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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Depp!

© Magnus Lebemann


Thorsten hat gerade erst gekotzt und schleppt sich nun zurück zur Bar.
Heute will er es wohl wissen. Seine nächste Bestellung wird ihm vielleicht einen Besuch im Krankenhaus (inkl. Auspumpen) bescheren. Ich wende mich ab, er zieht mich runter. Dabei will ich heute noch was ficken. Die Party ist in vollem Gange, die Weiber kreischen, die meisten Typen stehen oberhalb der Tanzfläche und scannen die Meute nach potentiellen Opfern ab.
Ich habe meine eigene Taktik entwickelt. Direkt am Rand des Dancefloors stehen meistens die besoffensten Chicks und nehmen dort ihre Auszeit, während ihre Freundinnen hektisch winkend die schnellstmögliche Wiederteilnahme am Zappelgeschehen fordern. Doch das geschieht nur, wenn kein Wolf in der Nähe ist, bereit, seine Zähne zu zeigen.
Sie heißt Chantalle, ob das stimmt oder nicht, ist mir so was von egal.
Hauptsache, sie kommt mit in meinen VW-Bus. Sie ziert sich ein wenig, das tun sie alle. Aber ich mag das; wie sonst bekäme ich bei Erfolg die Bestätigung für meine schmeichelhafte Taktik, die nur eines zum Ziel hat: Ficken?
Auf dem Weg zum Parkplatz im Zentrum, wo auch Thorsten und Dirk ihre Busse geparkt haben, frage ich sie dies und das, ob sie sich wohlfühle und die Luft auch so geil findet. Nach guten 10 Minuten stehen wir vor der Schiebetür und ich führe den Schlüssel mit einer lässigen Geste dem Schloss zu. Die Tür rollt auf, das Bett ist gemacht, Madame!
"Soll ich ein bisschen Mucke anmachen?" Wenn sie jetzt nein sagt, ist mir das scheißegal. Mucke muss jetzt sein, wenn einem die Themen ausgehen, kann man immer noch am Radiosender rumnörgeln. Das Gefasel langweilt mich. Ich spüre, wie mein fleischiges Zweitgehirn den Gnadenstoß fordert. An meine Freundin denke ich jetzt nicht.
Endlich gibt sie ihre Titten preis, deren Brusthöfe mich eher an Tretminen erinnern, als an vorschriftsmäßig ausgebildete Milchtüten-Kringel. Sie redet was von: "Sei lieb zu mir". Das ist die Aufforderung, meine Dampframme freizulassen und der kleinen Lady mal zu zeigen, wer hier der Boss ist. Sie quiekt ein wenig herum, das kennt man ja. Ich bin fertig, sie interessiert mich nicht mehr. "Oh, ich muss los. Geh du auch mal nach Hause, ist schon ziemlich spät. War echt cool mit dir!" Und schon startet der 2,5 Liter Turbodiesel, sie soll die Schiebetür von außen zumachen.
Ich fahre einmal um den Block und parke an derselben Stelle wie zuvor.
Chantalle ist verschwunden. Hoffentlich finde ich den Weg zur Party wieder. Ach ja, dahinten rechts rein und dann stur geradeaus. Angekommen, gebe ich Thorsten und Dirk einen aus. "Ich habe gerade gefickt und ihr?" "Wiär haben unns grade auf die Hosn gekotzzzz", prahlt Dirk, der mit seiner säuerlichen Fahne heute garantiert keine mehr abbekommt. Es sei denn, er begibt sich auf das Niveau, welches die lustigen Hafenarbeiter sicher "Resteficken" nennen würden und wartet bis sieben Uhr morgens, wo wirklich nur noch die ganz harten Fälle Leute in Dirks Zustand ranlassen.
Thorsten labert eine an. Ich kann sie nur von hinten sehen. Mein Interesse hält sich in Grenzen. Sie gehen raus, also muss ich mir alleine Dirks Flüche anhören; er hat vorgestern seinen Job verloren und schimpft über seine Kollegen, die kein gutes Wort für ihn eingelegt hatten. Wundert mich nicht sonderlich. Ich ermüde, muss zum Auto, ein bisschen pennen. Mit Dirk im Schlepptau geht es zurück zum Parkplatz, die Strecke kenne ich nun zu genüge. Dirk tut die Luft gut, ich kann ihn jetzt besser verstehen, mag auch an der lauten Musik im Club liegen. Wir bemerken fast zeitgleich, dass die Karre von Thorsten verdächtig wackelt. Nicht so richtig aber man erahnt, dass da drinnen was läuft. Der hat seine Scheiben auch tönen lassen, so wie wir alle. Aber er hat wohl vergessen, dass der Seitenspiegel interessante Einblicke in das Wageninnere freigibt. Da hockt eine Alte auf ihm drauf und macht die aus einschlägigen Filmen bekannten Bewegungen. Wir kichern unterdrückt, Dirk lauscht an den Lüftungsschlitzen und seine Mundwinkel befinden sich vor Grinsen in erstaunlicher Ohrennähe.
Was die da treiben, wird aber nach fünf Minuten uninteressant und wir hauen uns aufs Ohr. Spätestens beim Tür-Zuschieben haben die beiden bemerkt, dass wir zugegen waren ...
Thorsten ist so was immer peinlich. Deshalb werden wir ihm morgen umso intensiver mitteilen, dass und wie wir indirekt teilhatten, an seinem Fuck.
Das Kindergeschrei geht mir auf die Eier. Warum parken wir auch derart zentral? Die Sonne scheint durchs Fahrerhaus und ich schwitze wie eine Zitruspresse. Der Griff zur warmen Wasserflasche ist zunächst die einzige Möglichkeit, sich auf den langen Weg der Ausnüchterung zu begeben. Ich blinzle durch die Frontscheibe, streife den Schlafsack ab und erkenne einen Zettel hinter meinem Scheibenwischer. Thorsten ist weg, Dirks Wagen steht noch. In Unterhose schaue ich nach, was der Zettel zu sagen hat.
Entweder zeigt wieder ein polnischer Autoschieber Interesse an meiner Kiste (IHR WAGEN GEFÄLLT MIR) oder die Polizei hat trotz der unchristlichen Zeit schon einen Gruß hinterlassen. Nein, in vertrauter Schreibschrift steht da: "Lieber Michi, ich finde es stark von dir, dass du gestern keinen Stress gemacht hast. Ich habe dich auch gesehen. Das mit Thorsten ist nichts Ernstes aber ich glaube, wir sollten uns trennen.
Deine Tine."



Eingereicht am 01. September 2005.
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