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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Dann gehen wir hin und bleiben weg

© Karl-Heinz Manier


Ich fühle ihren forschenden Blick auf meinem Gesicht.
"Wie geht es dir denn heute, Friedrich?"
Sie entfernt ein paar Fuseln von der Bettdecke bevor sie diese glatt streicht; sagt dann ohne jegliche Vorwarnung: "Was hast du nur bis jetzt von deinem Leben gehabt, mein Lieber? Morgens aufstehen und schaffen gehen, Überstunden machen; abends gerade mal die Nachrichten sehen und ab ins Bett, damit du am nächsten Morgen wieder fit für die Arbeit bist ... Und an den kurzen Wochenenden mal eben einen Spaziergang mit Freunden oder Verwandten einschieben wo andere Verpflichtungen es erlauben ..."
Margret gibt sich mit mir alle Mühe. Sie kommt, setzt sich auf mein Bett und redet mit mir; nimmt meine Hand in die ihre; erzählt mir alles, was ihr gerade so durch den Kopf geht. Das macht mich traurig, obwohl ich mich für sie freuen müsste; macht mir altem Egozentriker das Verweilen in diesem Leben, oder wie man meinen Zustand auch immer nennen könnte, schwer. Und allmählich drängt sich mir der Gedanke auf, dass sie mich nicht nur nicht mehr braucht - auch die Zeit, die sie hier verbringt, in der Hoffnung und der Erwartung mein Zustand könne sich ändern, wird für sie immer mehr zur Belastung.
Schrecklich, wie einsam ich mich fühle.
Nicht allein gelassen - einsam. Die Stimmungen kommen und gehen wie sie wollen. Und ich kann nichts dagegen machen. Das ist schlimm. Ich gebe mir wirklich die größte Mühe positiv zu denken. Bin auch kein Spielverderber, aber beim besten Willen - es klappt einfach nicht so wie ich es gern hätte. Meistens jedenfalls nicht.
Sie hat vollkommen Recht: Wofür das alles?
Wofür setzen wir uns an den Computer, und hacken wie die Wilden auf der Tastatur herum? Welcher Sinn besteht darin, seitenlange Texte in ein Forum zu setzen? Sich Gedanken zu machen über Personen die nicht einmal real existieren? Über Abläufe die jeder anders sieht?
Ihr bekommt nicht nur nichts dafür, ihr investiert viel Freizeit, vernachlässigt dadurch eure Familie, müsst die Providergebühren tragen. Und wofür?
Damit jemand kommt und sagt: Oh Mann, du hast dir aber viel Arbeit gemacht, aber so funktioniert das nicht?
Steckt aber nicht doch ein Sinn dahinter? Auch wenn er sich nicht gleich und jedem offenbart?
Und warum sollte das mit unserem Leben anders sein?
Wer kann das wissen? Aber sein könnte es doch, oder? Warum also sollte ich nicht hoffen können? Darauf, dass ich weiterleben werde; gesund werde; sich meine Vorstellung bewahrheitet und ich nicht umsonst gelebt habe; mein Glaube der Richtige ist?
"... Warum haben wir nicht einfach weggeschaltet, sind nach Spanien oder Portugal gefahren. Algarve! Friedrich, wie oft habe ich davon geträumt mit dir an die Algarve zu fahren, Urlaub machen. Drei Wochen nichts tun, nur in der Sonne liegen, spazieren gehen und die herrliche Cataplana genießen ..."
Ja, Margret, warum sind wir nicht einfach hingegangen und sind weggeblieben? Wer war denn immer die treibende Kraft in unserer kleinen gesetzlichen Gemeinschaft, unserer Ehe? Klar bin ich den bequemeren Weg gegangen, statt mich damit auseinanderzusetzen. Aber habe ich nicht auch davon profitiert, indem ich bei dem Einen nachgegeben und dadurch auch das Andere bekommen habe? Woher sollte das Geld für die neue Einbauküche, den neuen Wohnzimmerschrank, den supergünstigen Teppich kommen? Nur die Wenigsten kommen auf die Welt und haben schon alles. Sind sie deshalb glücklicher? Was wären wir denn ohne unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unsere Träume?
"... Friedrich - ich glaube wir haben einiges falsch gemacht, in unserem Leben."
Mag schon sein, wir hätten einiges anders einrichten können. Aber nachher meckern gilt nicht.
Mit der Zeit wächst die Schwierigkeit zwischen Träumen, bildhaftem Erinnern und gedanklichen Vorstellungen zu unterscheiden. Träume ich, bin ich wach, bilde ich mir ein wach zu sein? Manchmal bin ich mir nicht einmal sicher, ob Margret tatsächlich hier neben mir auf dem Bett sitzt und mit mir spricht.
Und auch das Bewusstsein selbst bereitet mir zunehmend Schwierigkeiten. Es ist schon seltsam: Da kann man noch so viel reden und debattieren ohne eine Linderung zu erfahren, aber so eine kleine, runde Pille wirbelt alles durcheinander. Wenn die Chemie nicht stimmt, stimmt einiges in und an uns nicht. Das macht mir zu schaffen.
Worauf beruht das was ich bin?
"Werde nur wieder gesund, Friedrich. Wenn du wüsstest wie sehr du mir fehlst!"
Mein Denkvermögen weist immer noch Lücken auf. Meinen Erinnerungen fehlen die Zusammenhänge, bestimmte Zeiten oder Gegebenheiten fehlen ganz. Auch an die Situation, die für diese hier verantwortlich ist. Mit jedem Besucher hoffe ich mehr zu erfahren. Und jedes Mal die Enttäuschung, wenn jemand kommt, sich nicht einmal an mein Bett zu treten traut. Und tut er es doch, ist er dermaßen überfordert, dass er den Mund nicht aufbringt.
Mein Bruder war zu Besuch.
Selbst hier an meinem Krankenbett konnte der nicht aus seiner Haut raus. Unablässig ist er im Raum herumgelaufen, hat für alles Interesse geheuchelt - nur mit mir hat er nichts anzufangen gewusst - und sehr nervös gewirkt.
Dass er sich seine blöden Standard-Sprüche verkniffen hat, rechne ich ihm hoch an. Gehört er doch zu den Typen, die sich selbst in den Schlamassel manövrieren und dann anderen die Schuld dafür geben. Dieser Hektiker würde einen Fehler selbst dann nicht eingestehen, wenn er ihn vor anderer Leute Augen machte! Und dann noch blöde Sprüche darüber kloppen ...
Wie werden doch noch die Leute genannt, die einem Gegenstand bei einem Missgeschick das Verschulden zuschreiben - böses Ding, hast mir in den Finger geschnitten - ? Wusste ich auch mal ...
So schnell er gekommen ist, so schnell ist er auch wieder weg.
Hau doch ab, Mann! Auf solche Alleinunterhalter wie dich kann ich verzichten, verstehst du?
Warum bist du überhaupt gekommen. Margret hätte dir auch erzählen können, dass ich immer noch nicht tot bin!
So lange alles in Ordnung ist, macht sich keiner Gedanken über den Tod und Begleiterscheinungen wie Organspende, Patientenverfügung und dergleichen. Warum auch? Dazu ist immer noch Zeit! Denkt man. Mit meinen paar Vierzigern habe ich noch massenhaft Spielwiese. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von vierundsiebzig Jahren, bei Männern in Deutschland - denkt man. Schließlich ist Opa auch steinalt geworden. Wer denkt schon morgens nach dem Aufstehen freiwillig an den Sensemann - oder etwa beim Frühstücken? Während der Arbeit - an den Tod anderer vielleicht, aber nicht an den eigenen! Oder beim Feierabend-Trunk; oder überhaupt?
Ich jedenfalls nicht. Passieren tut immer den anderen etwas. Mir nicht. Und sterben ... ich lebe doch!
Das Sterben passiert von alleine.
Und dann fährst du nichts ahnend über die Landstraße, und dann ... Ja, und dann? Was war dann? Was ist überhaupt passiert? Hier klafft eine große Lücke in meinen Erinnerungen.
Jedenfalls, dann passiert etwas - und du stehst urplötzlich vor einer anderen Welt, bist überhaupt nicht darauf vorbereitet. Und dann?
Noch jemand war hier: Ein Patrick Zornemann, wenn ich das richtig verstanden habe.
Der junge Mann tat mir gut.
Er hat mir bestätigt, worauf die anderen nicht eingehen wollten - es war ein Verkehrsunfall. Und ich habe schwere Hirnverletzungen. Das ist die Ursache meines Übels.
Er wäre der Verursacher, sagte er, und es täte ihm Leid.
Die Taste "Zurück" drücken, und alles ist wieder in Ordnung. Als wäre nichts geschehen. Wo finde ich die Taste "Es ist nichts passiert"? Ich würde sie auch gerne einmal betätigen.
Wenn das ja alles so einfach ist, kann ich ja auch aufstehen und heimgehen. Holst du mir mal eben meinen Mantel?
Es ist ungerecht von mir. Ich weiß es.
Der junge Mann kam mit meinem Zustand besser zurecht als ich es erwartet hatte. Ohne Scheu kam er zu mir ans Bett, legte zur Begrüßung eine Hand auf meinen Oberarm, erzählte mir, was er wusste und wie der momentane Stand der Dinge war.
Trotzdem: Ist es nicht auch so, jemand riskiert fahrlässig nicht nur seine Gesundheit, auch die anderer, entschuldigt sich hinterher - das heißt doch er möchte von Schuld freigesprochen werden, oder? - und alles ist wieder eitel Sonnenschein? Und wer nicht verzeiht ist verbohrt und nachtragend?
Obwohl - wer sagt mir denn, - das soll den jungen Mann nicht aus seiner Verantwortung entlassen - dass mich nicht ein anderer Döskopf, wenn es nicht ausgerechnet Herrn Zornemann passiert wäre, in eine andere missliche Lage versetzt hätte?
Wie nennt man das noch? ... Bestimmung? ... Schicksal? ... Oder einfach nur Pech? Hätte ich nicht auch zehn Minuten früher oder fünf Minuten später, oder einen ganz anderen Weg fahren können?
Wer sagt mir, dass nicht einfach meine Zeit um ist?
Ihm, diesem jungen Mann, der sich hat als Werkzeug des Unausweichlichen benutzen lassen, ihm ist nichts passiert. Sondern mir!
Und das ist ein Punkt, mit dem ich schwer zu kämpfen habe: Warum gerade mir!
Warum nicht ihm oder sonst irgendeinem anderen?
Andererseits: Woher will ich wissen, dass mit einem anderen nicht etwas anderes geschieht? Mit jedem kann etwas passieren mit dem er bestimmt nicht rechnet. Stell dir vor, du sitzt an deinem Schreibtisch und siehst ein Flugzeug auf dich zukommen!
Es passiert.
Und dir bleiben nur Bruchteile von Sekunden. Hast du da noch Zeit um viel nachzudenken? Denkst du überhaupt oder wirst du gedacht?
Warum habe ich Margret nicht gesagt wie lieb ich sie habe, bevor ich losgefahren bin? Aus demselben Grund warum wir nicht eben mal nach London oder Rom oder Paris, nur so für ein Wochenende, geflogen sind? Warum tun wir nicht die Dinge wenn die Zeit dafür da ist? Warum verschieben wir sie immer auf Später? Damit wir sagen können: Aber ich musste doch noch ...
Warum wird mir die Zeit verwehrt meine Fehler wieder gut zu machen? Was habe ich denn getan, was andere nicht auch tun?
Wofür also soll ich mit meinem Leben büßen? Hat nicht jeder ein Anrecht auf Gnade?
Soll ich sterben, weil ich nicht ignorieren kann, wenn andere etwas Falsches tun, was auch mich betrifft - nur um einer allgemeinen, kollektiven Wahrheit zu dienen? Hat nicht jeder irgendwie Dreck am Stecken? Natürlich rechtfertigt das Vergehen anderer nicht das eigene! Aber soll ich bestraft werden weil ich so denke? Weil ich so handle wie die Natur es bei mir vorgesehen hat?
Wird ein Wolf auch nach jeder Mahlzeit zur Rechenschaft gezogen? Oder tötet er nicht um satt zu werden?
Auch ich habe einen Glauben - glauben heißt nun einmal nicht wissen. Jede noch so bescheidene Berufung auf Gott ist Kapitulation vor dem eigenen Unvermögen Verantwortung zu übernehmen!
Warum brauchen die Menschen immer jemanden auf den sie sich berufen können?
Wieso versucht mir jemand einen Krieg als gottgewollt schmackhaft zu machen?
Soll ich mich damit abfinden, dass alles worauf auch die anderen keine Antwort haben eine Prüfung Gottes ist? Oder ist das Buch "Bibel" nicht doch von Menschen geschrieben worden, damit Menschen Richtlinien für ein Zusammenleben haben?
Damit wir uns nicht missverstehen: Nicht Gott leugne ich, lediglich das Vorhandensein der absoluten Gewissheit seines Seins - würden nicht alle Gott sein wollen, wüssten sie nach dem Leben kommt nichts als eigene Gottgleichheit; das Sein in einem Zustand endlosen Glücksgefühls und höchster Zufriedenheit; das eigene physikalische Aus? Eine Existenz ohne Schmerzen und ohne irgendein negatives Empfinden? Würden wir nicht alle handeln wie die Lemminge?
Warum sollte ich mich nicht vor dem Tod fürchten? Diese Furcht ist doch genauso natürlich wie das Leben und auch der Tod selbst!
Wenn wir keine Angst vor dem Sterben hätten, bräuchten wir nicht zu leben. Wer also kann mir den Willen zum Weiterleben absprechen?
Am allerschlimmsten war das Erwachen; das erste Begreifen einer anderen neuen fremden Realität; die Bewusstwerdung.
Was ich wahrnahm war Summen.
Stilles Surren.
Und wider alle Vernunft die fixe Idee, entführt worden zu sein.
Sie haben mich gefesselt. Und die Augen verbunden.
Ich weiß von nichts - ich habe nichts!
Gebt mir was zu trinken.
Bestimmt wollt ihr Geld.
Zieht einem nackigen Mann das Hemd aus, na los, versucht es doch.
Luft! Ihr habt mir die Lunge geklaut!
Was ist denn das? Habt ihr alles an mir festgeschnallt? Aber ich spüre keine Gurte.
Meine Zunge ist schwer.
Was sind das für Geräusche?
Margret. Sie ist da. Ich spüre es. Hilf mir Margret!
Es ist ein Albtraum, geht bestimmt gleich vorüber. Nur einmal bewegen, irgendetwas; die Arme, die Beine; ein Zucken wird genügen und die Maschinerie der Bewegung kommt wieder in Gang. Der Kopf - der Kopf muss sich doch heben lassen, oder drehen. Warum geht das nicht?
Margret, sag was. Rede mit mir. Sag ich soll aufwachen. Ich werde es tun, das verspreche ich, hörst du? Komm zu mir, streichel mich, rüttel mich, mach mich wach! Sei ein Frosch, küss mich. Ich werde aufwachen wie noch niemals zuvor in meinem Leben.
Die Finger, die Zehen, nichts gehorcht mir? Habt ihr mir alle Bewegungen weggenommen? Warum?!
Der Unfall. Ich muss einen Unfall gehabt haben.
Ich sehe nichts, spüre nur den trockenen Mund. Aber ich höre. Es müssen Apparate sein - oder doch nur ein Traum? Und die Geräusche sind Einbildung? Auch Margret?
Wahrscheinlich bin ich irgendwo zwischen den Schlafphasen hängen geblieben, und es gab gar keinen Unfall. Gleich wache ich auf, frühstücke, mache mich fertig und fahre los.
Erst einmal wieder einschlafen. Ausruhen, erholen, konzentrieren, auf irgendetwas.
Entspannen. Ruhig. Ganz ruhig. Ich bin vollkommen ruhig und gelassen. Schwer. Arme und Beine sind schwer.
Aber ich spüre diese angenehme Schwere nicht. Nicht dieses vertraute Gefühl, das mich in den Zustand der Entspannung, der Erholung hievt.
Da steht doch jemand auf, ich höre es! Das kann nicht sein! Auch Gelähmte können irgendetwas bewegen.
Ich aber nicht!
Und woher kommt auf einmal dieses wohlige Gefühl? Ahhh! Doch nur Einbildung. Gleich komme ich wieder zu mir. Ich werde Margret von diesem Erlebnis erzählen und wir werden bei einem Glas Wein darüber lachen.
Langsam wird der Kopf klar. Die Lunge klemmt noch ein wenig. Zeit für eine Zigarette. Die lebenserhaltende Apparatur gibt ihre gewohnten Geräusche von sich. Ich bin eins mit ihnen. Jedes Leben hat eine Aura, jedes Gerät seine ureigene Abstrahlung. Messbar, spürbar. Behutsam erhebe ich mich. Kein Schlauch hindert mich, keine Schwäche, kein Schwindel.
Zigaretten sind nirgends zu sehen.
Hatte ich damit nicht irgendwann aufgehört? Egal.
Auf der anderen Seite des Bettes, neben einigen Infusionsständern steht ein Stuhl. Ich gehe auf ihn zu. Seltsam leicht fällt es mir. Durch die Glasscheibe ist inmitten all der Apparaturen eine Schwester zu erkennen. Ihr Kopf ist nach vorne gesunken. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie bei dem kleinsten Piep sofort richtig reagieren wird. Ein Apparat signalisiert Ambivalenz. Er weiß nicht wie er entscheiden soll; zu vage sind die Signale, die er bekommt. Draußen, irgendwo, muss das Ärztezimmer sein. Je mehr die Menschheit um die Gefahren des Rauchens weiß, desto mehr wird gequalmt. Einer der gesundheitsbewussten Ärzte wird bestimmt eine Zigarette für mich übrig haben. Außerdem könnte ich mich dabei gleich zurückmelden.
Mir kommt es vor, als bräuchte ich gar keine Türen zu öffnen. Leicht und unkompliziert ist Bewegung in mir.
Im Ärztezimmer sitzt ein junger Mann an einem Computer, vollkommen übermüdet. Ich übernehme die Führung - er ist ich. Er hat sich in einen Chat eingeklinkt. Namen wie: Bommel35, roro, Gemini, JoSchl, ellobo sind zu lesen und viele andere. Neugierig tippe ich "Upps" ein. Gleich darauf erscheint auf dem Bildschirm: (Friedrich) Upps. Woher kennt der Kasten meinen Namen?
Laut Computer ist es kurz nach neunzehn Uhr. Eben noch suggerierte mir die Uhr im Überwachungsraum vier Uhr morgens. Ich lehne mich zurück, denke an die letzte Visite und staune: Das Ärztezimmer füllt sich, der junge Mann, der ich eben noch war, steht nun in einer Gruppe Wartender, ich sitze auf dem Sofa. Der Chefarzt kommt. Er lässt sich über den Zustand von Friedrich Leistenschneider berichten. Der Chef sagt, Frau Leistenschneider hätte ihn um eine Unterredung gebeten. Der Patient wünscht keine lebensverlängernden Maßnahmen. Ohne Apparatur ist ihr Mann nicht mehr lebensfähig, wir müssen uns nach dem Willen des Patienten richten.
Laut Generalvollmacht und ausdrücklichem Wunsch von Margret werden diese Maßnahmen eingestellt.
Ihr denkt, ich sei einer von euch. Diesem Irrtum sollt ihr erliegen. Eure Gesichter werde ich mir ansehen, wenn ihr vor meinem leeren Bett steht.
Das soll nicht heißen, ich wüsste Margrets Entscheidung nicht zu würdigen. So wollte ich es und so will ich es immer noch. Auch dürft ihr mir Organe zur Transplantation entnehmen, sobald mein Hirntod zweifelsfrei feststeht. Zum Chef sage ich: Komm Alter, lass uns eine rauchen, vergessen wir den ganzen Schlamassel. Nicht vergessen werde ich, was ihr für mich getan habt.
Obwohl, wenn in mir die Schranken unterschiedlicher Bewusstseinsebenen sind - oder ich noch über das Feld des Vergessens gehen werde, wie das der Buddhismus nennt - bleibt auch das offen.
Deja vu - dieses Erlebnis erklären wir damit, die Augen sehen bevor der Verstand verarbeiten kann. Wir sehen die Gegenwart, unsere gedankliche Verarbeitung hinkt hinterher; wir denken Vergangenheit, bis der Verstand die Augen einholt.
Oder ist auch das nur eines jener Hilfskonstrukte mit denen wir uns die Angst vor dem Unbegreiflichen vor unserer Seele schönreden; ihm einen Namen geben, damit es uns nicht mehr fremd ist? Und ich habe doch schon einmal gelebt?
Sollte ich auf eine Existenz, die mein momentanes Vorstellungsvermögen überschreitet, hoffen können?
Meine Vorstellungen bewegen sich in einem Rahmen, der von der Natur vorgegeben ist. Übernatürliches begreife ich nicht. Kann ich auch nicht begreifen. Könnte ich also doch, nachdem ich nicht den Geist sondern den Körper aufgegeben habe, in einer anderen Lebensform weiterexistieren?
Was sich hinter dem Leben verbirgt kann sich nur im Tod offenbaren. Ich fürchte mich nicht davor, ich bin gespannt darauf.
Eine Zigarette wollte ich rauchen? Wozu! Nur weil ich das gleich nach dem Aufstehen aus alter Gewohnheit immer gemacht habe?
Was nützt mir ein Erwachen in diesem Seelengefängnis? In einer nicht funktionierenden Hülle die sich Körper nennt?
Und dann auch noch in der Ungnade des Vergessens. Noch nicht einmal erzählen könnte ich was mit mir in dieser Zeit vor sich gegangen ist. Nichts von meinem Empfinden, meinen Ängsten, meinen Hoffnungen, nichts von all dem was mir zu schaffen machte. Ich würde mich an nichts erinnern.
Nicht ich beherrsche die Zeit, die Zeit beherrscht mich. Ich habe mich nicht in den Zeiten hin und her bewegt, ich habe mich erinnert. Ich bin die Erinnerung. Alles was ich gelernt habe. Dann gehen wir hin und bleiben weg: Es ist an der Zeit loszulassen.
Genauso wie ich durch die Hände eines jungen Menschen mit euch am Computer kommuniziert habe, genauso bin ich der Mensch, der die Maschinen ausschaltet. Ich bin jeder und alles; das Licht am Ende des Tunnels, das mich zu sich ruft; ich bin eins. So lange ihr von mir redet und über mich schreibt, so lange bin ich.



Eingereicht am 29. Juli 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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