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Der Millionenbetrüger

© Sylvia Schwarz


Der Staatsanwalt blätterte in Josefs Akte. Der Stoff seines teuren Nadelstreifenanzuges schmiegte sich um seine sportliche Gestalt. Das feine Material verschluckte alles Licht, was den Staatsanwalt in Josefs Augen wie einen dunklen Dämon wirken ließ. Als Hödl jetzt den Blick hob und über seine schwarz eingefasste Brille zu ihm sah, schauderte Josef. Seine Schultern sanken und zogen seinen gesamten Oberkörper mit nach unten.
"Die Aktenlage ist völlig klar", stellte Staatsanwalt Hödl fest. Er blickte wieder auf die Papiere vor ihm. "Dank der ermittelnden Behörden konnten wir Ihren Fluchtweg genau rekonstruieren. Wir haben, Dank der Hilfe der Airlines, alle Flugnummern und Flugzeiten herausfinden können." Er trank gelassen einen Schluck Kaffee. "Die Unterlagen Ihrer Ascania Vermögensverwaltung GmbH wurden ebenfalls in vollem Umfang sichergestellt. Einige Kollegen sind gerade dabei, die eingesetzten Gelder zu überprüfen und festzustellen, was von dem Geld noch übrig ist." Der Staatsanwalt lehnte sich nach vorne und stierte Josef an. "Wie es aussieht, fehlen etwa drei Millionen. Von den sieben, die Sie ergaunert haben. Sie wissen nicht zufällig, wo die wohl abgeblieben sind? Oder? Denken Sie an Ihr Strafmaß, Herr Mahlzahn. Ihre letzte Strafe ist noch offen, die neue könnte gleich angehängt werden. Und unter zwölf Jahren werden Sie nicht rauskommen."
Der Staatsanwalt übertrieb. Das wusste Josef. Seine Haftstrafe, die er noch nicht abgesessen hatte, lautete über viereinhalb Jahre. Und für die Gaunereien jetzt würde er genauso viel kriegen. Also würde er nach neun Jahren aus dem Gefängnis kommen. Mit etwas Glück auch schon nach acht.
"Die drei Millionen?", fragte der Staatsanwalt genervt. Er trommelte mit den Fingern auf seinem Schreibtisch herum. Dieses Geräusch erinnerte Josef an die Trommeln, die er in Miami gehört hatte. Er sah im Geiste die Musiker. Sie standen zu fünft auf der Bühne des Luxushotels, Trommeln, Gitarren und eine Panflöte. Josef selbst saß an einem Tisch neben der Bar, in der Hand einen kalten Martini. Er sah zur Bühne und lauschte der Musik. Im Takt wippte sein Kopf mit, die letzten Strähnen seines schütteren Haares tanzten dazu.
"Sie hören mir gar nicht zu", vertrieb der Staatsanwalt die schöne Erinnerung. Josef hob fragend die Augenbrauen. Hödl rieb sich die Stirn und seufzte. "Wo die drei Millionen geblieben sind? Ihre Anleger wären froh, nur die Hälfte ihrer Gelder zurück zu bekommen."
Josef träumte von den weißen Stränden Jamaikas, die sich direkt vor der Hotelterrasse erstreckten. Junge Mädchen in knappen Bikinis begleiteten ältere Herren zur Bar, tanzten ausgelassen, lachten fröhlich. Die Palmen wogen leicht im warmen Wind, die Wellen des karibischen Meeres brachen sich keine dreißig Meter entfernt. Josef sehnte sich nach dem Leben auf Jamaika, umschwelgt von Luxus, bedient von freundlichen Angestellten und großzügig das Geld ausgebend, das auf seinen Konten in Deutschland, Österreich und der Schweiz lag.
"Wir haben Ihren Maybach sicher gestellt", sagte der Staatsanwalt. "Haben Sie das Geld der Anleger für Ihr Luxusleben verwendet? Welche Güter haben Sie noch gekauft? Von dem Geld, das Ihnen nicht gehört?" Er sah Josef abwartend an, doch dieser blickte zu Boden. "Haben Sie", fuhr der Staatsanwalt mit lauter Stimme fort, "die ganzen drei Millionen ausgegeben? Auf Ihrer Flucht vor der Justiz? Sie haben leichtgläubige Menschen betrogen, Ihre Kunden, und das Geld verprasst?"
Josef erinnerte sich an seinen Maybach. Das Luxusauto hatte ihn so stolz gemacht. Er, der Sohn einer Putzfrau und eines Fließbandarbeiters, konnte sich einen Maybach leisten. Wie Scheichs, Könige, Filmstars, Politiker. Die High Society eben. Er war den oberen Zehntausend völlig ebenbürtig.
"Der Werbeprospekt Ihrer Firma ist völlig undurchschaubar." Der Staatsanwalt legte eines von Josefs Prospekten auf den Schreibtisch, so dass Josef einen Blick darauf werfen konnte. Aber er wusste ja, was darin stand.
"Sie bieten DAX Futures mit 10% Rendite an. In der heutigen Zeit." Der Staatsanwalt schüttelte den Kopf. "Niemand kann 10% bieten, schon gar nicht mit DAX Futures, deren Rendite sich im Bereich von zwei bis drei Prozent bewegt. Der Prospekt bietet keine klaren Angaben, wirft mit Fremdwörtern um sich, die kein Mensch in diesem Zusammenhang versteht, und beantwortet keine der Fragen, die einem Anleger durch den Kopf gehen, wenn er einen hohen Geldbetrag in dieses System investieren soll. Der Prospekt ist bunt und hat lustige Bildchen, ist ansonsten völlig wertlos." Josef hob den Kopf, sah den Staatsanwalt an und zuckte mit den Schultern.
"Immerhin hatten Sie Erfolg", seufzte der Staatsanwalt. Er legte den Prospekt wieder zu den anderen Beweismitteln. "Vierhundertfünfzig Anleger, sieben Millionen Euro. Sie müssen den Leuten ganz schön zugesetzt haben, damit sie Ihre Verträge unterschreiben." Josef verdrehte die Augen zur Decke und schüttelte kaum merklich den Kopf. In all seinen Verkaufsgesprächen hatte er sein Produkt überzeugend angeboten. Die Leute waren immer freiwillig bereit gewesen, Geld in seine Futures zu investieren.
"Natürlich", schnaubte der Staatsanwalt. "Und Sie hatten auch an Ihren früheren Schandtaten keine Schuld. Ihr Register ist lang, Herr Mahlzahn." Er schlug die Akte von hinten auf und las vor: "Bankrott, Konkursverschleppung, Kreditbetrug, Veruntreuung, Steuerhinterziehung. Der Versicherungsbetrug konnte Ihnen nicht nachgewiesen werden, aber trotzdem hat es für viereinhalb Jahre gereicht."
"Man hat mich nich' eing'sperrt", sagte Josef nickend. "Acht Jahr' lang hat man mich nich' eing'sperrt." Er versuchte angestrengt, den Dialekt seiner gewöhnlichen Kinderstube zu verbergen.
"Weil Sie den Ärzten ein gutes Theater vorgespielt haben", konterte der Staatsanwalt. "Sie haben gejammert, gewinselt, sich hilflos gestellt, besondere Pflege in Anspruch genommen und den Ärzten weis gemacht, Sie könnten sich in Ihrem Rollstuhl nicht selbstständig bewegen. Die einzige Justizvollzugsanstalt für Ihre scheinbar besonderen Bedürfnisse befindet sich in Paderborn. Und die hatte nun mal acht Jahre lang keinen Platz frei." Der Staatsanwalt lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Bis kurz vor Weihnachten. Da wurde ein Platz frei. Ihr Anwalt hat Sie darüber informiert." Er lehnte sich wieder nach vorne. "Und Sie haben die erstbeste Chance zur Flucht genutzt. Sind mit den drei Millionen Ihrer gutgläubigen Anleger nach Miami, Hotel ‚Excelsior'. Bevor die amerikanischen Behörden, die wirklich langsam waren, Sie fassen konnten, sind Sie nach Jamaika weiter. Im ‚Sun Inn' haben Sie die Zeit abgewartet, sich Wellness-Tage gegönnt, zwielichtige Frauen empfangen, teure Uhren gekauft, täglich Hummer und Kaviar verspeist und schon zum Frühstück Champagner für fast eintausendachthundert Dollar die Flasche getrunken. Da blieb wohl ein Großteil der drei Millionen."
Josef wusste, dass der Staatsanwalt ihn provozieren wollte. Eine unbedachte Äußerung sollte sein Verhängnis werden, bestätigen, was Hödl nur vermutete, aber nicht beweisen konnte. Doch Josef hielt sich zurück und schwieg. Seine Gedanken waren längst in England angekommen, wo er im ‚Vier Jahreszeiten' den besten Hummer seines Lebens gegessen hatte. Dazu hatte ihm der begnadete Koch Wildreis mit Kräuter-Sahne-Soße gereicht. Ein unvergesslicher Gaumenschmaus, der Josef noch jetzt ins Schwärmen brachte.
"Die Kosten des ‚Vier Jahreszeiten' in London liegen uns vor", stellte der Staatsanwalt nüchtern fest. Er hielt zwei Blätter in den Händen. "Die Suite zu fast eintausend Pfund die Nacht, sechzehn Mal Frühstück zu fast siebzig Pfund, Abendmenüs im Schnitt für zweihundert Pfund, zwischendurch Snacks und Imbiss, Rotwein der gehobenen Klasse." Er sah Josef tadelnd an. "Insgesamt knapp fünfzigtausend Pfund. Bezahlt in bar, daran konnte sich der Empfangschef erinnern. Es kommt sehr selten vor, dass eine derart hohe Rechnung bar bezahlt wird. Und auch noch mit nagelneuen, durchnummerierten Scheinen. Am Tag zuvor umgewechselt. Wieder achtzigtausend Euro weniger, die Sie auf Ihrer Reise nach Wien behindert hätten. Und wieder sind Sie nur knapp den Behörden entkommen, haben in letzter Minute den Flieger geschafft." Der Staatsanwalt ließ seinen Blick auf dem Rollstuhl ruhen, in dem Josef saß, eine karierte Decke über die Beine gelegt. "So hilfsbedürftig", sagte Hödl betont langsam, "sind Sie gar nicht. Zumindest reisen Sie schneller als manch Gesunder. Aber das ist ja auch nicht schwer, wenn man drei Millionen Euro bei sich hat. So viel Geld öffnet die meisten Türen."
Der Staatsanwalt zog aus den Unterlagen einen Reisepass heraus und zeigte ihn Josef aufgeschlagen. Der kannte das Dokument. Er hatte es kurz vor seiner Abreise in England gekauft. Der Händler hatte versichert, niemand würde die Fälschung erkennen. Doch Josef hatte sich in Wien ein Zimmer im ‚Hilton City' genommen, diesen Pass vorgelegt und keine zwei Stunden später war er fest genommen worden. Wegen dieses verdammten Passes war er überhaupt aufgeflogen. Sonst hätte er die Flucht um den Erdball noch weiter treiben können.
Der Staatsanwalt wedelte mit dem Pass vor Josefs Nase. "Aus England", sagte er. "Direkt aus London. Von einem schlechten Fälscher, der noch nicht einmal eine annähernd korrekte Passnummer eingetragen hat. Und das Wasserzeichen fehlt auch. Ich hätte Sie für klüger gehalten, Herr Mahlzahn. Aber Sie sind einem Anfänger auf den Leim gegangen. Wie viel haben Sie für diese dilettantische Arbeit bezahlt?" "Ich kenn' den Ausweis nich'", log Josef. "Ich seh' ihn heut' zum ersten Mal." "Aber es ist Ihr Foto, das darin ist." "Der Mann sieht mir nur ähnlich." "Der Richter wird das aber anders sehen. Der Pass wurde von Ihnen vorgelegt, Ihr Bild ist darin und sogar Ihr richtiges Geburtsdatum." Der Staatsanwalt schlug den Pass zu und legte ihn zurück in die Akte. "Die Beweislage ist erdrückend, Herr Mahlzahn. Die Kollegen haben gut recherchiert, alle Fakten akribisch gesammelt und das wird den Richter überzeugen. Diesmal rücken Sie ein. Mindestens zehn Jahre für diese neuen Straftaten: Betrug in vierhundertfünfzig Fällen, Veruntreuung von drei Millionen Euro, Urkundenfälschung, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Und auf Paderborn brauchen Sie nicht zu warten. Wer so flink um die Welt reist, kann auch in einer normalen Haftanstalt mit dem Rollstuhl am Fenster stehen und gesiebte Luft atmen."
Der Staatsanwalt nickte knapp und warf Josef ein triumphierendes Lächeln zu. Er klappte die Akte zu und drückte einen Knopf. Sofort kam der Polizist, der Josef auch schon hierher gebracht hatte. Der Staatsanwalt lächelte herablassend. "Worüber Sie wohl nachdenken werden, wenn Sie zehn Jahre lang in nur zehn Quadratmetern leben müssen?" Josef grinste so breit, dass der Hödl schwer schluckte. "Wah'scheinlich", sagte Josef leise, "über die Verwendung vo' dene fünf Millione', von dene' Sie nix wissen."



Eingereicht am 01. September 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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