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Abschied (Nesthäkchen wird flügge)

© Gaby Schumacher


Es fing schon vorgestern an. Mir war so komisch. Im Laufe des Tages steigerte sich dieses Sammelsurium von Gefühlen, das mich total unter Kontrolle hielt. Nicht ich meine Gefühle, sondern sie mich.
Gestern dann lief ich mit starkem Herzklopfen durch die Gegend, immer bemüht, einigermaßen gefaßt zu erscheinen. Schließlich war das, was auf mich unweigerlich zukäme, völlig normal, mußte eines Tages ja so kommen und gab eigentlich eher Anlass zum Stolz. Obwohl mein Verstand versuchte, mir genau das einzuhämmern, spielte mein Herz verrückt. In der Nacht dann war es soweit: Ich heulte. Ich führte mir alles vor Augen, was mir ein Außenstehender, wahrscheinlich auf mitfühlende, taktvolle Weise garantiert auch gesagt hätte. Aber es half nicht. Ich fühlte mich hundeelend.
Ich dachte nur noch: Hoffentlich ist es morgen früh schnell vorüber. Hoffentlich geht es schnell, das Abschiednehmen. Ja, ich hätte mich von Katja zu lösen. Papa würde sie nach Paris bringen, wo sie in einer französischen Familie als Aupair ein Jahr lang leben sollte. Sie hatte mir bereits Fotos von der Familie gezeigt. Sehr sympathische Eltern und zwei ganz süße Kleinkinder. Ein Mädchen von zweieinhalb und ein Junge von fünf Jahren. Kati hatte sie während eines Kurzurlaubs in der Bretagne schon näher kennen gelernt. So waren sie ihr nicht mehr ganz fremd.
Dann wurde es "morgen früh". Erwartungsgemäß wachte ich schon gegen halb sieben Uhr relativ unausgeschlafen auf, riss Knödelchen aus seinem Tiefschlaf und spazierte mit ihm eine kleine Runde an der frischen Luft. Als wir heimkehrten, hörte ich den Papa meiner Kinder schon in der Küche rumoren. Schlagartig wackelten mir die Beine. so früh des Morgens rumorte da sonst niemand herum.
Kurze Zeit später klappte in der oberen Etage eine Tür, Katjas Zwillingsschwester Tina war auch auf. Mit betretener Miene erschien sie in der Küche, war äußerst wortkarg. Wunderte mich gar nicht, denn mir ging es genauso. Wir hatten alle keine Lust, irgendwelche Banalitäten auszutauschen. Jeder hing seinen Gedanken nach, die nicht zu kennen für die zwei anderen wohl eher eine "Gnade" war. Allerdings wären es wohl die gleichen Gedanken, die jeden bewegten.
Wir warteten auf die Hauptperson des heutigen Tages, unser Nesthäkchen Katja. 21 Jahre und zwei Minuten jünger als Tina. Ab und an machten sich diese zwei Minuten Altersunterschied sogar bemerkbar. Dann lächelte ich still vor mich hin.
Katja ließ nicht lange auf sich warten, setzte sich an den Tisch und goß sich Orangensaft ein. Dann schnappte sie sich einen ihrer geliebten Laugenbrezeln und biss hinein. Im nächsten Moment legte sie sie versteinerten Gesichtsausdrucks zurück auf den Teller, trank auch keinen einzigen Schluck, wandte sich ab und meinte: "Ich habe Bauchschmerzen. Ich habe keinen Hunger." Sie verschwand und beschäftigte sich unnötig hektisch mit ihren Koffern, die an und für sich, wie es für mich aussah, bereits fertig gepackt waren. Mir war klar: Kati litt auf ihre stille Weise und wollte versuchen, ihre Gefühlsaufwallung allein in den Griff zu bekommen. Die Reise verschob sich um eine halbe Stunde, weil Katja einfiel, sie hätte etwas Wichtiges vergessen auszudrucken. So fuhren sie erst gegen halb zehn los. "Mama, kommst du denn mit nach draußen?", fragte mich meine Tochter. "Natürlich!", sagte ich nur und streichelte kurz ihren Arm. Ein kurzer Blick von ihr in meine Augen, dann wandte sie schnell den Kopf zur anderen Seite. "Himmel, wie schaffe ich die nächsten zwei Minuten vor dem Wagen?" Mein Herz raste. In der Situation konnte ich gar nicht mehr richtig denken, nur noch: "Gleich ist mein Jüngstes fort. Ich sehe es erst Weihnachten wieder!" Sentimental, aber vielleicht da normal.
Wir standen alle ziemlich hilflos vor dem Wagen. Schließlich ergriff ich die Initiative und drückte meine Tochter an mich. Prompt kamen mir die Tränen und es versagte mir fast die Stimme. "Kati, du wirst mir fehlen!", presste ich schluchzend hervor. Ich sah sie an. Katja ging es kein bisschen anders als mir. Sie brachte kein Wort heraus. Dann verabschiedeten die Zwillinge sich voneinander. Beide weinten, als sie sich umarmten. Katja beeilte sich ins Auto zu steigen und schlug ihre Türe sofort fest zu. Sie blickte starr geradeaus. Ich konnte mich noch nicht trennen, ging langsam auf ihr Fenster zu und klopfte mit dem Zeigefinger kurz dagegen. Katja sah mich mit einem mühsamen Lächeln an. Der Papa startete den Wagen und sie verschwanden langsam hinter der nächsten Kurve. Ich stand da und winkte. Tina hatte sich schon ins Haus verkrümelt. Mir war klar, sie war fertig mit der Welt. Auch ich ging ins Haus zurück, verschwand in meinem Zimmer und heulte mir die Anspannung und Traurigkeit von der Seele.
Und dann gestand ich mir ein: Eigentlich sollte ich doch stolz auf meine Kinder sein, die so zielstrebig ihr Leben in die Hand nahmen. Ich war es und ich litt trotzdem.
Es war doch kein Abschied für immer. Paris war nicht aus der Welt. Tina und ich führen nach Paris, um Katja dort zu besuchen. Ich freute mich doch so für sie und trotzdem fiel es mir so schwer.
Dann, als ich mich ein wenig beruhigt hatte, sagte ich mir: Du hast sie eben sehr lieb ... deshalb!!



Eingereicht am 28. August 2005.
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