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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Gemeinsam

© Sebastian Reimann


Man sagt, dass auf jeder einsamen, verlassenen Kreuzung der Teufel sitzt. Oft erkennt man ihn nicht, weil er selten in seiner wahren Gestalt erscheint. Meist ist er auch nur ein Gedanke, der einen plötzlich und unerwartet trifft, wie ein Lottogewinn. Nur dass man für diesen Gewinn oft einen hohen Preis bezahlen muss.
Eines Tages kam Joe an eine dieser Kreuzungen ...
Joe hatte gerade seine Arbeit verloren und war auf dem Heimweg. Deprimiert ging er einen einsamen Feldweg entlang. Nach einer Weile kam er an eine dieser sagenumwobenen Kreuzungen.
Mitten auf der Kreuzung blieb er stehen. Wo sollte es hingehen? Eigentlich nach links, denn in dieser Richtung war seine Familie und sein Haus.
Sie wussten nicht, dass er gefeuert wurde. Er hatte Angst, es ihnen zu sagen. Denn er wollte sie nicht beunruhigen, sich mit seiner Frau auseinandersetzen und eventuell noch einen Streit vom Zaun brechen.
Grübelnd starrte er auf den Weg, schüttelte den Kopf und drehte sich wieder um.
Nun betrachtete Joe die drei anderen Wege. Seltsame Gedanken tauchten mit einem Mal vor seinen Augen auf.
Er wusste, würde er den rechten Weg nehmen, träfe er seine Freunde aus dem Verein, die ihm mit ihrem hohlen Gerde nur auf die Nerven gehen würden.
Der Weg zurück kam auch nicht in Frage. Die Geschichte hatte sich ein für allemal gegessen.
Blieb nur noch der Weg nach vorn.
Ängstlich sah er diesen entlang. Was mochte dort wohl sein? War es dort schön oder waren da nur dieselben Gefahren wie auf den anderen Wegen. Vielleicht hätte er da ja Erfolg. Was aber wenn nicht? Dann wäre er ganz allein und niemand könnte ihm beistehen.
Joe hatte Angst. Für ein paar Augenblicke, erschienen alle möglichen Szenarien vor seinen Augen. Eines zeigte ihn als einen erfolgreichen Medienstar, dem die Frauen zujubelten und der von allen geliebt wurde. Aber auch Einsamkeit lag dort. Wenn der Abend kommt und er allein und verlassen in seiner Wohnung säße, wäre dann jemand da der auf ihn wartet, dem er Vertrauen konnte?
Eine andere Vision zeigte ihm, wie er wieder in einem neuen Job arbeitete. Wieder war er erfolgreich, arbeitete Tag und Nacht. Die Arbeit brachte viel Geld ein.
Das wäre sicher schon ein großes Glück, dachte er. Doch könnte seine Familie mit seiner ständigen Abwesenheit umgehen?
Joe seufzte, wenn ihm doch jemand helfen könnte. Traurig lies er sich auf die Mitte der Kreuzung fallen und weinte bitterlich.
Als es schon dunkel war und er immer noch auf der Kreuzung saß, hörte Joe plötzlich Schritte, die sehr schnell in seine Richtung liefen. Im letzten Dämmerlicht erkannte er die strahlend schöne Gestalt seiner Frau. Sie weinte, denn sie hatte sich große Sorgen gemacht. Auf die Frage hin was er hier die ganze Zeit gemacht hatte, erzählte ihr Joe, was ihm an diesem Tag passiert war. Er erzählte ihr auch, was er auf der Kreuzung gesehen hatte und welche Ängste er dabei gefühlt hatte.
Seine Frau lächelte ihn zärtlich an, streichelte seine Wange und sagte: "Ja, weißt du denn nicht, dass es auch vor unserem Haus einen Weg gibt, der nach vorne führt? Wir gehen ihn doch jeden Morgen gemeinsam."
Ja richtig, Joe begann zu lächeln. Er nahm seine Frau bei der Hand und sie gingen zurück in sein Haus.



Eingereicht am 04. August 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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