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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Blindes Verständnis

© Ingo Karwath


Mike und Stuart, den alle nur Stu nannten, schlugen das Verdeck ihres altersschwachen, türkisfarbenen Chevy zurück und schwangen sich hinein. Dann machten sie sich auf den langen Weg von Texas nach Kalifornien, um ihrem Vetter Dan einen unangekündigten Besuch abzustatten. Die beiden Brüder machten stets alles gemeinsam, egal, ob auf der heimischen Ranch, in der Kneipe oder beim Rodeo. Sie galten als die netten Jungs von nebenan, gute Nachbarn, die zupacken konnten und eine ordentliche Ladung Bier und Steaks vertrugen. Richtige Texaner eben. Sie hatten die Dreißig bereits hinter sich, waren unverheiratet und galten als gefürchtetes Duo bei Pokerrunden und Kneipenschlägereien. Während Stu, der kleine, bärbeißige Typ, einen schwarzen Vollbart um sein breites Grinsen trug, musste der eher staksige, hoch aufgeschossene Mike aufpassen, dass ihm der Fahrtwind nicht die letzten dünnen blonden Haare vom schütteren Haupt blies.
Sie hatten weder eine Tasche noch sonstiges Gepäck dabei, nur das, was sie auf dem Leib trugen: karierte Hemden, Jeans und Cowboystiefel. Offenbar wollten sie nicht lange bleiben. An der ersten Tankstelle, dem einzigen Fleck Leben weit und breit, hielten sie an und orderten mehrere Six packs Bier. Reichen würden die nicht bis Kalifornien, aber es gab unterwegs ja noch genügend Tankstellen, an denen sie gut gekühlten Nachschub ordern konnten.
Stu schob seinen Stetson in den Nacken und wischte sich mit dem Halstuch über die feuchte Stirn. Dann packte er zwei Büchsen, warf eine Mike zu und öffnete seine. Zischend sprudelte Bierschaum aus der schmalen Öffnung.
"Cheers!"
"Leck mich!"
Die Brüder schwangen sich zurück in ihren voll getankten Wagen und Mike gab Gas.
"Die blöde Sau!"
"Was denkt er sich nur dabei? Ist der bescheuert, oder was?"
"Intellektuellengeschwafel!"
"Studentenkacke …"
"Pisst der den Alten an."
Sie schüttelten die Köpfe, tranken und beruhigten sich wieder. Die Fahrt war noch lang.
"Scheiße, dass der Alte tot ist."
"Was soll's? Müssen wir eben den Laden alleine schmeißen."
"Hätte er dem Bullen nicht ausweichen können?"
"Früher vielleicht, Mike", Stu grinste dämlich, "er war doch der Champ und wusste immer alles besser."
"Hier Jungs, da Jungs, so geht das, Jungs", äffte Mike den Alten nach.
"Das hat er jetzt davon."
Sie fuhren schweigend weiter. Der Highway durch die Plains schien endlos, auf dem schwarzen Band kam ihnen stundenlang kein einziges Fahrzeug, kein einziger Mensch entgegen. Links und rechts gähnte staubtrockene Wüstenei. Stunden später, nachdem es längst dunkel geworden war, hielten sie in einem winzigen Kaff und mieteten sich ein Zimmer im einzigen Motel am Ort.
Am nächsten Morgen bestellten sie große Portionen Rührei mit Schinken, gebratene Würstchen und kübelweise dünnen Kaffee. Anschließend machten sie sich wieder auf den Weg.
"Die Beerdigung war schön."
"Was meinst du mit schön? Mann, was ist schön an einer Beerdigung?"
"Nun, sie war schön …, angemessen."
"Bist du blöde, Bruder? Du meinst ergreifend."
"Oder so, zumindest hat es mir das Herz zugeschnürt."
"Quatsch, der Alte war doch eine blöde Sau. Sei froh, dass er tot ist."
"Stu!"
"Was?"
"So redet man nicht über einen Toten!"
"Wie denn? Wie der Pfarrer, der einen Heiligen aus ihm machen wollte?"
"Dad sollte ihn Frieden ruhen."
"Lassen wir ihn doch …"
"Nur der Studentenarsch musste sich lustig über ihn machen."
"Genau. Dafür gibt es eine auf die Fresse."
"Zwei." Mike grinste wieder. "Prost, Stu!"
"Prost, Mike!"
Kalifornien kam näher, die Trucks und Verkehrsschilder wurden häufiger. Mike behauptete, er könne sogar schon das Meer riechen. Stu sah skeptisch zu seinem Bruder hinüber und schüttelte den Kopf.
"Dein langer Zinken riecht wohl alles?"
"Pass auf!"
"Was denn?"
"Da, das Schild. Rechts ab!"
"Ich fahr ja schon, Mann …"
Nach weiteren zwei Meilen über eine staubige Landstraße erreichten sie den kleinen Ort und suchten nach Straßenschildern.
"Verdammt, hier muss es irgendwo sein …"
Sie fuhren die Hauptstraße entlang und ließen den alten Schlitten langsam an den Nebenstraßen vorbei gleiten. "Lincoln Lane, Lincoln Lane, Lincoln Lane …?"
Lange her, als sie das letzte Mal hier gewesen waren, wohl nicht mehr seit Onkel Johns Tod.
"Da ist die Einfahrt, ich erkenne sie wieder!"
Sie bogen von der Piste ab, mussten aber noch ein ganzes Stück fahren, ehe sie das kleine Grundstück mit dem typischen Vororthaus abseits der restlichen Siedlung fanden. Der gepflegte, kleinbürgerliche Eindruck ließ Stu laut durch die Nase schnaufen.
"Städter!", fauchte er verächtlich durch seine großen Schneidezähne, "drei Gurken und fünf Tomaten, sonst nichts."
Mike hupte, doch nichts tat sich. Beide stiegen aus und schlurften die Treppe zur Holzveranda hoch. Stu hämmerte mehrfach mit der Faust gegen die Tür. "Dan!"
Von drinnen waren Geräusche zu hören. Laut polternd fiel etwas um, dann knarrten Dielen, und endlich wurde die Verandatür geöffnet. Im Rahmen stand ein etwa gleichaltriger schlanker, sommersprossiger Bursche in Unterhemd und Hosen mit heruntergelassenen Hosenträgern, der verschlafen durch seine Nickelbrille blinzelte. Stu drehte sich grinsend zu seinem Bruder um, als wolle er sagen: Sieh ihn dir an, diesen faulen Studenten.
"Stu, Mike? Was macht ihr denn hier?"
"Wir wollten zu dir."
"Zu mir? Worum geht's denn?"
"Nun, unser Vater, dein Onkel, ist tot …"
"Ich weiß, mein herzliches Beileid … ich konnte nicht kommen, die Prüfungen."
"Schon gut, hast uns ja geschrieben, Dan."
Mike schaltete sich ein: "Aber nichts Nettes, Cousin."
"Was?" Dan versuchte, sein Hemd in die Hose zu stecken und die Hosenträger darüber zu ziehen. "Wollt ihr nicht auf einen Kaffee reinkommen?"
"Nein", entschied Stu, "bring mal drei Bier, Mike."
Mike ging zum Wagen, holte die Büchsen und gab jedem eine. Nachdem sie angestoßen und getrunken hatten, rülpste Stu laut und wiederholte Mikes Ansage: "Das war nicht nett, Cousin."
"Was denn, verdammt?"
"Fluche nicht! Du hast so einen blöden Studentenspruch auf die Trauerkarte geschrieben."
"So 'nen intellektuellen Scheiß", vervollständigte Mike.
"Das hat uns tierisch aufgebracht …"
"Was?"
"… unsern Alten so zu verhöhnen."
Dan sah die beiden immer verständnisloser an, doch dann begriff er: "Ach so, ihr meint den Spruch auf der Karte?"
"Genau den."
"Das war doch keine Beleidigung", lachte Dan auf, "ich würde nie und nimmer meinen verstorbenen Onkel Brad verhöhnen."
"Was war es dann? Wolltest du uns verarschen?"
"Das ist ein Kondolenzspruch."
"Ein was?"
"Ein Kondolenzspruch, der den Respekt …"
"Noch nie gehört. So ein Schwachsinn!"
"Der Spruch ist sogar berühmt, er steht auf dem Grabstein von Oscar Wilde."
"Von wem?"
"Oscar Wilde."
Die beiden Brüder sahen sich ratlos an. Wollte der sie schon wieder verarschen?
Dan folgte dem Blick und fuhr erklärend fort: "Das ist … das war ein englischer Dichter."
"Sagte ich doch: intellektueller Scheiß."
"Nein, es ist durchaus üblich, mit Zitaten oder Sprüchen berühmter Leute zu kondolieren."
Wieder sahen sich die Brüder vielsagend an. "Dan, du warst schon immer der schlauere von uns, aber wie schon dein Dad nicht der erfolgreichere." Stu blickte sich demonstrativ um. "Unser Alter war cleverer als sein Bruder und hat die Ranch geerbt."
"Die alten Geschichten interessieren mich nicht, ich mochte Onkel Brad. Außerdem tauge ich so wenig für die Landwirtschaft wie mein Vater."
"Das wissen wir …" Mike grinste und zwinkerte seinem Bruder zu.
Sie tranken wieder. "Dann war es also keine Beleidigung?", hakte Stu nach und stemmte fragend beide Arme in die Hüften.
"Nein!"
"O.k. Dan, ich denke, damit ist die Sache erledigt." Stu gab seinem Cousin die Hand und wandte sich an Mike: "Wir sollten zurückfahren, ehe es dunkel wird."
"Wollt ihr nicht hier übernachten?"
"Danke, nein, die Rinder warten."
Die Brüder gingen zum Wagen zurück, und Mike stieg auf der Beifahrerseite ein. Stu zögerte noch und griff dann mit einer raschen Bewegung ins Handschuhfach. Er wandte sich mit einem Ruck in Richtung Veranda, zielte und schoss. Dan stürzte kopfüber nach vorn und blieb auf der Holztreppe liegen.
Stu ging einen Schritt näher, stieß mit der linken Stiefelspitze vorsichtig an die Schulter des Liegenden und murmelte: "Der ist hin."
Mike saß bleich im Wagen, als Stu einstieg und den Revolver wütend zurück ins Handschuhfach schleuderte.
"Warum hast du das getan, Bruder?"
"Weil die blöde Sau uns noch ausgelacht hat."
"Hast du nicht selber gesagt, dass wieder alles o.k. sei?"
"Taktik, Mike. Außerdem fahre ich doch die lange Strecke nicht für umsonst."
"Der blöde Arsch, das hat er jetzt davon."
Stu startete den Wagen und fuhr mit knirschenden Reifen los. Hinten, im Fond, rollten scheppernd die leeren Bierbüchsen durcheinander. Sie würden unterwegs eine neue Ladung kaufen müssen.
Eine Woche später fand die Beerdigung für Dan statt. Direkt hinter dem Sarg liefen seine Frau, die beiden Kinder und Dans Mutter. In den verkrampften Händen hielt die alte Frau eine Trauerkarte von Mike und Stu, die unlängst ihren Vater beerdigt hatten. Beide bedauerten, nicht persönlich zur Trauerfeier kommen zu können, da sie sich jetzt ganz allein um die große Rinderherde kümmern mussten.
Aber was für eine anrührende Kondolenzkarte! Die Vettern hatten es sich trotz ihrer einfachen Art nicht nehmen lassen, sie mit einer Widmung zu versehen. Die netten Jungs! Es war schon beschlossene Sache, ihren feinen Spruch von Oscar Wildes Grabstein auch auf Dans Granitkreuz meißeln zu lassen.



Eingereicht am 14. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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