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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Spuren des Lebens - so vergänglich?

© Fruchtzwerg91


Sie war müde und fühlte sich schrecklich. Sie wusste weder wo sie sich befand, noch was passiert war. Es war still. Vielleicht aber war sie die Stille auch nicht gewöhnt, weil ihr Leben aus Abenteuern bestanden hatte. Nicht dass es immer einfach gewesen wäre, aber aufregend war es immer gewesen.
Nachdem sie ihr Abitur mit Bravour bestanden hatte, beschloss sie, aus ihrem Alltagstrott zu flüchten. Sie hatte es satt, jeden Tag das gleiche zu tun. Aufzustehen, mit dem Gedanken, dass der ihr bevorstehende Tag langweilig und trist werden würde.
Zunächst verbrachte sie ein Jahr im Ausland und arbeitete in einer Institution für aidskranke Kinder, was sie sehr nachdenklich machte. Das nächste halbe Jahr verbrachte sie zu Hause, um sich auf einen zweimonatigen Aufenthalt in Guatemala vorzubereiten, den sie sich schon lange gewünscht hatte. Fortan öffnete sie sich immer mehr und wurde immer hilfsbereiter, war zu allem bereit, was das Leben ihr schenkte. Was sie heute dachte, konnte morgen schon längst Vergangenheit sein.
Ihr Leben war erfüllt, sie hatte alles um sich, was sie liebte und mochte. Einen liebenswerten Freund, der sie in allem unterstützte, was sie tat, verständnisvolle, liebende Eltern.
Doch an das alles konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nun lag sie dort, öffnete langsam die Augen. Alles war verschwommen, es brauchte ein paar Minuten, bis sie ihre Umgebung deutlich wahrnehmen konnte. Zunächst betrachtete sie ruhig die Gardinen. Rot, gelb, blau, weiß. Rot, gelb, blau … Ihr Muster war regelmäßig. Langsam sah sie sich um, von der einen Wand zur anderen. Alles war steril und weiß. Ihre Blicke wanderten vom Fenster bis zur Tür und zurück. Erst dann fielen ihre Blicke auf ihren eigenen Körper. Eigentlich hatte sie keine Schmerzen, ein bisschen müde war sie, ja sie war müde! Mehr auch nicht, warum lag sie dann dort?
Langsam stieg Panik in ihr auf. Das Gefühl der Unruhe überwog das Gefühl der Angst. Was war passiert? Weitere Gedanken waren ihr verwehrt, weil just in diesem Moment eine Frau die Tür öffnete. Mitte 30, gut aussehend, weißer Kittel. Sie bewegte sich mit großen Schritten, erzählte, während sie das Nebenbett zu Recht rückte: "Ja … nun, ja …, der Oberarzt schickte mich, um nach Ihnen zu schauen. Schön, dass sie aufgewacht sind. Hat ja auch schließlich lange genug gedauert!" Sie lächelte freundlich. "Ich nehme an, Sie wissen, was passiert ist? Also, da muss Sie ja ein riesiger Schutzengel begleitet haben, an diesem Tag können Sie ihren zweiten Geburtstag feiern. Morgen wird Herr Meyer, der Oberarzt, noch mal nach Ihnen schauen. Zwei, drei Tage müssen Sie aber noch im Krankenhaus bleiben."
Mit diesen Worten verschwand die nette Dame auch schon im Türrahmen.
Doch wie nett die Krankenschwester auch gesprochen hatte, ihre Patientin hatte nicht viel davon verstanden. Sie wussten weder, was passiert war, noch warum sie an diesem besagten Tag ihren zweiten Geburtstag feiern könnte. Es war, als spräche die Frau in einer anderen Sprache.
Irgendetwas musste geschehen sein. Irgendetwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Ein Unfall? Unfall?? Ihre Kehle war trocken und ihr Herz pochte ihr bis zum Hals. Erst jetzt verstand sie langsam: sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Gehörte nicht zu jedem Leben, egal wie kurz es war, eine kleine Geschichte. Eine Erinnerung? Eine Spur??
Mit ihren Gedanken, der Verzweiflung im Kopf schlief sie ein …
Am nächsten Morgen.
Als sie aufgewacht war, stand ein Arzt vor ihr. Er beugte sich über sie, prüfte die Geräte, an die sie immer noch angeschlossen war. Sie piepten in einem Rhythmus. Auf dem Schild des Arztes stand Ulrich Meyer. Ein gewöhnlicher Name. Während er sich über ihr Bett beugte, fing er an zu reden: "Guten Morgen. Meyer mein Name. Haben Sie noch irgendwelche Schmerzen?" Fragend schaute er sie an. Sie öffnete ihren Mund: "Ne- Nein, eigentlich nicht." Sie fragte sich, ob sie ihm etwas über ihr Problem erzählen sollte. Sollte sie ihm erzählen, dass sie sich an nichts mehr erinnern konnte? Oder war das ganz normal? "Aber, nun ja, ich hab da mal eine Frage. Also, ist es eigentlich normal, dass man sich nach, so einem, na ja, Unfall, an nichts erinnern kann?" Der Arzt guckte sie verwundert an. Sie meinte, Angst in seinen Augen zu erkennen. Er geriet ins Stocken: "Wir werden Ihre Beschwerde sofort behandeln. Wir werden herausfinden, ob Ihr Gehirn etwas mitbekommen hat." Mit diesen Worten verließ er dann auch schon das Zimmer, als wenn er die Flucht ergreifen wollte.
Wenn selbst der Arzt bei einer solchen Frage nervös wurde, was war dann die Antwort auf die Frage. Sollte ein Arzt nicht normalerweise Sicherheit vermitteln? Sie machte sich Gedanken über Gedanken, aber solange sie sich nicht erinnern konnte, machten ihre Gedanken keinen Sinn …
In der nächsten halben Stunde kamen viele verschiedene Ärzte in ihr Zimmer, meinten sie ausfragen zu müssen - brav beantwortete sie alles. Aber auf einmal ging alles sehr schnell, ihr Bett wurde in ein anderes Zimmer, einem Behandlungszimmer, geschoben.
Sämtliche Untersuchungen wurden durchgeführt, sie musste sich bis auf den Brustkorb entkleiden und wurde letztendlich in eine Röhre gesteckt. Die Ärzte erklärten, dass es sich hier um eine Computertomographie handelte. Mit jeder neuen Untersuchung wurden die Ärzte und auch sie nervöser und hektischer.
Als sie nach etlichen Untersuchungen endlich wieder in ihr Zimmer geschoben wurde, wartete dort, eine ihr fremde Person auf sie. Der Mann stürzte sich auf sie, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und betätschelte sie im Gesicht. Er redete Dinge, die sie überhaupt nicht verstand, akustisch natürlich schon, aber vom Sinn her nicht. Die Person redete sie mit Lena an, ein ihr völlig fremder Name. Die Person war ihr Freund, er hieß Kai. Noch nie gehört! Lena runzelte die Stirn und guckte Kai unsicher an. Was sollte sie tun? Wer war es? - Der Arzt betrat das Zimmer. Er sah sehr besorgt aus und zog Kai zu sich, flüsterte hinter vorgehaltener Hand etwas in Kais Ohr. Kai schien sehr bestürzt zu sein. Tränen stiegen in seine Augen. Verzweifelt guckte er in Lenas Richtung.
Der Arzt trat zu Lenas Bett.
-Amnesie!-



Eingereicht am 14. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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