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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Maria und ihre Träume

© Annett Günther


Die Zugfahrt war undenklich lang. Die Bilder der Erinnerung liefen vor ihr ab.
Mit achtzehn ging Maria von zu Hause fort. Ihre Heimatstadt war Bad Tölz. Eine kleine Stadt in Oberbayern. Sie konnte sich nicht mit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter abfinden. Vor allem fühlte sie sich von ihrem Vater vernachlässigt. Er kümmerte sich nur noch um ihre drei Brüder, die ihm in seiner Autowerkstatt halfen. Ohne ein festes Ziel ging sie fort und landete durch Zufall in München. Die Großstadt war als Kind immer ihr Traum.
In der Kleinstadt fühlte sie sich nicht wohl. Es war immer der gleiche Trott. In München versuchte sie ihr Glück als Mannequin. Sie wollte einfach etwas erleben. Obwohl sie keinen Erfolg hatte, so wie sie ihn erhoffte, übte sie ihren Beruf eine Zeit lang aus.
Nach einem Jahr war ihr das auch zu langweilig. Maria war ein Typ, der alles ausprobieren musste.
Als sie sich zu Hause oft allein fühlte, schaute sie viel fern und wünschte sich einmal beim Film mitzuspielen. Sie versuchte es, bekam aber nur eine kleine stumme Rolle. Bald darauf heiratete sie in München einen Schauspieler. Die Ehe wurde allerdings nach vier Monaten schon wieder geschieden und sie ging wieder in ihren alten Beruf zurück.
Nach der Scheidung fühlte sie sich leer und verbraucht. Jetzt saß sie schon einige Zeit im Zug. Denn die Fahrt von München nach Bad Tölz war lang. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie jetzt wieder nach Hause fuhr.
Obwohl sie ihren Vater regelmäßig geschrieben hatte und oft auf Besuch war, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Schließlich hatte sie ihren Vater mit allem allein gelassen.
Endlich hielt der Zug an ihrer Bahnstation.
"Guten Tag Vater. Ich bin wieder da."
Der alte Mann drehte sich erschrocken um und nahm seine Tochter in die Arme. Sie sah ihm lange ins Gesicht und bemerkte dabei ein paar Tränen. Er ist alt geworden.
Mit viel Mühe versuchte sie sich in den Betrieb ihre Vaters einzuarbeiten. Dort begegnete sie einem jungen Mechaniker wieder. Er war ihre erste große Liebe. Sie kamen sich wieder näher.
"Weißt du, Dieter, langsam frage ich mich, warum ich überhaupt weggegangen bin. Wahrscheinlich war es eine Trotzreaktion."
In der Freizeit versuchte sich Marie in der Malerei. Dieter sagt, dass sie Talent dazu hatte. Doch da sie jetzt ein Kind hatten, blieb ihr wenig Zeit dazu.
Ihr Vater kommt oft zu ihnen. Leider können sie die vergangen Jahre nicht mehr nachholen.



Eingereicht am 15. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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