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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Bilder

© Annett Günther


Sie sitzt in ihrem Zimmer und malt.
Die Farbe tropft von ihrem Pinsel herunter.
Sie starrt auf die Wände, Wände bemalt mit Gesichtern.
Sie schaut die Gesichter an und erkennt ihre Großmutter.
Zu ihr ist sie immer gegangen wenn keiner da war, mit dem sie reden konnte.
Das Gesicht ihrer Großmutter ist weiß.
Vom Pinsel tropft weiße Farbe.
Es leuchten ihr blaue Augen mit langen schwarzen Wimpern entgegen.
Es sind die Augen ihrer Freundin. Augen, die manchmal mehr sagen als Worte.
Vom Pinsel tropft Wasser auf den Boden.
Geburtstag.
Ein Mädchen reißt mit Gewalt das Papier von ihren Geschenken.
Enttäuscht steht sie auf, in ihrer Hand hält sie einen Pinsel.
Der Pinsel ist gelb gefärbt.
Sie sieht das Lächeln eines Jungen auf der Wand, sie lächelt zurück.
Sie schaut auf den Boden und fängt an die Borsten zu zählen, die so stachlig sind wie die Barthaare des Jungen, der wieder mal nicht da ist.
Er ist in der Fabrik, er arbeitet in Schichten.
Immer wenn er nicht da ist, räumt sie ihr Zimmer um. Sie stellt ihre Bücher, Schallplatten und ihre Gipskatzen von einer Ecke in die andere.
Ist sie damit fertig, putzt sie Fenster, wischt Staub. Am Abend fällt sie todmüde ins Bett. Doch schlafen kann sie nicht.
Immer wartet sie auf ihn. Er bemerkt nie, dass ihr Zimmer anders aussieht.
Wenn er nach Hause kommt reagiert er auf gar nichts mehr.
Manchmal möchte sie einfach ihre Sachen packen, aufstehen und gehen.
Irgendetwas aber hält sie bei ihm.
Sie kann ihn einfach nicht fallen lassen wie ein Stück Papier. Wie ein Stück Papier, das sie gerade vom Boden aufhebt und auf dem geschrieben steht: "Ich komme heute später nach Hause."
Vom Flur fällt Licht in den Raum. Sie schließt die Augen.
Die Angst, sie schafft es nicht mehr, jeden Tag ihr Zimmer immer wieder umzuräumen, ist wieder da.
"Das Abendbrot ist fertig", sagt ihre Mutter wie jeden Tag um diese Zeit.
Während sie langsam zu Tür geht, schaut sie ihre klein gemusterte Tapete an.
Ihre Plüschtiere stehen wieder in einer anderen Ecke.
Und auf einem Stuhl liegt ein Pinsel mit aus gerissenen Borsten.



Eingereicht am 26. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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