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No Lucky Strike oder Eine Hommage à Rita 1918-1987

© Ulrich Rakoún


Ein Winterabend im Dezember des Jahres 1955 in Manhatten. Die Straßen sind verschneit und die eisige Kälte beginnt sich langsam aber allmählich durch das äußere meines von innen dürftig gefütterten Trenchcoats vorzuarbeiten. Und auch mein Kopf spürt trotz Hut noch die abendliche, stärker hereinbrechende Kälte. Auf einer ziemlich schäbigen Plakatwand werden ein paar alte Hollywoodschinken, mir unangemessen erscheinend, den Passanten angeboten: "Gilda" und "The Lady of Shanghai". Ich habe beide Filme schon so oft gesehen, kenne den Inhalt fast auswendig. Die Farben der "Shanghai-Lady" und des Mannes ihr gegenüber wirken fahl und irgendwie ausgebleicht, strahlen keine innere Kraft mehr aus, aber ich nehme die Einladung (auch im Wissen um meine kalte und unbeheizte Wohnung) trotzdem wegen der eisigen Kälte dankend an. Rita Hayworth, Glenn Ford und Orson Welles sind Schauspieler, die mich immer schon faszinierten. Mich irgendwie innerlich in einen Gefühlsrausch, ganz ohne äußerliche Ausbrüche, versetzten. Wenig später stehe ich vor dem Hochhaus, in dem sich das Kino befindet in welchem die Filme aufgeführt werden sollen und wo ich früher schon ein paar Male mit einer Freundin war, die an dem heutigen Abend "keine Zeit" hatte mitzukommen.
Auf der Leinwand des mittelgroßen Kinos im 20. Stockwerk verabschiedet sich Rita als "Gilda" soeben von einem Mann. Ihr laszives Lächeln breitet sich zwei Meter weit über die weiße Fläche auf der Bühne aus. Zieht mich irgendwie aus der Menschenmenge heraus und in den Bann. Ich fühle mich warm und wohl dabei. Möchte immer in diesem Augenblick sein - und bleiben. In dem bei Rita - Gilda. Sie hat eine Zigarette im rechten Mundwinkel, bietet dem Mann ihr links gegenüber (oder bin ich es vielleicht?) vor seinem Gehen auch eine an. Sie ist, wie allgemein bekannt, bald darauf von Welles geschieden. Danach mit dem Prinzen Ali Khan wieder neu verheiratet. Soll irgendwann eine Entziehungskur gemacht haben ("Pardon me, Rita"). Dann als sich Gilda - Rita von mir und ihrem Publikum abgewendet hat, kommt es auch schon. Das heißt, es rollt für einen Moment lang eine Gänsehaut über mein Inneres, genauer meine bisher eher nüchterne amerikanische Seele irischen Ursprungs : "Put the blame on mame. Put the blame on mame …" Ich denke eine Sekunde oder fast schon Minute lang, dass sie mich dabei anschauen müsste. Rita sing doch weiter, sing dies, dein, nein unser Lied. Es ist das, was mein Herz und meine Seele jetzt brauchen. Sing es für mich und die ganze Welt. Ich könnte sterben für dieses eine Lied und einen Blick von dir. Doch Rita dreht sich nicht noch einmal nach mir und den anderen Zuschauern um, hat nur ein Auge für ihren neuen Mann und Liebhaber, denkt ein einsamer Wanderer wie ich einer bin. Heute an einem kalten New Yorker Winterabend in einem mäßig beheizten Kinosaal.
Dann bin ich für einen Moment lang eingenickt, als mich die Zigarettenverkäuferin mit der Frage weckt, ob ich bei ihr Zigaretten kaufen möchte. "No thanks, I´m non-smoker. Es werden heute zwei alte, mir sehr vertraute Filme mit Rita - Gilda gezeigt, denke ich als die Verkäuferin schon lange wieder mit ihren Zigaretten fort ist. Ein Hauch von "Put the blame on mame," ist jedoch zurückgeblieben, der mich innerlich immer noch aufwühlt. Aber das Lied kommt an dem heutigen Abend nicht noch einmal wieder, auch als Rita später in einem anderen Film in einer Kussszene zusammen mit Orson Welles auf der Leinwand erscheint. Vielleicht hat sie das Lied in ihrer Garderobe vergessen, als sie sich für die neue Szene umzog oder ihr Make-up auffrischte. Oder ihr momentaner Ehemann Orson Welles hat sie ganz überraschend in der Garderobe besucht, wie er das manchmal tut. Sie hat ihm vielleicht von ihrem Zusammentreffen mit Marlene erzählt und Rita hat darüber ihr, unser Lied vergessen. Ich werde deshalb noch ein wenig warten müssen, eventuell so lange, bis sich nach der Pause der Vorhang zum neuen Film "Die Lady von Shanghai" wieder heben wird. Dann wirst du im Film in der Tür stehen und ich werde dich wieder singen hören. Ja, ich will dein Lied hören, nur eine Strophe davon, sprechen meine Gedanken fast schon laut, doch Rita hört mich nicht, weil sie sich gerade wieder eine neue Zigarette angezündet hat und in ein Gespräch mit Glenn, nein Welles vertieft ist.
Nein, an diesem Abend bist du wirklich nicht noch einmal mit deinem, unserem alten, immer wieder neuen Song zurückgekehrt. Ich stehe jetzt schon im Vestibül des Filmtheaters, fertig zum Aufbruch, als mir ein Mann im mittleren Alter eine geöffnete Packung "Lucky Strike" hinhält und mir eine Zigarette daraus anbietet. Er ist wohl auch nur einer von den vielen einsamen Wanderern an einem kalten New Yorker Winterabend, den seine Freundin versetzt hat, denke ich als ich ihm lauthals aber freundlich zu verstehen gebe : "No thanks, I´m non-smoker."
Als ich wenig später wieder allein auf dem Bürgersteig unten stehe, wo mich die gnadenlose Kälte der angebrochenen Nacht, die noch einiges von ihrer Kraft für mich bereithält, wenig liebevoll in Empfang nimmt, denke ich noch einmal zurück an Rita. Wie sie mir heute Abend so oft zugelächelt hat und dann ihr Lied für mich gesungen hat. Für mich allein. Das Lied und ihre sanft ausgesprochenen Worte klingen in meinem Wernickeschen Sprachzentrum noch lange und andauernd fort. Bald schon hat mich die Menschenmenge der Weltstadt in sich aufgesogen und mit sich weit fort getragen. Irgendwohin - nirgendwohin - ich schwimme einfach mit den anderen in der Masse mit. Möchte ich eigentlich noch irgendwohin ohne dich, mein Liebling? Ich fühle mich wie vom Erdboden verschluckt. Irre einsam umher durch tiefe Schluchten von hohen Türmen eines anonymen Babylon ("Tor Gottes", aber es ist das zu einer irdischen Hölle, die New York heißt) - kann man so allein sein unter so vielen Menschen, denke ich noch, als ich mich einige Zeit später zu Hause im Norden von Brooklyn und in meiner Wohnung befinde. Es ist so kalt in meinem Schlafzimmer und in den anderen Räumen, weil ich das Geld für die Heizkosten nicht mehr aufbringen und bezahlen konnte und der Besitzer mir einfach kurzerhand die Heizung abgestellt hat.
So begebe ich mich sogleich zu Bett mit einem Glas heißen Tee (nicht ohne den Rum darin) und stelle vorher noch den Plattenspieler an. Von der Langspielplatte ertönen deine alten Lieder und führen mich zurück bis in das Kino, wo ich mich vor kurzem noch aufhielt. Sie stimmen mich ein wenig melancholisch, so dass ich es gerade noch aushalten kann. Jetzt fängt Rita wieder an zu singen. "Put the blame on mame. Put the blame on…"
Ich unterbreche sie ungern in ihrem Lied, tue es aber trotzdem: "Yes. Put the blame on mame", singe ich mit einer von der Kälte draußen oder in meinem Zimmer heiser gewordenen Stimme, indem ich dabei mit dem Zeigefinger von meinem auf dem Bett liegenden, ausgestreckten, noch nicht so alten, aber auch nicht mehr ganz jungen Körper sehnsüchtig auf dein Photo an der Wand zeige und gleichzeitig beobachte, wie dichte Qualmringe langsam zur Decke meines Zimmers aufsteigen. "Klickedi - klickedi - klick." Mehr fällt mir zu dem Zigarettenqualm und dem Bild im Moment nicht ein. Ich hatte noch eine halbvolle Packung Lucky Strike von der Zeit vor meiner Nikotinabgewöhnung irgendwo in einem der Fächer meines Wohnzimmerschranks gefunden und habe deiner Einladung zu einer Zigarette aufgrund meiner etwas labilen Natur nun etwas verspätet Folge geleistet.
Jetzt fühle ich mich nicht mehr so einsam, denn Rita steht mir in meinem Traum gegenüber und lächelt mich aus ihren großen (ich habe die genaue Farbe deiner Augen vergessen, Darling) Augen an. Ich bin irgendwann am Abend oder in der Nacht aufgestanden, überlege ich kurz und habe sie in ihrem New Yorker Apartment aufgesucht. Sie war zufällig nicht an der Westküste oder in Südfrankreich und hat mir, einem ihr völlig unbekannten Verehrer und Fremden geöffnet. Nun also stehe ich ihr am offenen Kamin ihres Wohnzimmers, in dem ein Feuer brennt und knistert, gegenüber. Es ist so wohlig warm in der Wohnung, ganz anders als draußen und bei mir zu Hause. Ich möchte immer hier bleiben bei Rita. Dann denke ich noch, wie schön sie doch ohne Make-up ist, als sie mir plötzlich den Rücken zudreht und leise mit ihrem Lied beginnt : "Put the blame on mame,.." Ich fühle wie das Blut in meinen Adern zu gefrieren beginnt und mir erneut eine Gänsehaut, nun über den ganzen Rücken läuft. Sing weiter, sprechen meine Gedanken laut, sing weiter und lass mich nicht noch einmal als Ertrinkender zurück. Als Ertrinkender im Meer der Liebe, das zu tief für mich ist durch all die vielen Empfindungen, die dein Lied in mir entfacht hat. Sing es immer wieder für mich Baby in dieser einsamen Nacht. Lass mich nicht allein mein Engel, sondern "Stand by me" singe ich ihr als Refrain zu einem anderen, mir gerade einfallenden und bekannten Song, ganz ohne Worte zu.
Als sich Rita wieder zu mir umdreht, habe ich die leise Hoffnung und irgendwie den nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass sie mich (weil sie so merkwürdig mit ihrem linken Auge zwinkert - das ist so ihre Art) verstanden hat. Sie hat eine neue, unangebrochene Packung Lucky Strike in ihrer rechten Hand und bietet mir (oder ist es vielleicht Orson in dem Film-noir-Klassiker der Shanghai-Lady?) erneut eine Zigarette an. Ich überlege kurz, nachdem sich mein Blutkreislauf wieder etwas von und nach dem Lied erholt und normalisiert hat und erwidere ihr in Gedanken, so dass sie mich kaum verstehen kann, sanft und zärtlich : "No, thanks Rita, I´m sure, I am non-smoker.
Die Nacht ist schon fast vorbei. Ich muss irgendwann eingeschlafen sein und der Plattenspieler hat in der Zwischenzeit immer wieder leise die gleiche Platte mit deinen alten Liedern gespielt. Ich wage kaum noch, die Hand aus dem Bett zu strecken, so kalt ist es in der Wohnung geworden. Schließlich tue ich es aber doch und verbinde die Gelegenheit mit einem letzten Gang ins unbeheizte Bad und danach zum Lichtschalter. Wenn du mich doch so sehen könntest, Gilda. Ich schäme mich richtig für diesen, meinen momentanen Zustand. Ich werde morgen früh gleich den Hausmeister anrufen und ihn bitten, die Heizung wieder anzustellen. Irgendetwas Passendes wird mir schon dazu einfallen. Schließlich liegt mein fertiges Drehbuch für einen neuen Film mit Rita schon so lange in meinem Schrank und wartet nur noch auf eine Vorsprache und Annahme bei Warner Bros. und Columbia. Und ich kann doch letzten Endes auch nicht jeden Abend in das Kino und zu Rita gehen. Dann fallen mir die Augen endgültig zu, und ich begebe mich noch einmal zu Rita in die Fifth Avenue, die mich schon lachend und mit einem vollen Whiskeyglas in der rechten Hand in ihrer Wohnungstür erwartet. Auch das geheimnisvolle Lied dringt nun im Traum immer wieder bis an das Äußere meines Gehörgangs. Dann tiefer und tiefer bis in die Cochlea, den Teil meines Innenohrs. Ich kann mich aber trotz allem nicht mehr daran erinnern, was noch weiter in derselben Nacht passiert ist, weil der Traum mit Rita irgendwo, irgendwann aufhörte, als ich mich schon zu weit von ihr und mir und unseren gemeinsamen Gefühlen entfernt hatte …
Als ich aus meinem kurzen, tiefen Schlaf erwache, höre ich es wieder, immer wieder. Es fließt langsam, dann immer schneller auf mich und mein erwachtes Bewusstsein zu, lässt sich nicht mehr abweisen. Lässt mich nicht mehr los, will nicht mehr fort von mir - hat mich endgültig gepackt und wird zu einem Teil von mir. So taumle ich von einem Rausch zum anderen, bis mich Ritas sanfte Stimme davon erlöst und innerlich beruhigt hat : "Put the blame on mame. Put the blame on mame…. Danke Gilda, Dank sei dir und der Nacht… Dann denke ich nicht mehr…
When Mrs. O'Leary's cow kicked the lantern - in Chicagotown,
They say that started the fire - that burned Chicago down.
That's the story that went around, but here's the real lowdown,
Put the blame on mame boys, put the blame on mame.
Mame kissed a buyer from out of town,
That kissed burned Chicago down.
So you can,
Put the blame on mame boys,
Put the blame on mame.
Remember the blizzard, back in Manhatten, in 1886.
They say that traffic was tied up, and folks, were in a fix.
That's the story that went around, but here's the real lowdown.
Put the blame on mame boys, put the blame on mame.
Mame gave a chump such and ice cold No,
for seven days they shoveled snow.
So you can.
Put the blame on mame boys,
put the blame on mame..."
Doris Fisher & Allen Roberts
Text und Musik zum Film Gilda, USA 1946
Als ich wieder zu mir komme, erkenne ich über mir zwei strahlend weiße Reihen von Perlen aus Elfenbein. So erscheint es meinen halbverschlafenen Augen wenigstens. Nein, entschuldige bitte, es ist dein Mund mit deinen Zähnen darin Gilda, der mich aus einem strahlenden Gesicht heraus anlächelt. Dann murmele ich irgendetwas beinahe Unverständliches wie: "Gilda, Gilda…", vor mich hin und höre wie mir deine zärtliche und sanfte Stimme aus nächster Nähe liebevolle Worte in mein Ohr flüstert. "Gilda, ach meine liebe Gilda, bleib bei mir und…!"
"Gilda? Wer ist Gilda? Hier ist Betty, was redest du bloß wieder in deinem Albtraum für einen Unsinn. Ich bin Betty, deine Verlobte, und wir befinden uns immer noch in Hamburg-Fuhlsbüttel im Januar 2000. Und eiskalt ist es auch wieder in deiner Bude, weil du vergessen hast, die Heizung anzudrehen. Was hast du bloß mit meinem Bild an der Wand gemacht - mir mit Lippenstift meine Haare rot angemalt! Nein hat man da noch Töne! Ich für meinen Teil werde jetzt erst mal ein richtiges Frühstück für uns beide machen. Du kannst ja allmählich versuchen, von deiner geliebten Gilda auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren und vielleicht einen ersten Schritt aus dem Bett unternehmen.
Nein, in was für einen verrückten Mann ich mich da nur verliebt habe! Fast so schlimm wie Humphrey Bogart, wie er sich als Privatdetektiv Philip Marlowe als "einsamer Wolf" durch die Unterwelt von Los Angelos kämpfte. Jetzt hast du mich sogar schon angesteckt mit deinen ewigen Filmspinnereien. Ich werde wohl doch ein bisschen besser auf dich aufpassen müssen, sonst landest du noch einmal in Hollywood oder in der …"



Eingereicht am 31. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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