was ist eine Straße? Ist es ein Raum, der von Gebäuden umgeben ist? Wessen Namen trägt die Straße? Warum wurde sie so benannt? Wer hat die Entscheidung über die Nummerierung der Hauser gefällt?
Dann frühstücken. Still, wortlos. Treffende Adjektive suchen auf die Speisen.
Müll runter tragen. Die Mülltonne sehr genau anschauen. Welche Farbe hat sie? Wie groß ist sie? Wie riecht sie? Dann mit einem Stock in den Tonnen wühlen und so einige Informationen über die Mitbewohner des Hauses erfahren ...
Oben in der Wohnung dann dies alles niederschreiben mit Ort, Datum, Zeit ...
Wieder aus dem Fenster schauen. Hat sich etwas verändert in der Zeit?
Sich genau dem Wetter entsprechend ankleiden. In ein Cafe gehen, und zwar ein Cafe, wohin man sonst nie hingeht.
Dort Alkohol bestellen, diesen schnell trinken. Dann feststellen, ob sich der Alkohol positiv oder negativ auf die Gemütslage auswirkt? Über das Ergebnis lange und gründlich und ehrlich nachdenken.
Sich im Cafe umschauen. Wie viele Gäste sind da? Was für Kleider tragen sie? Was haben sie bestellt? Worüber unterhalten sie sich? Woher kommen sie? Wohin werden sie gehen? Wie lange werden sie leben? Usw.
Dort im Cafe sitzend virtuell nach Hause, in die stille Wohnung fliegen und sich die verlassenen Zimmer anschauen. Alles aus dem Gedächtnis.
Im Cafe jemanden ansprechen. Um Feuer bitten, nach der Zeit fragen usw., dann die Person in eine Unterhaltung verwickeln.
Unbedingt herausbekommen: den Namen der Person, das Alter, ob die Person ihre Eltern mochte, dann seine Meinung über die Aussage "das Bett = eine Insel" erfragen. Unbedingt, wenn es sein muss, sogar mit Lüge, herausbekommen, wo die Person wohnt?
Dann sich verabschieden. In die Straße eilen, sich das genannte Wohnhaus anschauen. Ist es so, wie man es sich vorgestellt hat im Verlauf des Gesprächs?
Langsam nach Hause gehen. Ankommen. Aus dem Fenster schauen. Hat sich etwas verändert?
Sich ein wenig hinlegen. Auf dem Bett liegend, die Decke betrachtend ein wenig über den Satz: "Liebe ist, wenn dein/e Geliebte/r die Krümel aus deinem Bett fegt." nachsinnen. Ist diese Aussage wahr? Oder doch nicht?
Nach dem Aufstehen einen starken Kaffe trinken, sich dann an den Schreibtisch setzen, dann folgendes tippen: ich schreibe, dass ich schreibe ...
Ganz bewusst und aufmerksam die Kaffeetasse abwaschen. Die Bewegungen der abwaschenden Hand ganz genau fühlen, beobachten und dann laut für sich beschreiben.
Dann aus dem Fenster schauen. Was hat sich draußen verändert?
Dann sich intensiv vorstellen: Die erste große Liebe meines Lebens kommt plötzlich zur Tür herein. Sich dann die Liebe mit ihr/ihm vorstellen. Was flüstert sie/er, wie küsst sie/er, wie lacht sie/er? Und wie wäre das Leben wenn sie/er für immer bliebe?
Das alles niederschreiben. Das Geschriebene in einen Umschlag packen, an die erste Liebe adressieren, zukleben, dann zum Briefkasten gehen und einwerfen. Am Briefkasten stehen und den Kasten genau erfassen. Wie groß ist er, was für eine Farbe ... usw. Eine Metapher für den Kasten suchen.
Auf dem Weg nach Hause alles lesen, was zu lesen ist: Werbung, Aufschriften, Schilder ... Die Passanten genau beobachten. Autos mit fremden Kennzeichen beobachten. Sich vorstellen, man müsste diese Fahrzeuge in einem Amt melden. Darüber dann doch lachen.
Zu Hause vor dem Lieblingsbild sitzen, dann langsam in das Bild hineintreten. Sich dort so im virtuellen Raum bewegen, dass der Betrachter von draußen den Bildbesucher von außen nicht mehr sehen kann.
Dann irgendetwas essen. An die Liebe denken. Wie ist es, wurde der Briefkasten geleert? Ist der Umschlag schon unterwegs? Was wird er/sie sagen, wenn der Brief ankommt? Sich in ihre/seine Seele hineinfühlen.
Dann warten. Sitzen und warten bewusst, doch ziellos. Aufschreiben: ich warte von Stunde X bis Stunde Y. Wurde aus der Ruhe Begebenheit?
Das Telefon, falls es klingeln sollte, nicht abnehmen. Erst später, beim dritten Mal.
Dann ganz ruhig dem Anrufer erklären, dass es einer der schwersten Aufgaben ist, sich selbst zu ändern. Dann noch erklären, dass der eigene Blick, den Betrachter selbst ganz weit fliegen, schweben lassen könne und dass das doch gut so sei.
Vor dem Einschlafen die Freunde besuchen: in Gedanken über ihren Betten schweben, ihre sanft schlafenden Gesichter voller Liebe betrachten, betrauern.
Dann unbedingt träumen, ohne Kompromisse.



Eingereicht am 23. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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