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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Schicksal?

© Hannelore Sagorski


Endlich geht es wieder bergauf. Fast drei Jahre habe ich gekämpft, gegen meine Krankheit und gegen mich. Lange hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass nichts mehr wird, wie es einmal war. Leukämie, ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit ich im Krankenhaus verbracht habe. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, finde, vielen Menschen geht es schlechter als mir. Seit einigen Wochen fahre ich jeden Tag mit dem Fahrrad in den nahe gelegenen Wald. Diesen Wald kenne ich wie meine Hosentasche. Hier, direkt neben dem alten Försterhaus habe ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht. Die alte Baracke, in der wir wohnten, steht schon lange nicht mehr. Aber das alte Waschhaus mit dem Plumpskloo steht nach fünfzig Jahren immer noch. Und die Bäume sind noch größer und wuchtiger geworden. Jeden Weg, und ist er auch noch so klein und unscheinbar, kenne ich, noch heute weiß ich, wohin er führt. Angst hatte ich nie. Für mich war der Wald ein Freund, ein Beschützer, der mir mit seinem Rauschen Geschichten erzählt hat. So ist es auch heute noch. Ich spüre, wie die Ausflüge mir neue Kraft geben. Ja, ich kann mich freuen, über die Maiglöckchen im Unterholz, wie herrlich sie duften, und die kleine Au, wie sie langsam dahin plätschert. Freude war für mich vor ein paar Wochen noch unvorstellbar. Ich war mit meinem Selbstmitleid so beschäftigt, dass ich nichts mehr gespürt habe, war innerlich tot. Deshalb verstehe ich nicht, warum mein Mann ständig herumnörgelt, nur weil ich allein in den Wald fahre. Ein potenzieller Sittenstrolch wartet bestimmt nicht auf so eine alte Schachtel wie mich.
Auch heute fahre ich wieder in den Wald. Wie immer kommt eine Thermokanne mit Kaffe und ein paar Kekse in den Fahrradkorb. Nur das Wetter meint es nicht sehr gut. Leichter Nieselregen fällt vom Himmel. Ist mir aber egal, und schon nach ca. 20 Minuten fahre ich hinein in den Wald. Während einer kleinen Pause fällt mir die Stille auf. Sonst habe ich immer Radfahrer oder Jogger getroffen. Heute ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Sogar die Vögel haben sich verkrochen, kein fröhliches Zwitschern ist zu hören. Dafür wirkt das Rauschen der Bäume heute auf mich irgendwie bedrohlich. Alles nur Einbildung, denke ich, und fahre weiter. Aber ich kann dieses Gefühl nicht abschütteln, es wird stärker, und ich fühle mich beobachtet. Mein Blick durchstreift das Unterholz, aber ich kann nichts entdecken. Nur diese unheimliche Stille frisst mich fast auf. Ich will nur noch raus aus diesem Wald. Trete wie eine Wahnsinnige in die Pedale, muss dann aber noch eine Pause einlegen, weil ich einfach nicht mehr kann. An einer Kreuzung halte ich. Normalerweise setze ich mich hier immer auf die Bank am Rand. Aber heute bleibe ich mitten auf der Kreuzung stehen. So kann ich alle Richtungen beobachten. Als ich mir einen Kaffee einschenke, höre ich hinter mir ein Geräusch aus dem Unterholz. Zielstrebig kommt ein Mann auf mich zu. Seine Gestalt lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Meine Knie zittern, ich wage kaum zu atmen. Fast zwei Meter groß und kräftig. Weglaufen also zwecklos, ich sollte versuchen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Als er kurz vor mir steht, spüre ich den warmen Kaffeebecher in meiner Hand. "Wie wär's mit einem heißen Kaffee bei diesem Sauwetter", höre ich meine Stimme. Er bleibt irritiert stehen, starrt mich an. Kalte, stechende Augen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, halte seinem Blick aber stand. Eine Antwort warte ich nicht ab, sondern drücke ihn den Becher einfach in die Hand. Dabei zwinge ich ihn, mich anzuschauen. Ich spüre eine leichte Verunsicherung bei ihm. Gut für mich, und so frage ich weiter. "Hast du dich verirrt?" "Ja, nein", nuschelt er und fährt sich dabei mit der Hand durch seine fettigen Haare. "Kann ich dir helfen?" hake ich nach. "Nee, lass man". Dann trinkt er schnell den Kaffee aus, schmeißt den Becher in den Fahrradkorb und verschwindet wortlos im Unterholz. Mich hält hier auch nichts mehr, will nur noch nach Hause. Unterwegs mache ich mir noch ein paar Gedanken über diesen komischen Kauz. Auf mich wirkte er ziemlich bedrohlich. Kann aber auch alles nur Einbildung sein. Den Wald werde ich wohl erst mal meiden.
Am nächsten Tag geht es wie ein Lauffeuer durch's Dorf. Im Wald hat man eine weibliche Leiche gefunden, erstochen.



Eingereicht am 08. August 2005.
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