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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tränenzeit

© Fruchtzwerg91


Als das Telefon an diesem Nachmittag klingelte, saß ich auf unserer neuen Couch mitten im Wohnzimmer und schaute mir Tom und Jerry an. Eigentlich bin ich ja schon zu alt, um so was zu gucken, aber die kleine, freche Maus und der fiese, aber eigentlich herzensgute Kater zogen mich immer wieder an die Flimmerkiste. Wie gesagt, ich saß dort und schaute, und ehrlich gesagt, war ich total genervt, als dieses verdammte Ding schon wieder klingelte. Konnte man denn nicht einmal seine Ruhe haben? Langsam, bloß nicht zu schnell, kroch ich müde von der Couch hoch und schlich mich zum Telefon. "Gornil", sagte ich durchaus genervt. Sekunden vergingen. "Wer ist da?" Keine Meldung. "Mann, wer ist da?" Wieder nichts. Mein Zeigefinger flog schon auf den roten Knopf, meine Gedanken waren schon längst wieder bei Tom und Jerry, da hörte ich eine Stimme. "LTU Fluggesellschaft, Guten Tag. Antje Müller am Apparat, ich rufe an, weil, ja ... weil ..." Und dann fuhr sie langsam fort und ich hörte nur noch Fetzen unseres Gespräches, oder besser des Monologes ihrerseits. "Flugzeugabsturz". "Eltern". "Es tut mir Leid". Ich realisierte noch nicht ganz, was sie versuchte mir mitzuteilen. "Und in welchem Krankenhaus liegen sie denn?", fragte ich heiser und den Tränen nahe. Nicht, dass was Schlimmes passiert war. Nach 11 Jahren waren die beiden endlich mal wieder in Urlaub gewesen. Alles hatten wir uns absparen müssen. Alles, aber es ging uns damit ganz gut. Und nun hatten sie genug Geld zusammen, um eine Woche in Mallorca zu verbringen. "Wissen Sie, Frau Gornil, es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, aber ihre Eltern sind tot. Das Flugzeug ist mit einer solch hohen Geschwindigkeit aufgeprallt - keiner hat überlebt. Es war ...", sagte Frau Müller und ihre Stimme überschlug sich, so schnell sprach sie. Es schien, als wolle sie etwas hinter sich bringen.
Der Telefonhörer prallte auf den Boden und zerbrach in all seine Einzelteile. All seine Einzelteile ... Ich starrte auf den Haufen Telefon vor mir. Wie mechanisch sammelte ich jedes Stück auf, schaute es mir genauestens an und legte es wieder auf seinen ursprünglichen Platz. Und dann schoss mir ein heißer Gedanke, eher ein heißer Stich durch den Kopf. TOD! TOD! TOD! Tod ... Quatsch, das ging gar nicht. Unmöglich- das ging jetzt doch gar nicht. Ich war mitten im Abi, brauchte dringend Unterstützung. Das konnten die doch nicht machen. Und dann kam die Wut in mir empor, sie schlich sich immer höher und irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich trat gegen den Schrank, schmiss die Gläser aus dem riesigen Schrank im Wohnzimmer, riss die Schubladen raus ... bis ich irgendwann nicht mehr konnte. Bis ich zusammenbrach und auf dem Boden landete. Bis ich dort saß und nicht mehr wusste, wie es weiter gehen sollte. Hatte ich nun Pflichten? Aufgaben zu erledigen? Freunde anrufen und ihnen diese Nachricht zu verkünden. Zur Ablenkung? Ich wusste es nicht, tat es aber auch nicht, ich legte mich stattdessen auf mein Bett und versuchte alles herauszulassen. Aber weinen konnte ich nicht. Das konnte ich noch nie. "Anständige Mädels weinen nicht!", hatte mein Paps immer gesagt. Genauso wie "Indianer kennen keinen Schmerz!". Und dann kroch sich ein ganz, ganz schlechtes Gefühl in mir hoch. Mein Magen wurde flau und ich übergab mich, immer und immer wieder. Ich legte mich hin und schlief bald darauf ein.
Die Nacht war schlecht gewesen. Verdammt schlecht. Gequält von Albträumen war ich immer wieder aufgewacht. Habe sie vor mir gesehen. Meinen Paps, wie er mich in den Arm nimmt und tröstet. Meine Ma, wie sie glücklich mit mir spielt. Wie es ihr jetzt wohl geht? Besser als auf der Erde?
Dieses Alleinsein machte mich noch trauriger als ich sowieso schon war. Vielleicht sollte ich zu meiner Oma gehen, nur für eine Zeit. Sie hatte nämlich schon mehrmals versucht, mich anzurufen. Das sah man immer auf dem Display von unserem neuen Telefon. Doch ich hatte nie abgehoben. Da wollte ich nämlich noch allein sein. Doch jetzt war ich es satt. Dann packte ich spartanisch meine Reisetasche und kratzte das letzte Geld zusammen, was ich hatte. Ich machte mich auf den Weg nach Hamburg. Mit Bus, Bahn und Zug. Mein Geld reichte gerade eben, die letzte Busfahrt musste ich blau machen. Es war ein schreckliches Gefühl unter anderen, fremden Menschen zu sein. Schrecklich. Wie die Kinder mit ihren Eltern lachten. Und fröhlich waren. Verdammt! Verdammt! Verdammt! Es durfte doch nicht wahr sein. Mist! Warum ich? ICH? Was habe ich getan? Verbrochen? Das ist so ungerecht. Warum ich?
Blausielweg 32c. Da war ich. Ob sie mich direkt erkennen würde? Ich hatte mich zwar nicht großartig verändert, aber meine Oma hatte große Probleme mit den Augen. Und mit den Ohren. Und mit ihrer künstlichen Hüfte. Aber trotzdem war sie die beste Oma, die ich mir je vorstellen könnte. Die Beste! Mein Gott, jetzt hatte ich eine halbe Weltreise auf mich genommen, um zu ihr zu kommen, doch an das schwierigste hatte ich nicht gedacht. Nämlich die Klingel zu drücken und sie zu begrüßen. Minuten stand ich dort so, manche Leute, die vorbei kamen, sahen mich misstrauend und komisch an. Und dann ging ich einen Schritt nach vorne und drückte meinen Finger auf die alte Messingklingel. Bei Oma Waltraud musste man immer mehrmals klingeln, bis sie einen hörte. Wie ich schon sagte, sie hatte es auf den Ohren. Als ich das fünfte Mal klingeln wollte, hörte ich vage Schritte. Ich hörte, wie die alte Wohnzimmertür aufging. Die wollte mein Opa noch ölen, aber da war es schon zu spät gewesen. Da hatte er schon tot im Keller gelegen. Hinterwandinfarkt. Nichts mehr zu machen. Friedlich hatte er dort gelegen. Die Augen zu und ein leichtes Schmunzeln in seinen Augen. Als ich die Treppe hinunter kam, sah ich ihn. Und dann redete er mit mir. Das waren dann wohl seine letzten Worte gewesen. Er liebte meine Oma und mich. Und seine Tochter und seinen Schwiegersohn. Doch das alles war jetzt vorbei. Und der Kloß in meinem Hals wurde dicker und dicker.
Dann öffnete sie die Tür ein Stück weit und guckte misstrauisch. "Oma, ich bin es, Charlotte." "Ach, Charlotte Kindchen, ich habe so oft versucht, dich anzurufen. Ich hab mir solche Sorgen gemacht, das kannst du dir nicht vorstellen. Jetzt komm erst mal rein und zieh dich um, du bist ja durchnässt." Stimmt, aber das war mir gar nicht so aufgefallen. Oma Waltraud ließ mich hinein und ich fühlte die wohlige Wärme und den schönen Duft, der bei Oma immer herrschte. Oma Waltraud zögerte und dann kullerten ihr die Tränen die Wange hinunter. Immer und immer mehr. Sie schluchzte laut und zog mich an sie heran. Sie umarmte mich und schluchzte immer mehr. Wie gerne, hätte ich geweint, wäre ich traurig gewesen wie sie. Wie gerne hätte ich meinen ganzen Schmerz hinaus geschrien. Aber ich konnte es nicht. Es ging einfach nicht. Wir standen dort so ungefähr fünf Minuten, dann ließ sie mich los und ihre Augen waren ganz verquollen und rot. Sie sah mich an, und riet mir, mich jetzt erst mal heiß duschen zu gehen, denn sonst würde ich noch ganz krank. Und danach würden wir sprechen. Wie es weiter ging und, und, und ... und dabei liefen ihr schon wieder die Tränen die Wangen hinunter. Ich tat es, wie sie es mir geraten hatte und zog mir meinen Schlafanzug an. Wie hatte ich eigentlich diese lange Reise zu Oma Waltraud geschafft? Jeder normale Mensch hätte geweint und geweint, hätte jemanden angerufen und wäre jetzt zu Hause und würde sich trösten lassen. Aber ich war ganz alleine zur Oma gefahren.
Nachdem ich geduscht hatte, sprachen wir tatsächlich. Zwei Stunden lang und nach allen fünf Minuten weinte Oma. Sie tat mir so Leid. Erst der Opa und dann ihre Tochter mit Mann. Wir hatten ausgemacht, dass ich zunächst einmal bei ihr wohnen blieb. Das ging allerdings nur für das Wochenende, da ich am Montag meine erste Abiturklausur schrieb. Dann musste ich wieder nach Hause und mein Onkel Klaus würde zu mir kommen. Oma wollte nicht, dass ich in einer "solch schwierigen Phase" alleine war, obwohl ich mich ohne Mühen selbst ernähren konnte, mit dem Geld, was sie mir zugesteckt hatte. Oma hatte uns in schwierigen Phasen immer ein wenig aus der Patsche geholfen, wollte aber nie etwas davon hören.
Ich legte mich ins Bett und schlief ein. Diese Nacht war genauso schlimm gewesen wie die letzte. Ich lag in Schweiß gebadet in meinem Bett, mir wurde heiß und kalt zugleich und manchmal war mir richtig übel. Gott sei Dank bekam Oma Waltraud nichts davon mit. Sie schlief friedlich.
Am nächsten Morgen schlief ich bis ungefähr neun Uhr und meine Oma hatte schon Frühstück gemacht. Wie lange hatte ich schon nicht mehr ein solch gutes Frühstück bekommen? Lecker. Genauso lecker, wie wenn Ma es gemacht hatte. Und da war er wieder, dieser Kloß, der sich mir mitten in den Hals setzte. Ohne zu fragen. Gegen 13.00Uhr klingelte das Telefon und ich nahm ab, weil meine Oma Mittagsschlaf hielt. "Angelika Hagen, Jugendamt Hannover, guten Morgen. Ich nehme an, Sie sind Charlotte Gornil?", fragte die unbekannte Stimme am Ende der Leitung. "Ja, warum?", antwortete ich zögerlich. "Nun ja, die Sache mit Ihren Eltern, wissen Sie, das tut mir wirklich sehr Leid für Sie. Ich weiß natürlich, wie Sie sich fühlen müssen. Schrecklich, schrecklich. Aber solche Dinge passieren nun mal. Na ja, weswegen ich eigentlich anrufe ... Wissen Sie, Sie sind noch nicht volljährig, gerade 17 geworden, Sie dürfen noch nicht alleine leben. Ich nehme an, Sie verweilen für den Moment bei ihrer Großmutter?", fuhr sie fort. "Ja, und hier geht es mir auch gut. Was wollen Sie von mir?", antwortete ich grimmig. Das war bestimmt so eine von den Tanten, die immer alles besser wussten. "Was ich möchte, Fräulein? Nicht in diesem Ton, ich möchte dir nämlich helfen. Deine arme Großmutter können wir auf gar keinen Fall weiter mit dir belasten. Sie ist alt und hilflos, kann sich gerade noch selbst versorgen. Steht alles in meinen Akten. Sie müssen weg dort. Sofort. Das geht so nicht mehr weiter." "Aber hier fühl ich mich wohl, hier möchte ich bleiben. Ich will nicht weg von hier. Außerdem bin ich das einzige, was meine Oma nun noch hat. Sie können mich hier doch nicht einfach wegreißen." Ich war lauter geworden und nun sah ich, wie Oma im Türrahmen stand, verzweifelt und flehend, den Tränen nahe. "Das können Sie doch nicht machen, das dürfen Sie gar nicht." "Aber natürlich darf ich das. Das Jugendamt hat nun die Verantwortung für Sie. Und da Ihre Oma nicht das Sorgerecht für Sie hat, tja ... kann sie Sie auch nicht behalten. Außerdem ist so eine Pflegefamilie viel besser für Sie. Dort können Sie wieder fühlen, was eine richtige Familie ist." Ich stockte und konnte nicht mehr. Ich hatte keine Energie mehr, mich mit ihr anzulegen. Sie saß letztendlich am längeren Hebel, das wusste ich. "Morgen früh, 10.00Uhr, es wird Sie jemand abholen. Dann werden Sie zu uns gebracht und dann Ihrer neuen Pflegefamilie vorgestellt. Also dann, bis morgen." Ich hielt das Telefon in der Hand. Ließ es nicht fallen. Ich schob es langsam wieder in die Station. Setzte mich hin und starrte es an. "Kind, was ist los? Was wollen die? Was machen die mit dir?", fragte meine Oma und wieder liefen ihr die dicken Kullertränen die Wange hinunter. "Sag schon. Was haben die vor? Es war das Jugendamt, stimmt es? Sie wollen dich mir wegnehmen?" Ich nickte und hielt den Kopf in den Händen. Wie Recht sie doch hatte. Und dann erzählte ich alles. Und sie setzte sich auf ihr Bett und begann zu weinen. Ich wusste genau, das ich mich nicht wehren konnte gegen diese Frau Hagen, die angeblich alles besser zu wissen wusste als ich. Komisch nur, dass ich mit meinen Eltern zusammen gelebt hatte und sie geliebt hatte und nicht sie. Diese dumme Kuh. Aber es brachte nichts sich unnütz aufzuregen. Morgen würde ich abgeholt werden und meiner "neuen Familie" wie ein Stück Fleisch, was abgelaufen war, vorgestellt werden. Allein die Vorstellung machte mich wütend und traurig. Ich tröstete meine Oma und ich konnte nicht weinen. Wie immer, dabei wollte ich so gerne alles herauslassen. Es ging nicht.
Am nächsten Morgen.
Der Abschied stand an. Der Kerl, der mich abholen sollte, konnte jede Minute kommen. Und dann klingelte es auch schon. Meine Oma weinte schon den ganzen Morgen. Warum? Warum musste es mir, ausgerechnet mir passieren? Von einem Tag auf den anderen war meine ganze heile Welt zusammengebrochen. Und es war verdammt schnell gegangen. Drei Tage waren vergangen, als ich die Nachricht bekommen hatte. Ich ging zur Tür und verabschiedete mich von meiner Oma. Sie drückte mich sehr fest an sich heran und flüsterte mir ins Ohr, ob wir uns je wieder sehen würden. Doch das wusste ich auch nicht.
Ich stieg in jenes Auto ein, was mich in meine Zukunft bringen sollte. Ich wusste, es wird eine traurige Zukunft. Aber es wird eine. Und ich drehte mich um und sah wie meine Oma dort stand und weinte.
Und ich sah meine Hand an der Autoscheibe, wie sie verzweifelt versuchte, zu winken. Dann lief mir eine Träne die Wange hinunter.



Eingereicht am 21. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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