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Die Ballade von Lupo und den sieben Zicken

© Simon Klages


Es waren einmal sieben Zicken, die lebten in einem reichen Haus. Sie besaßen einen Riesenberg an Schmuck und teure Krokodilslederhandtaschen, siebenhundert Kleider - jede von ihnen - und in High Society Kreisen kannten sie sich bestens aus.
Aber immer waren sie am Zicken.
Eines Tages sagte die Mutter: "Ich muss für ein paar Tage geschäftlich nach Tokio. Lasst Onkel Tom den Haushalt nicht ganz alleine machen und schaut nicht zu viel fern. Und merkt euch: Party ist nicht!"
Damit war sie außer Sicht.
Lasst sie meckern, die alte Ziege, dachten sich die Zicken. Onkel Tom hatte nichts zu melden; Fernseher an, geschminkt, Haare gestylt, Lippenstift drauf und ran ans Telefon- und dann, Minuten später, ließen sich bereits die ersten Gäste blicken.
Bald war es die ganze Freundesriege.
Den Lärm, den eine solche Fete verursacht, kann sich jeder leicht ausmalen. Noch fern, nicht nur in nächster Nachbarschaft, waren die Leute empört. Das Ehepaar Graumann beispielsweise erlitt wahre Höllenqualen, und schickte seinen Sohn, Lupo, um zu melden, dass es stört.
Eine der Zicken öffnete ihm die Tür: "Mensch Lupo, vergiss doch die Alten, das sind doch Spießer. Mach dich locker und komm rein. Möchtest du einen Drink?"
Lupo verstand den Wink.
Die Party im Haus - man konnte sie schon fast als Orgie beschreiben. Es mochten zwei Dutzend Gäste sein, die sich zur dröhnenden Musik - viele von ihnen im Engtanz - bewegten, der Alkohol floss in Strömen, und es war ein wahrhaft zügelloses Treiben. Lupo kam aus dem Staunen nicht heraus.
Angesichts der, nach einem guten Glas, durchaus reizvollen Frauen, vergaß er, der ohnehin schnell vergaß, bald die eigentliche Mission. Vor allem die Zicken fand er nett anzuschauen, und Lupo, noch jung, triebhaft und voller Tatendrang verspürte eine gewisse Passion.
So meinte er nach dem zwölften Bier: "He, ihr, ihr Zicken, ich würde gerne f…….." (Anmerkung: Das bewusste Wort wurde in Form eines widerwärtigen Rülpsers verschluckt)
Dieser wüste Trieb, jene dreiste Provokation, erregte selbst bei den Zicken Scham. Die eine sprang unter den Tisch, die zweite versteckte sich im Schrank, die dritte lief in die Küche, und die anderen kühlten die Gesichter - der Schamesröte wegen - unter dem Wasserhahn.
Nur die siebte blieb.
Sie sagte: "Lupo, das ist eklig. Und außerdem: Ich und meine Schwestern sind nicht so einfach zu rumzukriegen. Wir haben Klasse. Und wer bist du überhaupt? Ein schnöder Nachbarsjunge? Ein Mann muss etwas zu bieten haben. Er braucht das gewisse Etwas."
Sie machte Lupo ziemlich nass.
Dann nahm er ihre Hand in seine; er streichelte sie sanft und sprach zu ihr mit Honigstimme. Doch die Zicke blieb zickig. Sie meinte bevor dieser Bengel nicht beweise, dass er ein Mann sei, könne er's vergessen, und so kletterte Lupo auf die Regenrinne.
Das ganze ohne Leine.
Ein akrobatischer Akt, den er da vollführte, als er völlig blau, und noch dazu nackt, auf der Rinne balancierte- wie ein Artist geradezu. Doch dann, wie zu erwarten war, noch dazu ohne feste Schuh, rutschte er aus, stürzte mit einem lauten Platschen auf die Erde und schrie laut "Au!"
In dem Moment kam Vater Graumann: "Lupo, was geht hier vor? Hatte ich nicht gesagt, du solltest hier für Ruhe sorgen. Aber … du bist ja splitternackt! Und total voll! Was zur Hölle treibst du da bloß?"
Die Scham war grenzenlos.
Und die Moral von der Geschicht'? Ich könnte mich täuschen, aber ich glaube es gibt sie nicht. Oder vielleicht ist es Spaß? Eins jedenfalls ist ersichtlich: Jeder Wolf sucht 'nen Schenkel. Eine Ziege, aber, frisst lieber Zucker als Gras.



Eingereicht am 21. Oktober 2005.
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