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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die gefühlte Leere

© Enrico Andreas Brodbeck


Ute hatte sich in ihren Wellnessraum zurückgezogen, der ganz nach den Lehren Feng Chui´s ausgerichtet war und nun ein Ort der Ruhe und Besinnung bildete. Eigentlich zog sie sich nur dann in diesen Bereich zurück, um von den Strapazen des Alltags Abstand zu gewinnen. Aber heute war es anders. Ein unvorhersehbares Ereignis zwang sie förmlich dazu, diesen Ort der Harmonie öfters aufzusuchen, um in sich hineinzuhorchen und um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Mit ihrer Wolldecke hatte sie in einem der Wellness-Stühle Platz genommen. In Gedanken versunken, nippte sie vorsichtig an einer heißen Teetasse, die sie wie mechanisch von dem Beistelltisch aufgenommen hatte. Ihr Blick war starr auf die gegenüber liegende Wand gerichtet. Sie dachte an den glücklichen Verlauf ihres zurückliegenden Lebens, das schon von Geburt an eine positive Wendung nahm. Nach den Erzählungen ihres Vaters zur Folge, war sie ein Kind der Liebe und ihre Niederkunft hatte man mit Freuden entgegen gefiebert.
Bei dem Gedanken an ihren Vater, hellte sich ihr trauriges Gesicht ein wenig auf. Tränen liefen ihr die Wangen herunter, da ihr die Tragweiter der Situation, in der sie sich nun befand, bewusst wurde. Zurück schauend konnte man sagen, dass alles in ihrem Leben immer einfach war, --- so überschaubar und lenkbar.
Daran hatte ihr Vater maßgeblich hingewirkt. Von Geburt an war sie für ihn --- seine Prinzessin. Liebvoll umsorgt, aber mit dem gebührenden Respekt vor dem neuen Erdenmenschen und mit einer durchdachten Art der Erziehung. Von Anfang an ließ ihr Vater keinen Zweifel aufkommen, dass seine Prinzessin später einmal eine erfolgreiche Dame werden würde. Und so war die Art und Weise, ihr gegenüber zu treten, immer eine realistisch rationelle Vorgehensweise. Er hatte es von Anfang an unterbunden, mit ihr in dieser Verniedlichungsform zu Kommunizieren. Sein Motto lautete: "Kinder werden nicht dumm geboren, sie werden dumm gemacht durch die zweifelhaften Vorgehensweisen der Erziehungsberechtigten." Nach seiner Überzeugung, konnten Säuglinge sehr wohl das Sprachspektrum ihres Umfeldes deutlich wahrnehmen und speichern. Es wäre lediglich das Sprachzentrum, das in der frühen Entwicklung etwas nachhinken würde. Demzufolge unterhielt er sich mit ihr immer wie mit einem Erwachsenen. Dadurch diesen Umstand, erlangte sie wesentliche Vorteile für ihren weiteren Lebenslauf. Aber auch in anderer Hinsicht, war sie mit besonderen Vorzügen von seitens der Natur bedacht. Von Kindesbeinen an, war sie ein hübsches Kind gewesen, was sich im Laufe der Entwicklung noch verstärken sollte. Es waren ihre strahlend blauen Augen, ihr leuchtend wallendes langes Haar und ihre madonnenhafte Statur, das sie von den anderen Kindern hervor hob. Sie erkannte sehr schnell, dass ihr durch diese Vorzüge in diesem Leben Türen und Tore geöffnet waren, und sie alles durchsetzen konnte was sie sich vornehmen würde. Fast alles, denn ihr Vater war gerechtigkeitsliebend und streng, der nicht alles durchgehen ließ, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Darum reifte in ihr auch recht schnell die Überzeugung, dass sie später einmal Anwältin werden würde. Ihre schulische Entwicklung war bilderbuchreif. Die erste und zweite Klasse der Grundschule übersprang sie förmlich. Später ging sie dann auf das Gymnasium, das sie mit einer Traumnote zum Abschluss brachte. Dann ging es nach Heidelberg zum Studieren. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich einen genauen Zeitplan festgelegt, wie sich das kommende Leben gestallten sollte. Also, zuerst einmal studieren und nebenbei das Leben genießen. Ausgelassen feiern und natürlich Männer. Wozu hatte der Herrgott diesen anbetungswürdigen Körper geschenkt? Und sie standen Schlange, oh ja. Aber nie ohne Gummi, denn schließlich wollte sie sich ihre Karriere und Zukunft nicht versauen. Während dieser Zeit wurde sie weiterhin liebevoll von ihrem Vater und der Mutter unterstützt. Vor fünf Jahren erlag ihr Vater einem Krebsleiden. Er hinterließ in ihr eine ungeahnte Leere, denn sie hatte ihren Vater immer geliebt und bewundert. Er war der König in ihrem Herzen, der seinen Platz irgendwann nur mit einem Prinzen teilen müsste. Ihr Jurastudium schaffte sie mit einer Auszeichnung für den besten Abschluss ihres Jahrgangs. Während dieser Zeit, lernte sie Jens kennen. Er war unscheinbar aber sehr klug und zielstrebig. Seine Statur und seine Wesenszüge waren ganz anders als das der anderen Kommilitonen und Mentoren, von denen sie so manch einen auf ihre Bettkante gelotst hatte. Es war dann auch eher die vernunftorientierte Entscheidung, die sie bewog, Jens als ihren Zukünftigen auszuwählen. Jens wurde Richter am Arbeitsgericht in Heidelberg, während sie sich auf das Scheidungsrecht spezialisiert hatte. Warum sie sich für dieses emotional geladene Gebiet entschieden hatte konnte sie mit nicht mehr erklären. Ihre Beziehung verlief ausgesprochen harmonisch, so dass sie nach ein paar Jahren beschlossen, den Bund der Ehe zu schließen. Trotz der mahnenden Worte ihrer Kollegen! Jens und sie machten einen Zeitplan. Erst ein paar Jahre erfolgreich arbeiten, ein Haus errichten und Kinder zur Welt bringen. So unbeschwert sich das auch anhört, sie hatte nie damit gerechnet, dass irgendetwas ihr gemeinsames Glück schmälern könnte. Dieser Glücksstern, der sie die ganzen Jahre hindurch begleitet hatte konnte eigentlich nicht verblassen. Aber er tat es. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als sie sich dazu entschlossen ein Kind zu zeugen. Allen Bemühungen zum Trotz, blieb der Erfolg aus. Sie zogen alle Register, die in diesem Fall zum Erfolg führen konnten. Am Ende ihrer Bemühungen, waren sie psychisch dermaßen angeschlagen, das ihre Ehe zu scheitern drohte. In ihrer Verzweiflung rieben sie sich gegenseitig auf und fühlten sich als Außenseiter dieser Gesellschaft. Alles hatte sie mit Leichtigkeit erreicht. Doch das Glück, jemals eine Mutter zu sein, sollte an jenem Tag durch die nüchterne Aussage eines Arztes zu Nichte werden. Ihre anfänglich durch Freunde gepriesene Chemie, die zwischen ihr und Jens so wunderbar funktionierte, versagte bei beiden grandios. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Samenstränge von Jens waren gelinde ausgedrückt --- Schlappschwänze, die nicht über den Kämpferinstinkt verfügten, wie es so manch ein Kommilitone oder Mentor ihr früher bewiesen hatte. Aber auch bei ihr stellte sich ein Makel heraus. Trotz ihrer madonnenhaften Figur, fehlte ihr das, was in der Männerwelt als ein gebärfreudiges Becken bezeichnet wird. Ein krampfhafter Gefühlsausbruch führte sie wieder zurück in die Gegenwart. Seit jener Erkenntnis, konnte sie keinen Sinn in ihrem Dasein erkennen, denn ihre biologische Berechtigung war nicht gegeben. Sie fühlte sich verbraucht, nutzlos und schäbig obendrein. In den vergangenen Tagen war sie ungerecht zu Jens gewesen, der trotz der schwierigen Situation versuchte zu retten, was noch zu retten war. In einer Selbsthilfegruppe versuchte man sie darauf einzustimmen, sich von dem Gedanken zu lösen, eigene Kinder zu bekommen. Konnte man das überhaupt? Wo blieben die Empfindungen, die Bindung zu einem Neugeborenen, das im eigenen Leib herangereift war? All die Erfahrungen, die eine richtige Mutter ausmachten, würden ihr immer fremd bleiben. In diesem Moment musste sie an die Worte ihrer Mutter denken: "Egal was auch passiert, eine Mutter ist immer durch ein unsichtbares Band mit ihren Kindern verbunden, Zeit ihres Lebens." Sie war verzweifelt und die Leere hatte endgültig Besitz von ihr genommen. Was ihr blieb war nun die Hoffnung auf ein Wunder. Ein Wunder, das seine Wurzeln in einer Adoption begründet. Sie war müde geworden und setzte die Teetasse auf den Beistelltisch ab, kuschelte sich in ihre Decke und schlief.



Eingereicht am 10. Oktober 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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