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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Mann, den sie Wolfsmensch nannten

© Magnus Lebemann


Die Videothek an der Hamburger Straße verfügt über eine reichhaltige Auswahl an Erotik-Filmen. So und nicht anders stellt es sich auch nach Betreten des Porno-Tempels dar. Einmal durch den keimigen Filzvorhang geschritten, entdeckt man wahre Schätze des Kopulations-Films. Als I-Tüpfelchen stehen hier auch an die zwanzig Aschenbecher; bei der Auswahl kann eine Zigarette beruhigend wirken und Fehlgriffe reduzieren sich auf ein Mindestmaß.
Ich gehe meinen Gepflogenheiten entsprechend zunächst in die "Normalo-Ecke". Dort erinnern die Cover der DVDs eher an die Titelseiten von Heimatromanen, als an Bums-Eskarpaden. Der Titel "Fotzenparty in Wichshausen" sticht mir ins Auge. Die Inhaltszusammenfassung auf der Rückseite bestätigt aber nicht die hochtrabende Benennung des Kunstwerks.
Es geht um ein Dorf, in dem alle Bewohner regelmäßig Verkehr haben. Zu langweilig.
Bei den Peitschenfilmen scheint sich auch nichts getan zu haben. Die Gasmasken und Latex-Anzüge, die einem entgegen prangen, laden Leute wie mich nicht gerade auf eine Exkursion in diese merkwürdige Welt ein.
"Gequetschte Hoden" und "Fotzengewitter" sind Titel, die mir zu derb erscheinen, soll es doch heute etwas mit Stil sein.
Da beobachte ich zunächst doch lieber die anderen Suchenden, die über die Gänge schleichen. Ein älterer unauffälliger Mann versucht, durch seine Gestik noch ein Stückchen unauffälliger zu wirken. Aber merke: Minus mal Minus ergibt plus und jeder weiß: Das ist ne ganz perverse Sau! Ein dicker, vielleicht fünfzigjähriger Fettwanst macht da weniger Hehl aus seiner Passion. Ich kann den Namen des beäugten Pornos im Vorbeigehen erhaschen: "Pisswunder geben Vollgas". So ist der also drauf. Die arme Frau (falls er überhaupt eine abgekriegt hat). Oder war sie es vielleicht, die ihn auf diesen falschen Pfad lockte? Sicher scheint: Wenn der daheim ne Alte hat, sieht sie aus, wie die Talkgäste im Fernsehen, die um die Mittagszeit herum Arbeitslose, Rentner und Haustiere, die versehentlich auf die Fernbedienung getreten sind, belustigen, bzw. langweilen.
Der mittlerweile halbstündige Aufenthalt im Wixvorlagen-Paradies hat bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt. Da werde ich wohl zu Paul rüber gehen, dem Mann meines Vertrauens. "Digger, hast du was mit viel Titten und mächtig Rammelei? Aber nicht zu viele Männer, ich will Weiber sehen!" Wer die STAR-WARS-Filme kennt, würde Paul mit Chewbacca, einem behaarten Wesen, das alle Teile hindurch nur grunzt, gleich setzen. In der Tat hätte Paul gut daran getan, bei einem russischen Wanderzirkus als Wolfsmensch anzuheuern. Seine Mutter muss von einem Besen begattet worden sein ... aber nett ist er immer und wenn er nen Porno nicht kennt, gibt es den auch nicht!
"Na, alte Rinde, heute wieder Notstand, oder was? Ich komm gleich wieder, wir haben ne neue Lieferung reinbekommen. Kommt aus Griechenland, auch viel Schrott dabei aber ich such dir mal was Schönes raus." Auf Paul kann man sich verlassen. "Luxus-Schnecken packen aus" soll es dann wohl sein. Auf die Inhaltsangabe muss ich nicht achten, der Streifen wird rocken, das war bis jetzt immer so. 3 Euro Leihgebühr für 60 Minuten Spaß finde ich fair, und dazu darf ich mich als Inhaber der Silver-Club-Card über eine verlängerte Ausleihdauer von drei Tagen freuen.
Mein Fahrrad bedarf dringend eines Austauschs. Es sieht derart ramponiert aus, dass einem selbst die Junkies am Marktplatz mitleidig beäugen. Aber für die unentgeltliche Mitnahme eines Ersatz-Drahtesels bleibt keine Zeit.
Zur sehr brennt es mir unter den Nägeln, was für unsittliche Geschehnisse in Pauls Geheimtipp auf mich warten. Shit, der an der Ampel ist mein Boss!
Ich hätte mir doch eine Tüte für den Film mitnehmen sollen ... irgendwie aber auch egal, weil ich den Sack schon des Öfteren beim Begaffen einschlägiger Websites ertappt habe.
"Hallo, Frau Merges, na Sie haben ja auch noch einiges vor, was?", grinst der schmierige Affe aus seinem 911er Cabrio, und ich kann erahnen, dass er an einem gemeinsamen Filmabend mit Sex nichts auszusetzen haben würde. "Ja, Herr Pöhl, ich muss mich jetzt aber beeilen, meine Reifen verlieren Luft".
Mir läuft der Saft schon die Kimme runter und ich sehe zu, dass der DVD-Player endlich in die Gänge kommt ...



Eingereicht am 22. September 2005.
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