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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Schuldgefühle

© Simon Klages


Das Zittern, der Schüttelfrost, die Schweißausbrüche, der ständige Wechsel zwischen Hitze und Kälte- die Symptome kennt Anton Kesselmann, fürchtet sie. Er hat Angst vor den hervorquellenden Pupillen, dem kieferverrenkenden Gähnen, dem Erbrechen, den Wahnvorstellungen - Angst, dass sich das Schattendasein hinter der Maske der Illusion wieder in eine unerträgliche Wirklichkeit verwandelt, das Gespenst des Exzesses sich seiner bemächtigt, seinen Körper malträtiert, über seine müde Seele hereinbricht und in seinem schier unendlich hohnvollen Spott verkündet: "Und hier ist sie wieder; die Strafe dafür, dass du es nicht besser wusstest, die Strafe für deine Erbärmlichkeit, die dich daran hindert mir zu entkommen."
Schauplatz des Ereignisses ist die Eppendorfer Landstraße, die beliebte Einkaufsmeile in Hamburgs Nordstadt. Die grelle Mittagssonne taucht den vom morgendlichen Regen nassen Asphalt in ein gleißendes Licht und blitzt auf in den hunderten Ladenfenstern. Die Luft ist feucht und für den März herrscht eine ungewöhnliche Hitze.
Dort geht Martha Struwe, die durch nichts auf das vorbereitet ist, was ihr heute widerfahren wird. Eben noch hat die rüstige Rentnerin auf ihrem Einkaufsbummel in der Douglas gestöbert, zwei Parfümfläschchen und eine Hautcreme erstanden, einen Plausch mit der Verkäuferin gehalten. Den wirren Blick des zierlichen Mannes vor dem Ladenfenster, der sie unablässig beobachtet, unverwandt ihre locker über die Schulter gehängte Handtasche ins Visier genommen hatte- diesen Blick hatte sie nicht bemerkt. Und sie merkt es auch nicht, wie der Mann und sein Blick ihr folgen, nun da sie das Geschäft verlassen hat und ahnungslos in Richtung der noblen Erikastraße schlendert, in der sie das Parterre eines hübschen Altbaus bewohnt.
Stehlen also ... Viel Überwindung kostet es ihn nicht mehr. Dabei hatte Anton Kesselmann über zwanzig Jahre seines Lebens nie ernsthaft daran gedacht irgendwann einmal zum Dieb zu werden. Gerne bezeichnete er sich als Moralisten, früher jedenfalls, als er noch meinte dieses Leben im Griff zu haben. Doch warum selbst Moral zeigen, wenn das persönliche Schicksal sie verachtete? Mit Abscheu erinnert er sich an das muffige dunkle Zimmer, das Gesteck, die Zitronenscheiben und an Katharinas Worte. "Probier das mal, damit wird alles besser", hatte sie geflüstert. Warum, warum in aller Welt war er auch darauf eingegangen, er der aus "gutem Hause" stammte, eine feste Anstellung und Freundin hatte und eigentlich glücklich sein sollte? Vielleicht weil er nicht glücklich war...
Martha Struwe fühlt sich am Arm gepackt, spürt wie ihr die Tasche von der Schulter gerissen wird. Dann sieht sie den Täter- besser; seinen Rücken. Ein schmaler Rücken, getragen von schwächlichen dürren Beinen, die sich rennend in Richtung des Eppendorfer Baums bewegen. Aber, kann man das überhaupt als Rennen bezeichnen? Humpeln wäre wohl die treffendere Bezeichnung.
Eine solche Unverfrorenheit lässt sich Frau Struwe nicht bieten. Sie ruft um Hilfe, schreit "der Typ hat meine Tasche" - doch nicht allein das: Wozu das wöchentliche Tennistraining? Sie nimmt die Verfolgung persönlich auf, und wahrscheinlich muss sie es, denn die wenigen Passanten machen keine Anstalten ihr zu helfen. Für ihre einundachtzig Jahre wirkt sie nahezu unnatürlich fit. Sie läuft dem fast fünfzig Jahre jüngeren Burschen hinterher, vorbei an Budnikowsky, Europa Eis und der Klosterhofpassage, bis er, der mit seinen Kräften am Ende scheint, keinen Ausweg mehr sieht und sich zu Schlecker, ins Drogeriegeschäft flüchtet.
"Hier ist ein Dieb im Laden", ruft Frau Struwe der Kassiererin zu. "Verschließen sie die Türen. Rufen sie die Polizei."
Das harte Zupacken der Hände, die ihm den Arm auf den Rücken drehen, die Stöße der beiden Polizisten, um ihn voranzutreiben; alles nimmt Kesselmann wie durch einen Schleier wahr. Wie hatte er sich die Aktion nur gedacht? Weit und breit nichts als Geschäfte, keine Fluchtwege, keine Möglichkeit unterzutauchen. Und das bei der Schwüle und in seinem Zustand. Es muss der spontane, verführende Eindruck gewesen sein- die alte Frau, das gefüllte Portemonnaie in der Tasche… Doch als er an Frau Struwe vorbei geführt wird und in das alte großmütterliche Gesicht blickt, ist es, als ob der Schleier für einen kurzen Moment gelüftet würde. Ein schwaches Gefühl einer fernen, wohl in die Kindheit reichenden Vergangenheit steigt in ihm auf, in der Hoffnung und Lebensmut und Respekt eine Berechtigung hatten.
"Ich … es tut mir Leid", sagt er. "Glauben Sie mir, ich bin nicht so."
Dann wird er abgeführt.
"Frau Struwe (81) stellt Dieb (26)" lautet die Überschrift des Artikels, der mit Bild und in großer Aufmachung am nächsten Tag in der Zeitung erscheint. In spannungsgeladener journalistischer Manier wird erläutert, wie sich "die Dame mit dem silbergrauen Haar und dem hellwachen Blick an die Fersen des Täters heftete", ihn "trotz seiner verzweifelten Gegenwehr schließlich gemeinsam mit Schleckerverkäuferin Jutta Siegmund überwältigte." Martha Struwes Zivilcourage wird gelobt, "Ihr mutiges Eingreifen sollte jungen Menschen zum Vorbild dienen" erklärt Polizeikommissar Ulf Behrens.
Das Schlusswort aber hat die Heldin des Tages:
"Wissen Sie, nachdem der Tumult sich gelegt hatte, sah ich ihn erstmals von vorn, seine kaputten Schuhe, seine ärmliche Kleidung. Er sah schlimm aus, verwahrlost und auch irgendwie krank. Da tat es mir fast Leid, dass ich hinterhergelaufen bin. Er ist ja so alt wie mein Enkel, Mitte zwanzig, wie ich gehört habe. Wenn ich daran denke, bin ich sehr dankbar, dass es so etwas nicht bei uns gibt. Probleme mit Drogen meine ich."



Eingereicht am 21. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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