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Ein olympischer Gedanke

© Ingo Karwath


Der Schnee unter meinen Skiern knirschte. Ich atmete stoßweise, keuchte. Mein Puls raste, die kalte Luft biss auf der Haut und stach mir in die Lunge. Jede Faser meiner Muskeln schmerzte. Aber ich hatte ein Ziel vor Augen: Ich wollte endlich Olympiasieger werden. Zweimal schon hatten mir Krankheiten und Verletzungen einen Strich durch die Rechnung gemacht, diesmal musste es klappen. Ich träumte von der Siegerehrung, den Feiern zu Hause. Danach wollte ich abtreten, danach konnte ich abtreten, denn ein Olympiasieger hatte das Höchste erreicht, ihm standen alle Türen offen. Diesem einen Gedanken ordnete ich alles unter. Er war auch der Grund, warum ich, wie jetzt, im Hochgebirge Trainingskilometer um Trainingkilometer im Wettkampftempo absolvierte. Für eine Familie, für Freundschaften fehlte mir die Zeit. Zumindest sahen das Gabi und meine alten Kumpels so. Sie sagten, ich sei ein Verrückter, der nur Training, Wettkämpfe und Hotelzimmer in seinem sturen Schädel hätte.
Meine Ambitionen besaßen durchaus ihre Berechtigungen, zählt die Welt mich doch zu den weltbesten Sportlern in der Nordischen Kombination, dieser fantastischen Verbindung von Skispringen und Langlauf. In den vergangenen Jahren war ich zweimal Weltmeister geworden und hatte dreimal den Gesamtweltcup gewonnen. Doch ich besaß einen großen Kontrahenten, Sampo Lajunen aus Finnland. Er war mindestens genauso stark wie ich, hatte ebenfalls mehrfach den Weltcup gewonnen und war Doppelweltmeister geworden. Auch in diesem Jahr führte er wieder den Gesamtweltcup mit mehreren Triumphen an und würde ihn sicher gewinnen. Doch uns beiden fehlte ein Sieg in der Sammlung: der Olympiasieg. Der Finne brannte ähnlich heiß darauf. Diese Spiele würden unsere letzte Chance sein, das nächste Mal waren wir zu alt. Schon jetzt drängten die Jungen nach und machten uns das Leben schwer. In vier Jahren gab es für uns keine Möglichkeit zum Sieg mehr.
Ich war immer der bessere Springer, Lajunen der stärkere Läufer gewesen. Er hatte mich oft noch in der Loipe abgefangen. Oft bestand meine einzige Chance nur darin, das Springen mit großem Vorsprung vor dem Finnen zu gewinnen. Aber diesmal wollte ich es nicht allein der Schanze überlassen, zu häufig spielte der unberechenbare Wind eine entscheidende Rolle. Deshalb hatte ich die ersten Saisonmonate genutzt, um wie ein Besessener meine Langlauftechnik zu verbessern. Ich galt in der Szene als Frühstarter und besaß jedes Jahr eine überragende Frühform, die später, zum Ende hin, stark nachließ. Doch das hatte die ersten Jahre immer gereicht, um den Gesamtweltcup zu holen. In den letzten Jahren allerdings musste ich den Finnen immer wieder in der zweiten Saisonhälfte ziehen lassen, trotzdem ich die ersten Rennen gewann. Lajunen kam schwerer in die Saison, dann aber gewaltig, und die letzten Jahre war er immer besser geworden. Dass die Olympiade so kurz vor Saisonende platziert war, kam mir also nicht entgegen. Deshalb hatte ich in Abstimmung mit den Trainern das Aufbauprogramm umgestellt. Ich begann die Olympiasaison erst zur Hälfte, um meinem Körper zu simulieren, wir stünden erst am Anfang. Und es funktionierte, tatsächlich besaß ich eine erstaunliche Form für diese Jahreszeit. Lajunen merkte natürlich, dass wir ihn überraschen wollten, blieb aber in seiner Vorbereitung unbeirrt.
Wir respektieren einander und schätzten die sportlichen Qualitäten des jeweils anderen. Aber wir gingen uns aus dem Weg und sprachen nicht miteinander, außer dass wir uns regelmäßig bei den Siegerehrungen über den Weg liefen. Dann gratulierte der eine dem anderen artig und sagte ein paar nette Worte. Das war's. Insgeheim bewunderte ich den Finnen, vor allem seine Ruhe und Gelassenheit. Wo nahm der schmale blasse Kerl bloß diese physische Stärke her?
Das Olympiaspringen fand unter optimalen Voraussetzungen statt. Unter dem strahlendblauen Himmel wehte ein steter Aufwind, der allen gleiche Bedingungen bot. Es war bitter kalt und alle 25 Teilnehmer mühten sich mit Aufwärmübungen, um nicht auszukühlen. Ich war bereits vor einer Woche angereist und hatte mich gut akklimatisiert. Voller Selbstvertrauen ging ich in den Wettkampf.
Der erste Sprung verlief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich erzielte die größte Weite aller Springer und lag nach dem ersten Durchgang vorn. Doch Lajunen, der als letzter Springer direkt nach mir kam, blieb in Lauerstellung. Er sprang hinter dem Russen Kusnetzow, dem Polen Wanda und dem Österreicher Florin zunächst auf den fünften Platz. Im zweiten Durchgang erwischte Lajunen einen Traumsprung und segelte an den drei vor ihm liegenden Gegnern vorbei. Als Führender war ich diesmal zum Schluss dran, und ich wusste, dass ich einen ähnlich guten Sprung wie vorhin brauchte, um dem Finnen auf Distanz zu halten. Der Windmesser zeigte weiter stabilen Aufwind. Ich ging in die Spur, traf die Kante am Schanzentisch perfekt und spürte sofort den Aufwind, der mich wie ein Vogel nach unten zu tragen begann. Obwohl ein Springer im Flug nur konzentriert wie durch einen Tunnel sieht, glaubte ich einen winzigen Moment, den entsetzten Blick meiner Trainer zu sehen. Was war los? Plötzlich drückte mich aufkommender Rückenwind jäh auf den Hang. Ich spürte kein Fluggefühl mehr, musste den Sprung abbrechen und stürzte regelrecht ab. Ich war nur noch Fünfter.
Bereits zwei Stunden später begann der Langlauf, bei dem die Läufer in umgekehrter Reihenfolge der Sprungplatzierungen starten. Zwar waren die Abstände der ersten fünf, umgerechnet in Laufsekunden, nicht riesig, aber ich befand mich nun hinter den Mitfavoriten, vor allem hinter Lajunen, der als letzter kam. Kusnetzow, Wanda und Florien konnte ich schlagen, das hatte ich schon des Öfteren bewiesen, aber Lajunen, mein Hauptkontrahent, geriet zum befürchteten Problem.
Schnell überholte ich den Russen, den Polen und den Österreicher und beglückwünschte mich zu meinem speziellen Langlauftraining. Aber der Finne lief wie der Teufel. Mein Goldtraum drohte zu platzen, ehe er richtig begonnen hatte. Die Läufer mussten dreimal eine Schleife durchlaufen, so dass ich Lajunen zwar ab und an zu Gesicht bekam, ihm aber nur unwesentlich näher rückte. Immer wieder ging mir der zweite Sprung durch den Kopf. War es ein Fehler gewesen, meine Sprungkraft zugunsten des Langlauftrainings zu vernachlässigen? Nein, hatten die Trainer nach dem Springen gesagt, ich hätte einfach nur Pech gehabt mit der Windböe.
Der Schnee unter meinen Skiern knirschte. Ich atmete stoßweise, keuchte. Mein Puls raste, die kalte Luft biss auf der Haut und stach mir in die Lunge. Jede Faser meiner Muskeln schmerzte. Letzte Runde: Lajunen schien uneinholbar enteilt, und das Skistadion war nicht mehr allzu weit weg. Schon konnte ich den deutlich anschwellenden Lärmpegel ausmachen. Verbissen, ja wütend, setzte ich beide Stöcke ein, bis mein Herzschlag im Hirn anschlug, doch die mir zugerufenen Zeitabstände zu Lajunen blieben unverändert. Ich würde es nicht mehr schaffen, und drohte jetzt sogar, blau zu laufen. Mein Verstand sagte mir, dass es keinen Sinn mehr machte, nur mein Wille hielt der Resignation noch stand.
Als ich die Einfahrt zum Skistadion erreichte, schwoll der Lärmpegel zu einem Orkan an, kulminierte plötzlich in einem kollektiven Aufschrei und erstarb abrupt. Überrascht bog ich in ein nahezu gespenstisch stilles Stadion ein und sah erst dann, was geschehen war. Unmittelbar hinter der Kurve, aber außerhalb der Loipe, lag Lajunen an der Bande im Schnee. Offenbar hatte er sich in der Kurve verschätzt und war gestürzt; sein linker Ski lag zerbrochen neben ihm.
Instinktiv richtete ich mich auf nahm Fahrt raus. Wie in Zeitlupe glitt ich an dem am Boden liegenden Finnen vorbei, konnte aber den Blick nicht von seinem verzweifelten Gesichtausdruck wenden.
Noch während ein herbei eilender Helfer versuchte, den Finnen wieder auf die Füße zu stellen, kam ich zum Stehen. Sampo schien gelähmt; er beteiligte sich überhaupt nicht am Wechsel der Skier, er ließ es einfach geschehen. Ich stützte mich auf meine Stöcke und sah dem hektischen Treiben zu. Alles Drumherum schien ausgeblendet, so als wären wir ganz allein hier. Von hinten drohte keine Gefahr, das wusste ich, der Russe und der Österreicher lagen viel zu weit zurück. Das Publikum fand seine Sprache wieder, schrie und gestikulierte nun umso wilder. Aus dem Entsetzen war die Vorfreude auf einen Showdown geworden. Doch ich hörte sie nicht, nahm sie nicht mehr wahr.
Lajunen stand wieder, nahm seine Stöcke und schob sich fast verlegen in die Spur neben mich. Wir sahen uns kurz an und fuhren dann los. Die Entfernung bis zum Ziel betrug keine hundert Meter, aber weder er, noch ich forcierte das Tempo. Fünfzig Meter weiter spürte ich unvermittelt die Hand des Finnen an meinem Handgelenk, und ich wusste, was er wollte: Wir sollten zusammen über die Linie fahren, beide Olympiasieger werden.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass sich Lajunen etwas aus dem Gesicht wischte. Würde die Jury bei unserem Vorhaben mitspielen oder auf Fotofinish entscheiden? Unmittelbar vor dem flatternden Band zog ich meine Hand zurück. Der Finne blickte mich fragend an, doch ich nickte ihm aufmunternd zu, legte die Hand auf seinen Rücken und gab ihm den letzten Schub. Ich selber stützte mich auf den Oberschenkeln ab, senkte den Kopf und ließ mich gleiten. Jetzt sollte niemand meine Tränen sehen.



Eingereicht am 14. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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