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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als schwarzes Schaf geboren

© Micheline Holweck


Eigentlich blöke ich genau gleich, wie meine Geschwister. Auch grase ich auf der Weide, wie alle anderen Schafe es machen. Sowohl der Hirt, wie auch sein Hund, behandeln mich gut. Sie machen keinen Unterschied zwischen mir und den anderen Herdenmitgliedern. Doch meine Herde lässt mich immer wieder spüren, dass ich anders bin als sie, dass ich ein schwarzes Lockenfell habe und somit aus der Reihe tanze. Ich kann mir nicht erklären, warum meine Wolle schwarz ist, doch ehrlich gesagt, scheint mir das auch nicht wichtig. Wenn Menschen mich sehen, zwischen meinen weißwolligen Kameraden, zeigen sie mit ausgestrecktem Finger auf mich und die kleinen Kinder jauchzen vor Freude. Dies tut meiner Schafsseele gut, denn anscheinend kann etwas, das andere verabscheuen, auch Freude und Entzücken auslösen. Oder ist es Neid und Eifersucht, was die weißen Artgenossen zu ihrem Tun und Handeln zwingt? Gerade nach einer solch beglückenden Begegnung mit Menschen reagieren die anderen der Herde sehr merkwürdig und stoßen mich noch mehr aus. Sie tun so, als hätte ich ihnen etwas zu Leide getan, obwohl ich mir ja umso mehr Mühe gebe, es allen recht zu machen. Mit Vergnügen halte ich auch einmal ein gutes Kräutchen meinen Verwandten zu und freue mich für sie, wenn sie ein speziell saftiges Stück Wiese für sich gefunden haben. Zugegeben, auch ich habe manchmal schlechte Laune, zum Beispiel wenn es tagelang regnet. Doch grundsätzlich bin ich eine Frohnatur. Hat mich meine Herde wieder einmal verstoßen und sitze ich ganz alleine unter einem Baum, dann gehen mir schon viele Gedanken durch den Kopf. Ich frage mich, ob ich wirklich einen solchen schlechten Charakter habe, wie die anderen mir zu verstehen geben. Oder ob sie einfach neidisch sind, dass sie alle gleich aussehen? So einsam ich mich manchmal fühle, so stolz bin ich doch auch, speziell zu sein.
Einmal habe ich mich im weißen Staub gewälzt, und ich sah für einen Moment lang aus, wie meine Geschwister. Doch bald darauf kam der Regen und wusch meine schwarzen Locken wieder sauber. Nach der ersten Schur hoffte ich, dass mir nun weiße Wolle nachwächst. Es war aber nur ein Wunschtraum. Nun habe ich mich damit abgefunden, das schwarze Schaf der Herde zu sein. Und seit ich das akzeptieren kann, lebe ich besser als je zuvor. Denn es spielt für ein schwarzes Schaf überhaupt keine Rolle, ob es sich nett oder unanständig benimmt, die ihm zugewiesene Rolle hat es auf Lebzeiten. Ich gehöre nie richtig zu den anderen, egal wie viel Mühe ich mir gebe. Und ich verrate dir, dass ich mir nun ab und zu ein Späßchen erlaube. Ich meine, nichts Schlimmes, nur ein paar Neckereien. Die anderen in der Herde regen sich dann immer so toll auf und blöken ganz wild. Vor dem Einschlafen denke ich oft über mein Schafsleben nach und komme immer wieder zum selben Schluss; dass ich ganz gern ein schwarzes Schaf bin. Määäääh!



Eingereicht am 21. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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