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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Komm Papa, komm

© Teodor Horvat


Meine gute Arbeitskollegin war damals bei uns als Dienstbote beschäftigt.
Wie ich hörte, wurden sie und ihre zwei mindenjährigen Kinder vor einiger Zeit aus dem Vernichtungslager entlassen.
Warum sie überhaupt dort war, wusste ich nicht ganz genau. Damals war im Gegensatz zu heute, reden und schreiben über die alte kommunistische Regierung und ihren Untaten gegenüber dem deutschen Volk streng verboten.
Aber trotzdem konnte die alte kommunistische Regierung nicht alles vetuschen.
Nach einem Gesetzesakt wurden damals alle Deutschen eine Gemeinschaftsschuld zugrsprochen. Sie wurden zu Feinden des Volkes erklärt und die Entscheidungen gebracht über Verstaatlichung des deutschen Vermögens und Vertreibung alle Personen deutscher Volkszugehörigkeit nach Deutschland, unter Verzeichnis "so lange bis sich die Möglichkeit für ihren Transport verwirklichen kann, werden sich die gleichen in einem Lager, auf dem Zwangsarbeit befinden".
Nachdem was mir meine Arbeitskollegin erzählte, war sie vor dem Krieg noch eine sehr gut situierte Frau. Ihr Mann und sie führten ein Hutgeschäft und sie war als Hutmacherin beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg musste ihr Mann, wie auch viele Volksdeutsche zum Militärdienst. Aber er wurde als deutscher Soldat nicht an die Front geschickt, sondern er war für so genannte öffentliche Sicherheit zuständig und als solcher kam er nach Deutschland in ein Offiziersheim. Dort musste er offiziell für die Angehörigen der Offiziersfamilie sorgen.
Sie und ihre damals noch drei Kinder waren nach dem zweiten Weltkrieg in einem Vernichtungslager, so wie auch viele anderen Volksdeutsche.
So lange sie in dem Lager war und versuchte zu überleben, wie sie jeden Tag kämpfte für ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder, blieb sie ohne Vermögen.
Als sie endlich nach einem sehr schweren und langen Fußmarsch in ein Lager kam und in ganz leeren Baracken zusammen mit noch vielen anderen alten Menschen, Kinder und Frauen auf dem Boden saß, war nichts mehr zu essen da. Manche Menschen konnten nicht mehr aufstehen, weil sie krank und erschöpft waren.
Sie hörten nur die Kinder weinen, Frauen jammern und alte Menschen tief seufzen. Aber die Wache und bewaffneten Soldaten schrien trotzdem auf sie ein, alle ganz laut. Sie wollten, dass sie sich zuerst alle vor Baracken einordnen. Dabei nahmen sie von ihnen alles weg, was sie noch hatten. Für sie blieb nur noch das bloße Leben und ein mühsamer und ungerechter Kampf ums Überleben.
Das ganze Lager war mit Stacheldraht umkreißt und von bewaffneten Wächtern gut bewacht.
Obwohl die Dienst habenden Gruppen (ohne Rücksicht auf das Alter) immer wieder versuchten ohne besonderen Erfolg mit Hilfe von sehr einfachen Mitteln, im ganzen Lager, Ordnung und Sauberkeit zu erhalten, lag überall viel Schmutz. Zwischen dem Schmutz konnte man Ratten sehen, die keine Angst mehr von Menschen hatten, und ganz frei herumliefen. Die Läuse und Wanzen waren besondere Angreifer. Das Essen, was sie bekamen, war sehr schlecht. Das war überwiegend flüssiges Essen, gekocht ohne Salz und Fett, mit oder ohne Brot. Morgens irgendeinen Kaffee oder Tee. Mittags spärliche Polenta oder ein wenig Kartoffeln, eventuell gekochten Kohl ohne Salz und natürlich ohne Fleisch. Das Essen wurde immer schlechter und weniger. Als Folge solcher mangelhaften Ernährung kam sehr bald eine Dysenterie. Endgültiges Ergebnis war tägliches Sterben wegen mangelhaftem Essen und Krankheiten. Ohne Ärzte und Medikamenten begann tägliches Sterben zwischen alten und erschöpften Menschen sowie kleinen Kindern. Die Menschen starben jeden Tag, aber die Überlebenden hatten nicht ihren Tod gemeldet, damit sie ihr Essen bekommen und noch ein Tag überleben könnten.
Das Krankheitselend begann auch bei ihrem Kind.
Gegen Weihnachten bekam ihre jüngste Tochter Heidi Typhus.
Obwohl es in den Baracken sehr kalt war, strahlte Heidis Gesicht und war ganz warm vom Fieber.
Sie wusste, dass ihre Heidi sehr krank war und hohes Fieber hatte, aber trotzdem könnte sie nichts machen nur zusehen, wie ihre Tochter in einem ungerechten Kampf mit dem Leben kämpfen musste.
Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster in die Baracke kamen und mit sich ein wenig Wärme brachten, lag die kleine Heidi ganz ruhig auf dem Schoß ihrer Mutter. Meine gute Arbeitskollegin brachte ihre kleine Heidi bis zum Fenster. Mit dem gelindesten Ausdruck des Gesichtes guckte die kleine Heidi zum letzten Mal durch das Fenster in die Ferne. Heidi streckte ihre kleinen Händchen nach vorne und sagte mit ganz leise Stimme: "Komm Papa, komm!" Das war ihr größter und letzter Wunsch, ihren geliebten Papa noch ein Mal zu sehen. Aber dieser Wunsch blieb leider für immer unerfühlt. Im nächsten Augenblick war die kleine Heidi tot. Sie wurde auf einer grünen Wiese vor den Baracken begraben.
Etwas später, als meine gute Arbeitskollegin am frühen Morgen von einem Traktor geweckt wurde und aus dem Fenster sah, wie die grüne Wiese vor den Baracken, wo ihre Heidi begraben war, von einem Traktor mit dem Pflug umgeackert wurde, wollte sie von zu großem Leid am liebsten gleich sterben. Sie spürte in der Brust sehr mächtigen Schmerz und schon im nächsten Augenblick lag sie auf dem Boden. Ihre zwei Kinder weinten zusammen mit ihrer Mutter und waren für sie einzigen Grund, um weiter zu leben.
Heute lebt meine gute Arbeitskollegin mit ihren Kinder in einer bayerischen Großstadt.
Ihr Mann, wie sie erfuhr, lebt zusammen mit einer anderen Frau und seine Kinder hat er schon längst vergessen.



Eingereicht am 08. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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