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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Augenblick

© Jasmin Vogel


ER
Augen sind das Fenster zur Seele. So manchem Mädchen dürfte man niemals in die Augen sehen.
Denn was dort oft verborgen liegt dürfte niemals ans Tageslicht geraten. Es ist dieses Funkeln. Manchmal schelmisch, oder gar verspielt, aber dahinter lauert zumeist auch noch etwas anderes. Wollust, Trauer, Wut, Hass, Rache. All das vermischt in einem einzigen Augenaufschlag eines unschuldig anmutenden Mädchens, deren Augen die Welt und ihre Schlechtigkeit noch nicht einmal annähernd gesehen habe dürfte. Doch all dieses Wissen um die Schlechtigkeit der Welt lag in diesen Augen. Als ich das erste Mal diese Augen sah, war ich betört von ihnen. Ich weiß nicht, ob es an deren Schönheit, Größe oder Farbe lag. Sie dominierten ihr Gesicht. Fesselten einen und ließen einen nicht mehr los. Ich musste einfach einen Blick in sie erhaschen. Ich glaube, als ich ihr das erste Mal in die Augen sah, ertappte ich sie in einem schwachen Moment. Denn es war so, als ob der Vorhang der Gelassenheit, der normalerweise ihren Blick bedeckte, in diesem einen Moment gefallen war. Sie sah nachdenklich aus. Und obwohl sie sich inmitten einer lauten Menschenmenge befand, war es so, als ob sie und ihre Augen sich einen Schutzschild gegen ihre Umwelt errichtet hatten. Sie starrte einfach nur ins Leere. Was ich in ihren Augen las, konnte ich nicht genau definieren, aber es berührte mich, ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Ich weiß nicht, wie lang ich da stand und sie beobachtete. Aber nach einem kurzen Moment bemerkte sie meinen Blick. Ich konnte regelrecht sehen, wie sich der Vorhang der Gelassenheit sich wieder vor ihre grünen Augen schob, und sie mich mit einem abfälligen Blick streifte, der mir bis ins Mark fuhr. Dann drehte sie sich um, und unterhielt sich mit einer jungen Frau, die neben ihr stand. Erst ab diesem Moment fing ich an, sie in ihrer vollen Schönheit zu betrachten. Sie war blond, schlank, eine Schönheit, nach der sich die Hälfte der im Raum befindlichen Männer die Köpfe vertreten. Aber es war nicht nur ihr atemberaubender Körper. Es war mehr. Sie hatte dieses gewisse Etwas an sich. Sie war nixenhaft und bezaubernd gleichzeitig.
Ich musste sie kennen lernen. Nicht nur ihres Aussehens wegen. Es waren ihre Augen. Ich wollte noch einmal einen Blick in sie werfen können. Als ich gerade überlegte, wie ich sie am besten ansprechen könnte, fing sie an, sich in meine Richtung zu bewegen. Mein Herz schlug schneller, mein Pulsschlag erhöhte sich um ein Vielfaches. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, falls sie plötzlich leibhaftig vor mir stehen würde. Doch sie kam nicht näher, sondern ging zur Bar, um sich einen Drink zu bestellen. In dem Moment wurde mir bewusst, dass für mich nichts wichtiger war, als diese Frau kennen zu lernen. Obwohl ich ein gut aussehender Mann bin und Schüchternheit nicht zu meinen Eigenschaften gehörte, hatte ich Angst davor, von ihr einen Korb zu bekommen. Aber ich nahm allen Mut zusammen.
SIE
Ein weiterer eintönig anmutender, stets gleich endender Abend im meinen Leben.
Und wie so oft verbringe ich ihn in diesem Club. Alle meine Freunde sind hier, und sie tun ihr bestes, damit ich mich auch gut amüsiere. Meist klappt dies auch sehr gut. Aber dann überkommen mich doch wieder diese Momente, in denen ich nachdenklich werde. Ich beobachte die Menschen um mich herum, wie sie feiern, lachen, tanzen und sich voll laufen lassen. In diesen Momenten schleicht sich immer wieder dieser Gedanke in mir ein, dieser Gedanke, dass all dies so überflüssig und von vergänglicher Natur ist. Und das ich mich nach etwas sehne, das ganz tief in mir verborgen ist. Etwas Ursprüngliches, das nur danach lechzt, ans Tageslicht zu kommen. In diesen Momenten fühle ich diese Leere in mir. Ich spüre meine eigene Unvollkommenheit. Ich merke, wie schutzlos ich all diesen Menschen doch ausgeliefert bin. Wie dem Kerl da drüben, der mich bestimmt schon seit 5 Minuten ununterbrochen und unverhohlenen Blickes anstarrt. Ja, wie all die anderen Männer, die mich immer nur anstarren und mich mit ihren Blicken ausziehen. Ich kann ihren Blicken immer genau entnehmen, was sie von mir wollen. Irgendwann fangen diese Blicke an, einen anzuwidern. Aber sein Blick ist irgendwie anders. Fast schon bewundernd. Er gehört bestimmt zu der Sorte Mann, die von einer Frau wie mir träumen, aber sich hinter Büchern, Autos, oder ihrem Beruf verstecken. Aber er sieht zu gut für diese Sorte Mann aus. Er trägt moderne, teuer aussehende Kleidung, wirkt sehr gepflegt. Er könnte alles sein. Rechtsanwalt oder Arzt. Aber dafür ist er zu jung. Er ist groß, hat dunkle Haare und dunkle Augen. Er wirkt ein bisschen südländisch. Und eine Gruppe junger Männer steht um ihn herum. Alle fröhlich, mit einem Bier in der Hand. Einer redete gerade sogar mit ihm. Aber er steht nur da und sieht mich an. Jetzt hat er bemerkt, dass ich ihn bemerkt habe, und er wendet sich etwas verschämt ab. Jedes Mal das gleiche. Ich will mir einen neuen Drink holen und frage meine Freundin, ob sie mit an die Bar geht. Doch sie verneint. Also muss ich mich allein durch die Menge kämpfen. Und da die Bar in Richtung des jungen Mannes ist, muss ich mich ihm notgedrungen nähern. Langsam fängt dieses Spiel an mir Spaß zu machen. Er hat gesehen, wie ich mich in seine Richtung bewege, und ich kann in seinem Blick lesen wie in einem Buch. Er denkt sicherlich, ich will zu ihm. Nein, diese Freude werde ich ihm nicht bescheren. Aber mir selbst werde ich nun einen Wodka-Lemon bestellen. Als ich mich an den Tresen vorgekämpft habe, und auf mein Getränk warte, bemerke ich, wie sich jemand hinter mich stellt und für einen kurzen Augenblick meinen Körper mit seinem berührt. Es ist nur ein kurzer Augenblick, aber er ist elektrisierend und ich bekomme Gänsehaut.
ER
Ich habe all meinen Mut zusammen genommen und gehe in Richtung Bar, zu ihr. Selbst wenn mich kurz vorher der Mut verlässt, und ich nicht weiß, was ich zu ihr sagen soll, kann ich immer noch so tun, als würde ich mir nur einen Drink bestellen wollen. Ich bleibe einen Meter hinter ihr stehen und betrachte ihren Rücken, der nur zur Hälfte von einem dünnen Stoff verdeckt wird. Doch die Menge drängt mich weiter zur Bar. Ich stehe nun ganz dicht hinter ihr, kann schon fast ihren betörenden Geruch wahrnehmen. Neben mir stolpert ein Mann und fällt in meiner Richtung zu Boden. Ich kann gerade noch dieser Kollision ausweichen. Aber dafür remple ich sie an. Mein Herz bleibt stehen.
SIE
Dann werde ich plötzlich angerempelt, und meine gerade bestellter Drink ergießt sich über mein nagelneues, sündhaft teures Oberteil. Kochend vor Wut drehe ich mich um, um die dafür verantwortliche Person zur Rede zu stellen. Ich funkle die Person wütend an, und will gerade mit meiner Schimpftirade beginnen, da erkenne ich ihn, den Mann, der mich die ganze Zeit beobachtet hatte. Ich blicke in seine Augen und diesmal kann ich in ihnen nur Scham sehen - und Angst. Er dreht sich um und geht. Und verschwindet aus meinem Blickwinkel und läuft aus dem Club hinaus. Ich weiß nicht warum, aber ich vermisse ihn und seine Augen in diesem Moment. Ich möchte in seiner Nähe sein, ihn berühren. Aber er ist gegangen. Und ich weiß noch nicht einmal seinen Namen.
ER
Mein Zusammenstoß mit ihr hat zur Folge, dass sich ihr Drink auf ihrem Oberteil ergießt. Mir wird heiß und kalt gleichzeitig. Ich schäme mich so. es ist so unglaublich peinlich. Jetzt dreht sie sich um und ihre Augen schießen wütende Blitze in meine Richtung. Sie öffnet ihrem Mund um mich anzuschreien, da verändert sich ihr Blick. Sie hat mich erkannt. Mich, der sie minutenlang, oder waren es gar stundenlang, angestarrt hat. Ich will nur weg. Dies ist der schlimmste Moment meines Lebens. Ich renne vor ihr weg, obwohl ich nichts lieber täte, als in ihrer Nähe zu sein, mit ihr zu reden. Ich verfluche mich selbst dafür, dass ich mir die einzige Chance genommen habe, sie kennen zu lernen. Ich laufe aus dem Club auf die Straße, nur gerade aus, weg von ihr. Die Lichter eines herannahenden Fahrzeugs sehe ich zu spät. Ich merke nur noch wie etwas mit gigantischer Wucht gegen meinen schutzlosen Körper prallt. Dann spüre ich nichts mehr.
SIE
Ich stehe wie in Trance da, als plötzlich die Menschenmenge um mich herum zur Tür eilt. Ich höre sie nur etwas von einem Unfall sagen, ein junger Mann muss vor ein Auto gerannt sein. Kann es er sein? Doch ich bleibe im Club, höre die Sirenen des Rettungsfahrzeugs, als es ankommt und wieder abfährt.
Am nächsten Morgen weiß ich seinen Namen. Ein Rettungssanitäter und zugleich Freund von mir, der an diesem Abend Dienst hatte, hat ihn behandelt. Er lebt, aber seine Augen wurden so durch herumfliegende Glassplitter verletzt, dass er sich irreparable Schädigungen zugezogen hat. Er wird nie mehr sehen können. Als ihm die Ärzte dies mitteilten habe er dies mit Fassung aufgenommen. Das einzige, was er den Ärzten antwortete war, dass es nicht so schlimm sei, denn das wichtigste und schönste in seinem Leben habe er schon gesehen. Genau an diesem Abend. Diese Augen. Dieses Mädchen. Mich.



Eingereicht am 12. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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