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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Auf-Bruch

© Gaby Schumacher


Er vermied es, auf seine Hände zu sehen. Sie waren zerschunden, zerschnitten durch den Kampf gegen verschlungene Äste und scharfkantiges Gestein. Er achtete nicht der blutenden Wunden seines Körpers, sondern schleppte sich stöhnend, zeitweise robbend Meter für Meter durch das Gestrüpp. Angstschweiß rann über sein Gesicht. Grenzenlose Panik, zitternde Beine, die ihm der extremen Anstrengung wegen kaum noch gehorchten und ein Herz, dessen Pumpen seinen Brustkorb beinahe zu sprengen schien, ließen ihn fast den Mut verlieren, aufgeben und sich aufgeben. Doch Gott hatte ihm einen starken Willen geschenkt. Ihn trieb die verzweifelte Sehnsucht eines Menschen, der die Hölle kannte und ertragen musste, der ganz unten gewesen war ohne jeglichen Hoffnungsschimmer auf eine noch so minimale Veränderung seines Daseins, die ausschließlich eine Verbesserung seiner Lage bedeutet hätte.
Ja, damals war Aike alles geraubt worden, sein Haus und sein gesamter Besitz. Aber das hatte diesen Wahnsinnigen nicht genügt. Sie hatten seine ganze Familie niedergemetzelt, ihm seine Ehre und letztendlich sogar noch die Menschenwürde auf brutalste Weise genommen. Gezwungen in die Gemeinschaft mit von gleich ihm dann rechtloser Leidensgenossen, schien sein Lebensweg vorgezeichnet zu sein. Seine Peiniger behandelten ihn schlechter als ein Tier, knechteten ihn und folterten ihn.
Aike beherrschte ein einziger Gedanke: Flucht, solange die körperliche Kraft noch dazu reichte!
Wenige Meter entfernt nur lag das große Waldgebiet, das Versteck und Entkommen versprach. Aber er war Realist. Nie würde er dieser Hölle auf Erden entfliehen können. Die Freiheit bliebe unerreichbare Illusion, eine lebensnotwendige Illusion. Sie allein gab ihm die Energie, in diesem Entsetzen noch ums Überleben zu ringen. Tag für Tag ... Nacht für Nacht.
Nach Monaten der Drangsal tat sich eines Tages binnen einer Minute der Himmel der Gelegenheit für ihn auf, diesem Leben vielleicht sogar für immer zu entfliehen. Diesem Leben, das nichts als Dahinvegetieren bedeutete. Es geschah während der peinigenden Stunden der Feldarbeit, der Schufterei unter den Peitschen der Wärter, die allgegenwärtig waren und unbarmherzig ihre Macht auskosteten. Mit Wonne gegenüber den wehrlosen Menschen ihren Sadismus auslebten ohne jegliche menschliche Regung für jene Gefangenen. Diese Gefangenen waren Gefangene ohne Schuld. Sie hatten keine Verbrechen begangen. Ihr alleiniger Frevel war es, schwarz zu sein. Schwarz in einem von Weißen eroberten und beherrschten Land. Hass ohne Ende, unermessliches Leid bestimmte ihr Dasein.
Aike hatte einen Moment der Unaufmerksamkeit des Aufsehers genutzt und sich mit dem Mut der Verzweiflung auf allen Vieren kriechend durch das an das Feld angrenzende hohe Buschwerk davon gemacht. Dieser einzige Augenblick sollte die den Ausschlag gebende Wende in seinem Dasein bringen. Körperlich eigentlich ein Wrack, verlieh ihm aber das Gefühl, all der Marter entkommen zu sein, fast übermenschliche Stärke. Die Angst hetzte den vor Anstrengung keuchenden Mann vorwärts. Nur schnell fort, nur weiter ... Schritt für Schritt der Menschlichkeit entgegen. Mit jedem zusätzlich eroberten Meter Entfernung von dem Ort des Grauens sowie des Abstandes von seinen Peinigern lockerten sich seine Fesseln des Schreckens mehr und mehr, empfand er eine Spur zurückkehrenden Selbstwertgefühls.
Nach Stunden der Flucht und dann endlich in der Gewissheit, dass seine Aktion unbemerkt geblieben war, sank er entkräftet zu Boden, von einem Weinkrampf des unerhörten Glücksgefühls wegen geschüttelt, es geschafft zu haben, frei zu sein. Selbst Hunger und Durst zogen ihn nicht erneut in dies tiefe lichtlose Tal dessen hinab, was für immer hinter ihm lag. Die Tierlaute des Waldes erschienen ihm wie Stimmen aus dem Paradies. Sie und die herrlichen Farben der Natur rings um ihn her, die nie zuvor dermaßen intensiv für ihn geleuchtet hatten, entrissen ihn endgültig dem schrecklichen Elend, waren himmlischer Balsam für seine geschundene Seele. Sein Herz schlug ruhiger. Seine Augen hefteten sich auf das Azurblau des Himmels über ihm. Er atmete tief durch. Ein Atmen in Freude.
Er hatte sein Schicksal besiegt.
Es war der Aufbruch in ein neues Leben, ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Freiheit.



Eingereicht am 27. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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